EU fördert Entwicklung eines Impfstoffes gegen ALS

Hirngewebe mit Aggregaten toxischer poly-GA-Proteine (braun) unter dem Mikroskop. (Quelle: DZNE/AG Edbauer)

Das DZNE und Intravacc B.V., ein Auftragsunternehmen für die Entwicklung und Herstellung von präventiven und therapeutischen Impfstoffen, haben von der Europäischen Union 2,5 Millionen Euro (EIC Transition Grant) für die Weiterentwicklung eines Impfstoffes gegen die Nervenerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erhalten. 

Etwa fünf bis zehn Prozent aller ALS-Fälle werden durch eine Mutation im C9orf72-Gen verursacht und sind damit die häufigste genetisch bedingte ALS-Variante. Betroffene haben im Unterschied zu den meisten Menschen in einem normalerweise stummen Teil dieses Gens eine große Anzahl sich wiederholender DNA-Bausteine. Die Forschungsgruppe von Prof. Dieter Edbauer am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) entdeckte, dass diese zusätzlichen Sequenzen in toxische Proteine übersetzt werden – vor allem in große, kettenartige Moleküle namens „Poly-Glycin-Alanin“ (poly-GA): Sie lösen in transgenen Mäusen ein Krankheitsbild ähnlich zur ALS aus, das letztlich zum Absterben von Nervenzellen führt.

Ein experimenteller Impfstoff

Das DZNE hat einen experimentellen Impfstoff entwickelt, der das Immunsystem dazu anregt, Antikörper gegen diese schädlichen Poly-GA-Moleküle zu bilden. Im Mausmodell werden dadurch Poly-GA-Aggregate reduziert und motorische Defizite weitgehend verhindert. Zur Aufrechterhaltung ausreichender Antikörperspiegel muss der Impfstoff regelmäßig verabreicht werden.

Beim Menschen sind allein in den USA und in Europa mehr als 2500 Fälle der C9orf72-Variante von ALS erfasst. Schätzungsweise 9000 Mutationsträger, die derzeit keine Symptome zeigen, bei denen aber das Risiko besteht, innerhalb von zehn Jahren zu erkranken, könnten ebenfalls von diesem Ansatz profitieren. Ähnliche Impfstoffkonzepte könnten vielleicht sogar Menschen helfen, die eine eng verwandte Krankheit, die Frontotemporale Demenz, entwickeln.

„Bevor wir diesen Ansatz bei Menschen mit ALS testen können, müssen wir die Herstellung unseres Impfstoffes in klinischer Qualität etablieren und in weiteren Studien die Sicherheit unseres Ansatzes belegen. Wir sind dankbar, dass die EU diese Entwicklung mit dem EIC Transition Grant unterstützt. Alles in allem hoffen wir, dass die Ergebnisse dieses Projektes die breite Anwendung von Impfstoffen bei schwächenden neurodegenerativen Erkrankungen voranbringen werden“, sagte Edbauer, Forschungsgruppenleiter am DZNE-Standort München.

„Wir brauchen dringend wirksame Therapien zur Behandlung von ALS-Patienten, die die ursächlichen Krankheitsprozesse direkt beeinflussen. Das Ziel unseres aktuellen Projektes ist es, den Impfstoff so weit zu entwickeln, dass er am Menschen getestet werden kann. Klinische Versuche für die C9orf72-ALS als häufigste genetische Variante der ALS sollen voraussichtlich im Jahr 2025 beginnen. Unsere Erfahrung in der Entwicklung ähnlicher Konjugatimpfstoffe für Infektionskrankheiten wird die präklinische Entwicklung erheblich beschleunigen und den Start der ersten klinischen ALS-Impfstudie beim Menschen unterstützen,“ sagte Dr. Jan Groen, CEO von Intravacc.