Eröffnung der Algesiologikum Tagesklinik für Schmerzmedizin in München

Foto: ©Algesiologikum GmbH

Die jüngst eröffnete Tagesklinik für Schmerzmedizin des Algesiologikum – Zentrum für Schmerztherapie in München bietet 30 Therapieplätze für die stetig wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen. Mit Erfolg, wie eine aktuelle Erhebung des Schmerzzentrums darlegt.

„Hier wird der Schmerz ernst genommen.“ Mit diesen Worten begrüßte die Moderatorin Caro Matzke am Mittwoch, 1. Februar, die Teilnehmenden zur Eröffnungsfeier der neuen Tagesklinik des Algesiologikums, Zentrum für Schmerztherapie in München. Die Tagesklinik am neuen Standort am Bogenhausener Arabellapark bietet mit 30 Behandlungsplätzen – und bis zu 500 Plätzen pro Jahr – eine umfassende Versorgung für chronische Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten. Mit anfänglich 6 Therapieplätzen wurde die Tagesklinik bereits 2016 gegründet. Aufgrund des hohen Bedarfs wurden diese auf bis zu 20 Therapieplätze erweitert, bevor die Kapazitätsgrenze erreicht und der Umzug in größere Räumlichkeiten fällig war. Das Zentrum für Schmerztherapie behandelt in seinem Dreiklang aus Medizinischem Versorgungszentrum, Tagesklinik und stationärer Krankenversorgung rund 5000 Patientinnen und Patienten pro Jahr und zählt damit laut eigenen Angaben zu den größten Einrichtungen dieser Art in Bayern und in Deutschland.

Interdisziplinäre und multimodale Kassenleistung

Zentrales Therapiekonzept der Tagesklinik ist die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST). In einem vier- bis sechswöchigen Programm wird von einem interdisziplinären Team aus Ärztinnen und Ärzten sowie Psycho- und Physiotherapeutinnen und -therapeuten eine für den individuellen Patienten zugeschnittene Therapie erarbeitet. Neben dem Körper werden im biopsychosozialen Modell so auch die Psyche und das soziale Umfeld betrachtet. Kombiniert wird dies mit umfangreichen Schulungen über Schmerzentstehung und -behandlung. „Menschen mit chronischem Schmerz wollen vor allem ernst genommen und ganzheitlich behandelt werden – und wir möchten sie mit einem individuellen Lösungsweg aus ihrem chronischen Schmerz wieder aus der Tagesklinik entlassen“, sagte Chefarzt Dr. Marc Seibolt auf der Veranstaltung im Algesiologikum.

Ein Punkt ist Seibolt äußerst wichtig: „Eine Schmerztherapie ist kein Luxus, sondern eine Regelleistung der Krankenkasse!“ Viele Betroffene und auch noch zahlreichende zuweisende Ärztinnen und Ärzte ohne Schmerzspezialisierung wüssten das nicht. Es belastet auch das Praxisbudget nicht. „Damit sind wir spezialisierte Partner der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen“, betont Seibolt.

Mittlere Schmerzreduktion von fast 20 Prozent

Eine aktuelle Analyse der Daten im Haus zeigt: Die Menschen, die in der Algesiologikum Tagesklinik für Schmerzmedizin in München Hilfe suchen, erleiden fast jeden Tag mehrfach Schmerzattacken, häufig an der Wirbelsäule, und kämpfen mit dem chronischen Schmerz bereits seit zwei bis fünf Jahren, oder sogar länger. Sie sind zu zwei Dritteln weiblich und im Schnitt 48 Jahre alt. Die Analyse beruht auf der statistischen Auswertung von 577 Patientenfragebögen aus dem Jahr 2016 bis 2022, deren Zustand vor und nach der Therapie anhand des Deutschen Schmerzfragebogens bewertet wurde.

