Erste Hilfe für Wildtiere in Not

Prof. Michael Pees stellt die App Wildtier SOS vor. Foto: © Yvonne Voges

Die neue KI-gestützte App „Wildtier SOS“ der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover soll Findern von Wildtieren als schnelle Entscheidungshilfe dabei dienen, ob ein Wildtier tatsächlich Hilfe benötigt oder besser in der Natur belassen werden sollte.

Ein junges Eichhörnchen unter einem Baum, ein kleiner Vogel, der scheinbar verlassen über den Gehweg hüpft, oder ein Feldhase, der allein am Feldrand im Gras kauert: Gerade jetzt begegnen viele Menschen jungen Wildtieren, die auf den ersten Blick hilfsbedürftig erscheinen. Mit guten Absichten bringen sie sie zur Versorgung zum Beispiel in die Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) am Bünteweg – doch nicht alle dieser Wildtiere brauchen tatsächlich Hilfe.

Ästlinge benötigen keine Hilfe – Elterntiere sind meist in der Nähe

„Viele Menschen möchten helfen, wenn sie ein Tier in Not vermuten“, sagt Klinikleiter Prof. Michael Pees. „Dieses Engagement ist ja erst einmal sehr positiv. Bei vielen Wildtieren, die zu uns gebracht werden, stellen wir aber leider fest, dass sie gar nicht hilfsbedürftig waren und in ihrem natürlichen Lebensraum hätten bleiben können.“

Eine juvenile Amsel wurde zur TiHo gebracht, obwohl sie als Ästling keine Hilfe gebraucht hätte. Foto: © Yvonne Voges

Besonders häufig betrifft dies derzeit sogenannte Ästlinge – Jungvögel heimischer Arten wie Amseln, Rotschwänze oder Krähen. Sie haben das Nest bereits verlassen, sind aber noch nicht voll flugfähig und werden weiterhin von ihren Elterntieren versorgt.

Eine junge Amsel wird auf Station der Heimtierklinik der TiHo gefüttert. Foto: © Yvonne Voges

Um Finderinnen und Findern eine schnelle und fundierte Entscheidungshilfe zu bieten, haben Mitarbeitende der TiHo mit tierärztlicher und biologischer Expertise die KI-gestützte App „Wildtier SOS“ entwickelt. Ermöglicht wurde das Projekt durch eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Mit der App möchte die TiHo dazu beitragen, unnötige Eingriffe in die Natur zu vermeiden. Gleichzeitig möchte sie sicherstellen, dass Wildtiere, die tatsächlich Hilfe benötigen, schnell und fachgerecht versorgt werden.

Schnelle Hilfe zu jeder Zeit an jedem Ort

„Mit ,Wildtier SOS‘ halten Nutzerinnen und Nutzer einen digitalen Wildtierexperten und Erste-Hilfe-Guide in der Hand“, beschreibt Pees die mobile Anwendung. Finden sie ein Wildtier, kann direkt in der App die Tierart bestimmt werden. „Jetzt geht das ganz praktisch mit der neuen KI-Integration. Per Foto kann die App in kürzester Zeit die Tierart erkennen, was Laien besonders bei Jungtieren schwer fallen kann“, so der Klinikleiter.

Junge Mauersegler sind meistens auf menschliche Hilfe angewiesen. Foto: © Yvonne Voges

Schritt für Schritt hilft „Wildtier SOS“ dem Nutzer oder der Nutzerin mit gezielten Fragen zum gefundenen Tier. Ob es sich irgendwo verfangen hat oder offensichtliche Verletzungen erkennbar sind. Und wo es aufgefunden wurde oder ob es sich um ein Jungtier handelt. Beispiel-Bilder und -Videos helfen bei der Einschätzung. „Die Fragen wurden auf wissenschaftlicher Basis und Erfahrungen aus der tierärztlichen Versorgung von Wildtieren erarbeitet. Neben der Tierart werden auch Jahreszeit, Wetterbedingungen und typische Verhaltensweisen berücksichtigt, um eine klare Einschätzung geben zu können: Sollte das Tier in Ruhe gelassen werden und in der Natur bleiben oder ist es auf Hilfe angewiesen und sollte daher vom Menschen eingegriffen werden“, so Pees.

