Weitere Hinweise auf Entwicklungsrisiken durch Antikonvulsiva in der Schwangerschaft

Neue Daten, veröffentlicht in „The BMJ“, bestätigen das erhöhte Risiko für ADHS, Autismus und andere neuroentwicklungsbedingte Störungen bei Kindern von Müttern, die während der Schwangerschaft bestimmte Antikonvulsiva einnahmen. Für andere gängige Antikonvulsiva zeigen sich keine oder nur geringe Risiken, doch die Beobachtung sollte den Autoren zufolge fortgesetzt werden.

Antikonvulsiva werden zunehmend bei Frauen im gebärfähigen Alter eingesetzt, unter anderem zur Behandlung von Epilepsie, bipolaren Störungen oder zur Migräneprophylaxe. Frauen mit Epilepsie wird geraten, die Medikamente während der Schwangerschaft fortzuführen, da unkontrollierte Anfälle sowohl für Mutter als auch Kind ein Risiko darstellen.

Während Valproat bekanntermaßen mit einer Beeinträchtigung der kindlichen Neuroentwicklung assoziiert ist, liegen für andere Antikonvulsiva bisher nur begrenzte Daten vor. Um diese Lücke zu schließen, analysierten die Forschenden Daten von Schwangeren mit diagnostizierter Epilepsie aus zwei großen US-amerikanischen öffentlichen und kommerziellen Versicherungsdatenbanken für den Zeitraum von 2000 bis 2021.

Sie verglichen 14.993 Kinder, die in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft mindestens einem Antiepileptikum ausgesetzt waren, mit 8.887 nicht exponierten Kindern. Von diesen wurden 5505 mindestens fünf Jahre und 2516 mindestens acht Jahre nach der Geburt nachbeobachtet. Einflussfaktoren wie Alter und ethnische Zugehörigkeit der Mutter, psychische Gesundheit, Substanzkonsum, weitere Medikamente sowie Grunderkrankungen wurden berücksichtigt.

Unterschiede zwischen verschiedenen Antikovulsiva

Valproat und Zonisamid zeigten Assoziationen mit mehreren neuroentwicklungsbedingten Störungen. Levetiracetam und Phenytoin waren hingegen mit keinem der untersuchten Outcomes assoziiert.

Für Topiramat und Lamotrigin wurden über die meisten Outcomes hinweg keine bedeutsamen Zusammenhänge gefunden. Allerdings zeigte sich ein mögliches Signal für geistige Behinderung (bei beiden Medikamenten) sowie Lernschwierigkeiten (nur bei Topiramat). Die Autorinnen und Autoren weisen jedoch darauf hin, dass diese Ergebnisse auf kleinen Fallzahlen basieren und in Folgestudien bestätigt werden müssen.

Carbamazepin und Oxcarbazepin waren mit einem moderaten Risiko für ADHS und Verhaltensstörungen verbunden. Mehrere andere Antikonvulsiva zeigten ebenfalls ein erhöhtes Risiko für geistige Behinderung, wobei auch hier die Fallzahlen klein waren und die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind.

Einschränkungen und Bedeutung

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können keine definitiven Aussagen zu Ursache und Wirkung getroffen werden. Einschränkungen ergeben sich unter anderem aus der Nutzung von Versicherungsdaten und möglichen unbeachteten Faktoren wie Epilepsie-Typ und -Schwere. Die Verwendung zweier großer, landesweiter Datenbanken von versicherten Schwangeren mit Verknüpfung zu ihren Kindern stärkt jedoch die Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Zusätzliche Analysen bestätigten die Resultate, was auf ihre Robustheit hinweist.

Die Forschenden folgern: „Unsere Studie unterstreicht die erheblichen Risiken für neuroentwicklungsbedingte Störungen bei pränataler Exposition gegenüber Valproat und weist auf die Notwendigkeit hin, die Sicherheit von Zonisamid in der Schwangerschaft weiter zu evaluieren. Eine kontinuierliche Beobachtung neuerer Antikonvulsiva sowie der wenigen möglichen Signale – etwa das moderate Risiko für ADHS und Verhaltensstörungen nach Exposition gegenüber Carbamazepin und Oxcarbazepin sowie die Assoziation mehrerer Antikonvulsiva mit geistiger Behinderung – bleibt wichtig.“

(lj/BIERMANN)

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