Nach Ende der Therapie gaben die Befragten auf der Numerischen Bewertungsskala (NRS; 0–10 Punkte) eine durchschnittliche Schmerzreduktion von 19 % an. Die aktuelle, die mittlere und die maximale Schmerzstärke bezogen auf die vergangenen 4 Wochen, nahmen im Mittel signifikant ab. Die aktuelle und mittlere Schmerzstärke lagen vor Therapiebeginn auf der NRS durchschnittlich bei 6 und nach Therapieende bei 5. Die maximale Schmerzstärke sank im Mittelwert von 8 auf 7. Die mittlere Beeinträchtigung von Alltag, Freizeit und Arbeit auf einer Skala von 0 bis 10 lag mit einer Verringerung um ca. einen Punkt ebenfalls signifikant unter dem Wert vor Therapiebeginn.

Weniger schmerzbedingte psychische Beeinträchtigungen

Im Rahmen der Interdisziplinären Multimodalen Gruppenschmerztherapie verbesserte sich die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit in allen abgefragten Bereichen:

  • Ein erhöhtes affektives Schmerzerleben wiesen vor Therapiebeginn 25 % und nach Ende der Therapie 22 % der Patientinnen und Patienten auf.
  • Vor Therapiebeginn wurde bei 35 % ein niedriger und damit auffälliger Wert beim allgemeinen Wohlbefinden festgestellt. Nach Ende der Therapie war dies noch bei 22 % der Patientinnen und Patienten der Fall.
  • Hinweise auf eine Depression zeigten vor Therapiebeginn 30 %, nach Ende der Therapie 18 % der Patientinnen und Patienten.
  • Stress konnte vor Therapiebeginn bei 42 % und nach Ende der Therapie bei 25 % der befragten Personen festgestellt werden.
  • 78 % der Patientinnen und Patienten fühlten sich vor Therapiebeginn hinsichtlich ihrer körperlichen Lebensqualität eingeschränkt. Nach Ende der Therapie waren es noch 60 %.
  • Einschränkungen bzgl. der mentalen Lebensqualität stellten vor der Therapie 64 % bei sich fest. Nach Ende der Therapie waren es noch 45 %.

Versorgungsstrukturen für Schmerzgeplagte ausbauen

Der Mitbegründer des Algesiologikums Dr. Reinhard Thoma machte auf die mangelnden Versorgungsstrukturen für Schmerzpatientinnen und -patienten in Deutschland aufmerksam. Die Interdisziplinarität, die für die multimodale Therapie essenziell sei, passe nur bedingt in die etablierten medizinischen Strukturen und erfordere hohe Investitionen, kritisierte er. „Die Patientinnen und Patienten kommen häufig viel zu spät bei uns an. Die Versorgung in Deutschland muss darauf angepasst werden, gerade diese Menschen früher zu behandeln“, betonte er. Als zwei wesentliche Problemfelder nannte er den allgemeinen Fachpersonalmangel sowie im speziellen den mangelnden Nachwuchs im Bereich der Schmerzmedizin. Um dem entgegenzuwirken werden am Algesiologikum jährlich fünf Ärztinnen und Ärzte in der „Speziellen Schmerztherapie“ weitergebildet.

„Während der Corona-Pandemie wurden unsere Patientinnen und Patienten vermehrt digital versorgt. Jetzt müssen die digitalen Erfahrungen sinnvoll in die Behandlungskonzepte integriert und hybride Strukturen ermöglicht werden: die multimodale Schmerztherapie in der Tagesklinik sowie auf Station und die Nachbetreuung über eine App, mit deren Hilfe die Patientinnen und Patienten auch nach der Entlassung digital weiter betreut werden können“, hob Thoma hervor. Zum Konzept der Nachbetreuung gehört laut Seibolt auch eine „Auffrischwoche“, an der die Patientinnen und Patienten nach sechs bis neun Monaten teilnehmen können – dem Zeitpunkt, ab dem die Betroffenen in puncto Alltagsintegration meist nachlässig werden.

Auf den steigenden Bedarf solcher Therapiekonzepte, wie sie am Algesiologikum angeboten werden, machte Dr. Ursula Marschall, ebenfalls Schmerzmedizinerin und ärztliche Leiterin der Barmer-Versicherungen, aufmerksam. Die Barmer erprobe darum gemeinsam mit der Deutschen Schmerzgesellschaft neue Handlungskonzepte. Gemeinsam würden diese evaluiert werden, „damit sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch baldmöglichst in der Regelversorgung durchsetzen können“, so Marschall.

(ah)