Ein Eichhörnchen-Jungtier wird in der Heimtierklinik der TiHo versorgt. Foto: © Yvonne Voges

Videos zeigen, wie mit dem Tier umzugehen ist

Kurze Erklär-Videos weisen Finderinnen oder Finder an, wie das Tier aufgenommen, versorgt und transportiert werden kann. Ergänzend gibt es wichtige Hinweise zu gesetzlichen Vorgaben, Zoonosen und dem Schutzstatus des Tiers. Per GPS zeigt „Wildtier SOS“ die passenden Anlaufstellen in der Nähe an, die das Tier weiterversorgen oder weiterführend dazu beraten können. Dabei greift die App auf eine bundesweite Datenbank mit Wildtierstationen, Tierarztpraxen, Beratungsstellen und zuständigen Behörden zurück. Diese wird kontinuierlich erweitert – allein in den letzten vier Monaten haben sich über 250 neue Anlaufstellen registriert. Insgesamt listet die App so schon mehr als 4.300 Kontaktmöglichkeiten. 

Ein junger Hausrotschwanz ist Patient an der TiHo. Foto: © Yvonne Voges

Digitales Lexikon der heimischen Tierwelt

Neben der hilfreichen SOS-Funktion bietet die App eine große Bandbreite an Wissen über die heimische Tierwelt. Dabei fungiert sie wie ein mobiles Lexikon, das Lust auf Natur macht. Mit Bestimmungsfunktionen zur Identifizierung von Tierarten und spannenden Steckbriefen lernen Nutzerinnen und Nutzer ihre heimischen Nachbarn besser kennen. Auch rechtliche Fragen, etwa zum Jagdrecht, werden verständlich erklärt.

„Die App ,Wildtier SOS‘ ist ein digitaler Meilenstein für den Tier- und Artenschutz in Deutschland“, fasst Prof. Pees zusammen. „Sie vermittelt wertvolles Wissen über die Wildtiere in unserer Umgebung, erkennt, ob ein Tier Hilfe benötigt, leitet Finderinnen und Finder bei der Erstversorgung an und unterstützt dabei, die richtigen Anlaufstellen in der Nähe zu finden.“

Die App ist kostenlos in den App-Stores verfügbar.

Hintergrund

2024 entstand bei Professor Dr. Michael Pees und seinem Team die Idee, eine Hilfestellung für Menschen zu entwickeln, die schnell und unkompliziert Rat gibt, wenn sie ein Wildtier in Not finden. Nach anderthalb Jahren Entwicklungszeit wurde schließlich „Wildtier SOS“ als mobile App entwickelt, basierend auf wissenschaftlich fundiertem Wissen und wertvoller Erfahrung aus der Praxis der Wildtierversorgung.

Sie ist seit Frühjahr 2026 kostenfrei in allen App-Stores erhältlich.

Das Netzwerk für ortsgebundene Hilfe erstreckt sich über ganz Deutschland. Es erweitert sich stetig, sodass Finderinnen und Finder von hilfsbedürftigen Wildtieren auch in ihrer Nähe eine Anlaufstelle finden können.

Die smarte Technologie berücksichtigt neben der Tierart auch die Jahreszeit und die Wetterbedingungen vor Ort. Mit der neuen KI-Erweiterung seit Sommer 2026 ist die Tierart-Bestimmung zuverlässig und einfach für jeden umsetzbar.

Das Projekt „Wildtier SOS“ wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert und von zahlreichen Tier-, Umweltschutzorganisationen sowie Tierärzteverbänden unterstützt. Fachliche Unterstützung bei der Entwicklung erhielt das Team der TiHo auch von der Universität Leipzig und der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Ein Igel mit Parasiten wird auf Station der Heimtierklinik der TiHo behandelt. Foto: © Silke Vasel