Fachkräftemangel: Wie können Praxen konkurrenzfähig bleiben?28. April 2023 Diskutierten über den Fachkräftemangel in Klinik und Praxen: Lukas Heilmann, Franz Reichel, Bodo Kretschmann, Jörg Ansorg und Hartmut Weinhart (v.l.). Foto: ja/Biermann Medizin Sind Quereinsteiger oder die 4-Tage-Woche die Lösung für den Fachkräftemangel in Arztpraxen? Wie sich qualifiziertes Personal gewinnen und halten lassen könnte, diskutierten Orthopäden und Unfallchirurgen auf der am 27. April eröffneten Frühjahrstagung der VSOU in Baden-Baden. „Es herrscht ein Riesenmangel im Moment“, betonte etwa Dr. Jörg Ansorg, Geschäftsführer des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) zu Beginn seines Impulsvortrages mit Blick auf Assistenzpersonal in Arztpraxen. Der Mangel betreffe alle Fachgebiete, das zeige auch eine Umfrage des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Vereinigung. Demnach suchen 80 Prozent der Fachärzte medizinische Fachangestellte (MFA). Zwar sei das Berufsbild der MFA im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen immer noch attraktiv, aber die Entlohnung sei „im Moment nicht konkurrenzfähig“, so Ansorg weiter. Gutes Personal zu gewinnen und zu halten wird immer mehr zum Problem, das ist dem Berufsverband bewusst, der mit seinem Programm „Thank you MFA“ niedergelassene Mitglieder dabei unterstützen möchte ihren Mitarbeiterinnen die nötige Wertschätzung zu zeigen und qualifiziertes Personal an die eigene Praxis zu binden. Neben Weiterbildungsmöglichkeiten und Einkaufsvorteilen, können sich MFA in einer Community praxisübergreifend vernetzen. Aktuell nähmen knapp 300 MFA teil. „Letztendlich ist es leichter medizinische Fachangestellt zu binden als neue zu finden“, konstatierte Ansorg. Eine weitere Idee gegen den Fachkräftemangel sind Quereinsteiger aus anderen Branchen für bestimmte Aufgabenbereiche, etwa am Empfang oder in der Terminvergabe. Laut Ansorg gibt es bei Augenärzten schon ein solches Quereinsteigerprogramm, er selbst hält das für „bis zu einer gewissen Grenze machbar“, aber es sei eben auch ein anderes Fachgebiet. Eher skeptisch zeigten sich die anderen Teilnehmer der Podiumsdiskussion: So stimmte Dr. Bodo Kretschmann, 1. Vorsitzender der VSOU, zwar zu, dass sich der Einsatz von Mitarbeitern aus dem Hotelfach oder Flugbegleiterinnen an der Anmeldung zwar anbiete, aber er wandte ein: „Das Problem ist, wenn es keinerlei medizinischen Background gibt.“ Die Einschätzung zu treffen, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht sei schwierig, außerdem seien Hotelgäste andere Menschen. Gerade am Empfang herrsche ein hoher Druck auf den Mitarbeitenden, Patienten zeigten zum Teil nicht tolerierbares Verhalten. „Das ist mit einem Hotel nicht zu vergleichen“, betonte Kretschmann. Die Ressource Arzt werde immer knapper, dem gegenüber ständen zunehmend fordernden und provokante Patienten – da brauche es gerade an der Anmeldung Erfahrung und ein stabiles Nervensystem, betonte auch Dr. Helmut Weinhart, der Vize-Präsident des BVOU. Er selbst setze seine Mitarbeiterinnen in wechselnden Arbeitsbereichen ein, um das Nervenkostüm der MFA zu schönen und die Mitarbeiterinnen im Beruf zu halten. Eine Entlastung der MFA bei der Vergabe von Terminen durch eine digitale Terminvergabe hält Weinhart für „schwierig“, etwa durch die Anspruchshaltung der Patienten. Solche