England: Verzögerte Krebsdiagnosen wegen COVID-19

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In England ist offenbar wegen Verzögerungen in der Diagnosestellung aufgrund der COVID-19-Pandemie ein erheblicher Anstieg der Zahl vermeidbarer Krebstodesfälle zu erwarten, wie aktuelle Berechnungen zeigen.

In ihrer Studie schätzten die Autoren den Einfluss von Verzögerungen bei der Diagnose auf das Überleben bei 4 wichtigen Tumorarten. Dafür verwendeten die Wissenschaftler Datensätze zu Krebserkrankungen aus dem englischen National Health Service (NHS), die mit Krankenhausverwaltungsdaten verknüpft waren. Die Daten betrafen Patienten im Alter von 15–84 Jahren, bei denen zwischen dem 01.01.2010 Brust-, Darm- oder Speiseröhrenkrebs diagnostiziert worden war (Follow-up-Daten bis 31.12.2014), und bei denen zwischen dem 01.01.2012 und dem 31.12.2012 (Follow-up-Daten bis 31.12.2015) Lungenkrebs festgestellt wurde.

Die Studienautoren verwendeten ein Routes-to-Diagnosis-Framework, um die Auswirkungen diagnostischer Verzögerungen über einen Zeitraum von 12 Monaten ab Beginn der Maßnahmen zur physischen Distanzierung im Rahmen der COVID-19-Pandemie am 16.03.2020 bis 1, 3 und 5 Jahre nach der Diagnose abzuschätzen.

Die Studienautoren schätzten die Auswirkungen auf das Nettoüberleben 1, 3 und 5 Jahre nach der Diagnose, um die Zahl der zusätzlichen Todesfälle, die einer Krebserkrankung zugerechnet werden können, zu berechnen, ebenso wie die Gesamtzahl der verlorenen Lebensjahre (years of life lost [YLL]) im Vergleich zu Daten vor der Pandemie. Gesammelt wurden Informationen zu 32.583 Patientinnen mit Brustkrebs, 24.975 Patienten mit Darmkrebs, 6744 mit Speiseröhrenkrebs und 29.305 mit Lungenkrebs.

In den 3 verschiedenen Szenarien errechneten die Autoren im Vergleich zu den Zahlen vor der Pandemie einen Anstieg der Zahl der durch Brustkrebs verursachten Todesfälle bis zum 5. Jahr nach der Diagnose um 7,9–9,6%, was zwischen 281 (95%-KI 266–295) und 344 (95%-KI 329–358) zusätzlichen Todesfällen entspricht.

Für Darmkrebs schätzten sie 1445 (95%-KI 1392–1591) bis 1563 (95%-KI 1534–1592) zusätzliche Todesfälle – ein Anstieg von 15,3–16,6%. Bei Lungenkrebs waren es 1235 (95%-KI 1220–1254) bis 1372 (95%-KI 1343–1401) zusätzliche Todesfälle, was einem Anstieg von 4,8–5,3% entspricht. Für Speiseröhrenkrebs ergaben sich 330 (95%-KI 324–335) bis 342 (95%-KI 336–348) zusätzliche Todesfälle – ein Anstieg von 5,8–6,0% bis zu 5 Jahre nach Diagnose.

Für diese 4 Tumorentitäten entsprechen diese Daten den Autoren zufolge 3291–3621 zusätzlichen Todesfällen über alle Szenarien hinweg innerhalb von 5 Jahren. Die Gesamtzahl der zusätzlichen YLL bei diesen Krebsarten wurde auf 59.204–63.229 geschätzt.

Fazit
Aufgrund diagnostischer Verzögerungen, bedingt durch die COVID-19-Pandemie, ist in Großbritannien mit einem erheblichen Anstieg der Zahl vermeidbarer Krebstodesfälle zu rechnen. (ac)

Autoren: Maringe C et al.
Korrespondenz: Ajay Aggarwal; [email protected]
Studie: The impact of the COVID-19 pandemic on cancer deaths due to delays in diagnosis in England, UK: a national, population-based, modelling study
Quelle: Lancet Oncol 2020;21(8):1023–1034.
Web: https://doi.org/10.1016/S1470-2045(20)30388-0