„Es ist definitiv kein Hobby, Kinder zu behandeln“3. Mai 2023 Foto: rh2010/stock.adobe.com Dass die orthopädische Versorgung von Kindern und Jugendlichen gefährdet ist, darüber waren sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion auf dem VSOU-Kongress einig. Hauptprobleme sind die unzureichende Vergütung, Nachwirkungen der Pandemie und Nachwuchsmangel. „Am Ende des Tages ist eine Frage des Geldes, weil man nicht die Ressourcen bekommt, die man braucht“, brachte es Dr. Micha Langendörfer, Stuttgart, auf den Punkt, der betonte: „Es ist definitiv kein Hobby, Kinder zu behandeln!“ Dass die ungenügende Finanzierung durch die Fallpauschalen ein Problem ist, bestritt niemand. „Das DRG-System macht viel kaputt, es hat in den Krankenhäusern einen Kahlschlag herbeigeführt“, konstatierte etwa Prof. Rüdiger Krauspe, Düsseldorf. Außerdem würden die DRG zunehmend abgewertet, so Dr. Marco Götze, München. Bestimmte Eingriffe könnten gar nicht mehr kostendeckend durchgeführt werden. Ziel müsste daher sein, aus dem DRG-System herausgelöst zu werden, konstatierte Prof. Sébastien Hagmann, Heidelberg, der die Diskussion zusammen mit Prof. Andrea Meurer, Bad Wiessee, moderierte. Wie in anderen Bereichen des Gesundheitssystems auch, hat die Corona-Pandemie die Situation verschärft. So berichtete Langendörfer bespielhaft von der Situation am Klinikum Stuttgart. Bereits vor der Pandemie habe es Wartezeiten für die Patienten gegeben, während der Pandemie sei dann nur eine Notfallversorgung möglich gewesen. Jetzt habe man die Operationskapazitäten wieder hochgefahren – allerdings nicht auf das gleiche Niveau wie vor der Pandemie. Die Patienten seien maximal unzufrieden, mehrfache Verschiebungen eine erhebliche Belastung, so Langendörfer weiter. Meurer kritisierte, dass das DRG-System mögliche Folgekosten nicht im Blick habe. „Wir sehen die Langzeitfolgen und die Langzeitkosten, diese werden von der Politik nicht gesehen“, hob Dr. Hartmut Gaulrapp, München, niedergelassener Orthopäde und Kinder-Durchgangsarzt hervor. Gerade die Behandlung von Kindern bedeute viel Kommunikation und einen hohen Zeitaufwand, der nicht vergütet werde, so Gaulrapp weiter. Einig waren sich Diskutanten und Publikum auch darin, dass hier die Politik gefragt ist – dazu brauche es mehr Druck aus der Öffentlichkeit. Dieser entstehe nur, wenn die Bevölkerung erfahre, dass eine Unterversorgung stattfinde, so Hagmann. Krauspe verwies auf die Reaktion des Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte auf die Abwertung der Fallpauschalen für bestimmte Eingriffe bei Kindern: „Der HNO-Berufsverband ist radikal geworden – nur so merkt die Bevölkerung, dass ihre Versorgung in Gefahr ist!“ Die unzureichende Finanzierung hat aber nicht nur Folgen für die Versorgung der Kinder und Jugendlichen. So merkte Meurer an: „Was nicht kostendeckend ist, ist nicht mehr gewünscht. Was macht das mit der Weiterbildung?“ Wie PD Dr. Julia Funk, Berlin, berichtete kommt die Kinderorthopädie in der allgemeinen Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie nur noch am Rande vor: „Was man lernen muss, ist sehr marginal.“ Problematisch ist Meurer zufolge auch, dass die Kinderorthopädie auch im Vorstand der Fachgesellschaft nur ein Randthema sei, das nicht gesehen werde. Das gelte auch für die Rheuma- oder die Tumororthopädie. Für die Gewinnung von Nachwuchskräften ist die mangelnde Abbildung der Kinderorthopädie in der Weiterbildung zum Facharzt ein echtes Problem, so Funk: „Wie soll man Nachwuchskräfte finden, wenn diese nicht mal bei uns reinschnuppern können?“ Sinnvoll sei eine strukturierte Rotation in der Kinderorthopädie. Hinzu kommt, dass es laut Funk in Deutschland nur 31 Weiterbildungsermächtigte für die Zusatzweiterbildung Kinderorthopädie gibt, 17 arbeiteten an Unikliniken – obwohl 39 Universitätskliniken einen kinderorthopädischen Schwerpunkt hätten. „Reicht das, um die kinderorthopädische Expertise zu sichern?“, fragte Funk. Dabei beginne das Problem schon früher, denn bereits im Studium komme die Kinderorthopädie kaum vor, das mache es schwierig Interesse zu wecken. Auch Wissenschaft und Forschung in der Kinderorthopädie kommen hierzulande zu kurz. Funk sagte dazu: „Die Ausbeute aus Deutschland ist eher mager.“ Dabei gebe es Viele, die sich für das Gebiet interessierten und wissenschaftlich aktiv sein wollten, erklärte Dr. Sebastian Lipross vom Universitätsklinikum Kiel. Die Voraussetzungen, die das Fach bietet, sind Lipross zufolge gar nicht so schlecht: gleichmäßige Patientenkollektive und lange bekannte Krankheitsbilder, über die nicht alles bekannt sei. Es sei auch leicht Drittmittel einzuwerben. Das Problem sei allerdings, so Lipross weiter, dass es nicht viele leitende Stellen in der Kinderorthopädie gibt, das mache das Fachgebiet für den wissenschaftlichen Nachwuchs unattraktiv. „Wenn es keine Perspektive gibt, dann machen diese Leute etwas anderes“, so Lipross. Meurer zog ein ernüchterndes Fazit am Ende der Veranstaltung: „Wir müssen uns Sorgen um die Zukunft der Kinderorthopädie machen!“ (ja)
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