Erstes Adipositas-Board Süddeutschlands: Adipositas interdisziplinär behandeln

Die Rate adipöser Menschen in den Industrienationen steigt immer weiter. Deshalb wurde jetzt unter Leitung der Chirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen Süddeutschlands erstes und Adipositas-Board eingerichtet.

In dieser interdisziplinären Runde sagen Allgemein- und Viszeralchirurgen, Ernährungsmediziner, Internisten, Endokrinologen, Plastische Chirurgen, Gynäkologen, Dermatologen, Fachärzte für Psychosomatik und Psychotherapie sowie Physiotherapeuten den Kilos gemeinsam den Kampf an.

Krankhaftes Übergewicht wurde für Sonja B. aus Haßfurt buchstäblich zu einem schwerwiegenden Problem. Bezeichnenderweise kam sie schon mit Übergewicht zur Welt – mit 5,5 Kilo, vier Wochen zu spät. “Ich war schon immer dick”, sagt sie. “Meine Eltern waren dick, meine Großeltern auch. Meine Oma hat immer gesagt, Kinder müssten einfach füllig sein. Als Betthupferl gab es dann noch ein Würstchen.”

Das Übergewicht wurde Sonja B. durch ihre Gene und ihre Erziehung mitgegeben. Dass es sie krank machen würde, hat sie nicht kommen sehen. Bereits mit zehn Jahren bekam Sonja B. Diabetes mellitus Typ 1 und wog bald über 150 Kilo. Heute – mit 47 Jahren – zeigt die Waage 224 Kilo. Und die Liste der Folge- und Begleiterkrankungen ist lang: Unterleibskrebs, Herzinsuffizienz, schwere Lymphödeme in den Beinen (Elephantiasis) und Atemaussetzer während des Schlafens sind nur einige Punkte. Seit drei Jahren hat Sonja B. ihre Wohnung nicht mehr verlassen – sie kann nicht mehr gehen. Als ihre Hausärztin ihr sagte, dass sie nun mit Bewegung und einer Diät keine nennenswerte Besserung mehr erzielen könne, entschied sich Sonja B., sich von den Adipositasexperten des Uni-Klinikums Erlangen behandeln zu lassen. Bei diesen stellte sie sich jetzt vor.

Moustafa Elshafei von der Chirurgie des Uni-Klinikums erklärt: “Die gesamte Behandlung wird ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen und stufenweise erfolgen. Am Ende soll die Patientin deutlich unter 100 Kilo wiegen.” Sonja B. benötigt die Hilfe vieler verschiedener medizinischer Disziplinen. Ihre Krankengeschichte stand deshalb auf der Agenda des neuen Adipositasboards des Uni-Klinikums Erlangen, das monatlich darüber berät, welche Therapie im Einzelfall die beste ist.

Konservative und chirurgische Therapie

Zunächst wird Sonja B. nun in der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie stationär aufgenommen. Ernährungsmedizinerin und Leiterin des Hector-Centers für Ernährung, Bewegung und Sport, Prof. Yurdagül Zopf, führt aus: “Wir stellen die Patientin auf eine energiereduzierte und eiweißreiche Ernährung um. Mit Medikamenten erreichen wir, dass sich ihr Appetit verringert und sich der Magen langsamer entleert. Dieses Ernährungsprogramm kombinieren wir – so weit wie möglich – mit einer Trainingstherapie: Ganzkörper-EMS-Training (Elektromuskelstimulation) zum Beispiel, das die Muskulatur effektiv mit Stromimpulsen trainiert, ist auch bei sehr adipösen Menschen wie Frau B. möglich. Zu einem späteren Zeitpunkt verspricht dann hochintensives Intervalltraining (HIIT), bei dem sich kurze intensive Belastungsphasen mit Erholungsphasen abwechseln, gute Erfolge.” Das Ernährungs- bzw. Trainingsprogramm wird durch eine Verhaltenstherapie ergänzt.

Danach folgt Therapiestufe 2: “Sind die konservativen Verfahren, also Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie erschöpft oder ohne Aussicht auf Erfolg und leidet der Patient – wie Sonja B. – unter Begleiterkrankungen, operieren wir”, erläutert Prof. Dr. Robert Grützmann, Direktor der Chirurgie. “Dazu stehen uns alle Möglichkeiten der Adipositaschirurgie zur Verfügung: von Magenballon und Magenband über den Schlauchmagen bis zu Gastroplastiken und dem Magenbypass.” Bei Sonja B. wollen die Erlanger Chirurgen zuerst einen Schlauchmagen anlegen und so den Magen um ca. 90 Prozent verkleinern. “Dadurch hat die Patientin weniger Hunger, sie isst weniger und verliert schnell an Gewicht. Begleiterkrankungen können sich wieder zurückbilden”, sagt Robert Grützmann. Im nächsten Schritt planen die Ärzte einen Magenbypass: Dabei werden große Teile von Magen und Dünndarm umgangen. Die Nahrung wird so erst viel später vom Körper aufgenommen: Der Organismus muss mit wesentlich weniger Nährstoffen auskommen.

Regelmäßige Aufklärung über Adipositas

Wie gefährlich krankhaftes Übergewicht ist, welche Ursachen, Folgen und Therapien es gibt, erklären die Experten des Uni-Klinikums Erlangen bei monatlichen Informationsabenden. “Übergewicht reduziert die Lebenserwartung eines 40-Jährigen um bis zu sechs Jahre, bei schwerer Adipositas sogar um bis zu 20 Jahre. Jeder Zweite leidet zusätzlich unter psychischen Problemen”, warnt Elshafei. Schuld an der Adipositas sind neben erblichen und hormonellen Faktoren vor allem eine falsche (Über-)Ernährung und Bewegungsmangel. Betroffene können sich in der Adipositassprechstunde der Chirurgie bei den Experten Dr. Christian Krautz und Moustafa Elshafei vorstellen. “Wie Sonja B. geht es vielen Menschen. Und für die müssen wir eine ganz neue Versorgung aufbauen”, sagt Moustafa Elshafei.

Nächster Adipositasinfoabend für Betroffene und Angehörige:

Datum: Dienstag, 7.11.2017, 18.45 – ca. 21.00 Uhr, nur mit Voranmeldung unter
Telefon: 09131 85-35879

Adipositassprechstunde:

Dienstags, 13.00 – 16.00 Uhr, Terminvereinbarung erforderlich
Telefon: 09131 85-35879

Quelle: Universitätsklinikum Erlangen

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