Systeme könnten fehleranfällig sein, etwa wenn Patienten falsche Angaben machen, weil sie ihr eigenes Anliegen als besonders dringlich empfinden. Hier müssten Steuerungsmöglichkeiten eingebaut werden, so Weinhart. Dr. Franz Reichel, Heidelberg, lieferte die Klinikperspektive: OP-Termine würden über das Patientenmanagement vergeben, das funktioniere in der Regel gut. Anders sähe es in den Ambulanzen aus. Hier sei die Arbeitsbelastung für die MFA am Empfang hoch und passe dann oft nicht zur Vergütung und zur Wertschätzung, so Reichel. Seiner Einschätzung nach ist das Problem auch hier die Anspruchshaltung der Patienten, die „drastisch nach oben gegangen“ sei. Ein weiteres Problemfeld sind die Arbeitszeiten in den Praxen. Um hier „im Vergleich zu anderen Strukturen attraktiv zu bleiben“ testet Weinhart in seiner Praxis die Vier-Tage-Woche und das „recht erfolgreich“. Gerade für Vollzeitkräfte mit einer längeren Anfahrt, sei ein freier Tag durchaus interessant. Natürlich seien Montag und Freitag als freie Tage beliebt, das müsse gleich verteilt werden, so Weinhart. Das gelte auch für die Verteilung der Arbeitszeiten für Teil- und Vollzeitkräfte. Für letztere dürften nicht die unattraktiven Arbeitszeiten am Nachmittag übrigbleiben. Insgesamt sei es „ein Gratwanderung Mitarbeiterinnen zu halten“, so Weinhart. Teilzeit und Worklife-Balance sind spielen aber auch für das ärztliche Personal eine Rolle, auch hier gilt es Nachwuchskräfte zu gewinnen und im Fach zu halten. Aber Weiterbildung in Teilzeit? Reichels Einschätzung: interessant, aber gerade zu Beginn der Weiterbildung kontraproduktiv. Dr. Lukas Heilmann von der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf berichtete, dass Teilzeit zwar angeboten werde, aber selten angenommen. Grund dafür sei auch, dass die Arbeit erledigt werden und dann oft durch das restliche Team getragen werden müsse, was den Beteiligten bewusst sei. Für Heilmann mit Blick auf die Arbeitsbelastung problematisch ist der Anteil an Bürokratie und dass man viel Zeit mit nichtärztlichen Aufgaben verbringen. Nicht nur in O & U wird als Lösung für letzteres Problem der Einsatz von Physician Assistants (PA). Heilmann und Reichel haben beiden schon mit PA zusammengearbeitet und bewerteten die Zusammenarbeit als positiv. Auch in den Praxen sei das Thema schon angekommen, berichtete Weinhart, verwies aber gleichzeitig auf den Spagat zwischen Delegation und Substitution. Außerdem stelle sich die Frage: Wovon das Gehalt eines PA bezahlen? Weinhart setzt deshalb auf gezielte Fort- und Weiterbildung von MFA, um sie in ähnlichen Bereichen wie einen PA einzusetzen, etwa durch eine Weiterbildung zur OP-Assistenz oder eine Sterilgutweiterbildung. Diese hätten dann auch einen höheren Vergütungsanspruch. Hier gelte es Aufgaben so zu delegieren, dass es einen wirtschaftlichen Nutzen gibt. Ansorg war ebenfalls der Ansicht, dass Fortbildung eine gute Möglichkeit sei, MFA in der eigenen Praxis eine besondere Perspektive zu bieten, auch mit Blick auf das Gehalt. Er betonte aber auch: „Am Ende des Tages muss es sich rechnen.“ Kretschmann sieht beim Thema Geld die Politik in der Pflicht: Kliniken und Praxen seien an der Schmerzgrenze, diese müssten aber in die Lage versetzt werden ihren Mitarbeitern mehr Gehalt zu zahlen. (ja)
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