Entzündungen kennen keine Organgrenzen – Rheuma als interdisziplinäre Herausforderung

Die Fächer sollten nach Ansicht der DGRh bei der Behandlung von Entzündungsleiden näher zusammenrücken, ein gutes Beispiel sei die Einführung interdisziplinärer Entzündungsboards (Symbolbild). Foto: © JackF – Fotolia.com

Bei der Therapie der häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankung, der rheumatoiden Arthritis, gilt es, stets den gesamten Körper im Blick zu behalten, denn: „Entzündungen kennen keine Organgrenzen“, betont die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) im Vorfeld ihres Jahreskongresses. Oft sind auch die Augen an rheumatischen Erkrankungen beteiligt – die Beschwerden am Auge können sogar das Leitsymptom sein.

„Die körpereigene Abwehr patrouilliert durch den ganzen Körper: Die Botenstoffe der Immunzellen dringen in jedes Organ und jedes Gewebe vor. Für ihre Aufgabe, die Infektabwehr, ist das nötig“, erklärt die DGRh. Bei Autoimmunkrankheiten und chronischen Entzündungen führe diese „Schrankenlosigkeit der Immunzellen“ jedoch dazu, dass oft nicht nur ein Organ betroffen sei, sondern mehrere oder der gesamte Körper. Die Behandlung systemischer Entzündungen erfordere es daher, dass Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen eng zusammenarbeiten.
Welche Möglichkeiten eine interdisziplinäre klinische Immunologie in Diagnostik und Differenzialtherapie für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bietet und welche Herausforderungen damit verbunden sind, diskutierten Experten anlässlich des 46. Kongresses der DGRh (http://dgrh-kongress.de) vom 19. bis 22. September in Mannheim.

Systemische Herangehensweise
„Bereits das Beispiel der häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankung, der rheumatoiden Arthritis, zeigt, wie wenig sich das Immunsystem an Organgrenzen hält“, verdeutlicht die Fachgesellschaft. Zu Beginn der Autoimmunerkrankung seien vor allem die Gelenke von der chronischen Entzündung betroffen. Im weiteren Verlauf der Krankheit könnten auch andere Organe wie Augen, Lunge, Blutgefäße oder Herz angegriffen werden.
„Autoimmunerkrankungen sind daher immer als Entzündung zu betrachten, die den ganzen Körper betrifft “, sagt Prof. Hanns-Martin Lorenz, Präsident der DGRh und Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Bei der Therapie müsse der behandelnde Rheumatologe daher immer den gesamten Körper im Blick behalten. Diese systemische Herangehensweise erfordere eine sehr umfassende Expertise breit ausgebildeter, internistischer Rheumatologen und Internisten unterschiedlicher Fachgebiete, die ihr Wissen einbrächten.

Näher zusammenrücken
Dass die Fächer bei der Behandlung von Entzündungsleiden näher zusammenrückten, liege nicht nur in der Natur der Erkrankungen selbst, so die DGRh. Auch die antientzündlichen Medikamente hätten ein breites Wirkungsspektrum und entfalteten es im ganzen Körper. Vor allem die in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelten Biologika und Immuntherapeutika, die sehr effektiv Entzündungszellen oder deren Botenstoffe blockierten, wirkten in der Regel an mehreren Zielorganen zugleich. Als Beispiel nennt Lorenz den gegen B-Zellen gerichteten Antikörper Rituximab*: „Er kann in der Therapie der rheumatoiden Arthritis ebenso eingesetzt werden wie bei der Behandlung des B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphoms, bei Gefäßentzündungen ebenso wie bei der Multiplen Sklerose, bei der die Entzündungsherde im zentralen Nervensystem liegen. „Die Immuntherapie ist daher immer eine interdisziplinäre Systemtherapie“, sagt der DGRh-Präsident.

Enormer Wissenszuwachs
Auch der enorme Wissenszuwachs auf dem Gebiet der Immunbiologie und die damit einhergehende Zunahme der therapeutischen Möglichkeiten führe dazu, dass Mediziner einer Fachrichtung nicht mehr alle Feinheiten anderer Disziplinen überblicken können und daher auf Kooperationen angewiesen seien. „Viele Universitätsklinika tragen dem schon Rechnung, etwa indem sie interdisziplinäre Entzündungsboards einführen“, sagt Lorenz. Hier arbeiteten Rheumatologen mit anderen Fachärzten zusammen. So könnten die unterschiedlichen Facetten der jeweiligen Erkrankung berücksichtigt und eine für den Patienten optimale Therapie konsentiert werden. Jedes große Zentrum mit Entzündungsexpertise sollte ein solches interdisziplinäres Zentrum einrichten, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass chronisch entzündliche Erkrankungen Charakteristika einer Volkskrankheit hätten und hohe Kosten verursachten, und dass sich die Entwicklung neuer Immuntherapeutika gerade für seltene Erkrankungen rasant fortentwickele.

Quelle:  Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie

*Anm. d. Red.: Rituximab wird auch in der Uveitis-Therapie eingesetzt.