Diabetes: Wann Fasten sinnvoll sein kann – und wann es gefährlich wird

Während des Ramadan verzichten gesunde erwachsene Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang bewusst auf Essen und Trinken. Für Menschen mit Diabetes gelten für das Fasten jedoch besondere Regeln. Symbolbild: Fevziie/stock.adobe.com

Anlässlich des bevorstehenden Ramadans und der Fastenzeit erklärt der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), für wen welche Form des Fastens geeignet ist. Die Entscheidung hängt von individuellen Faktoren wie dem Diabetes-Typ ab – und sollte vorab immer ärztlich abgeklärt werden.

Der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt in diesem Jahr nahezu zeitgleich mit der christlichen Fastenzeit am Abend des 18. Februar. Während sich viele Menschen aus religiösen Gründen mit dem bewussten Verzicht auf Nahrung beschäftigen, erfreut sich Intervallfasten auch als Lifestyle-Trend wachsender Beliebtheit.

Für die über 9 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland sei Fasten jedoch keine reine Glaubens- oder Gesundheitsfrage, sondern stark mit ihrer Diabetestherapie gekoppelt, erklärt der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD). Er ordnet die aktuelle Studienlage ein und zeigt, für wen Fasten infrage kommt, welche Regeln gelten und wann dringend davon abzuraten ist. Entscheidend seien Diabetestyp, Therapieform und Anlass des Fastens.

Fasten ist nicht gleich Fasten

Viele nicht-muslimische Menschen nehmen die Fastenzeit zum Anlass, sich an einem gesünderen Lebensstil zu versuchen und beispielsweise auf Süßigkeiten oder Alkohol zu verzichten. Für Diabetiker sollten diese Maßnahmen in der Regel unbedenklich, wenn nicht ohnehin angeraten sein. Religiöses Fasten, wie etwa im Ramadan, bedeutet allerdings meist einen vollständigen Verzicht auf Essen und Trinken über viele Stunden hinweg. Dieser ist außerdem verbunden mit nächtlichen Mahlzeiten, verändertem Schlaf und eingeschränkter Flüssigkeitszufuhr.

Lifestyle-Fasten wie das Intervallfasten erlaubt dagegen regelmäßiges Trinken und flexible Essensfenster. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf den Blutzucker, den Flüssigkeitshaushalt und den Insulinbedarf aus. „Fasten ist also nicht gleich Fasten. Für Menschen mit Diabetes macht das einen entscheidenden Unterschied“, sagt Theresia Schoppe, Vorstandsmitglied des VDBD, Diabetesberaterin und Oecotrophologin B.Sc. aus Warstein.

Typ-2-Diabetes: Strukturiertes Fasten kann helfen

Für Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigen Studien klare Vorteile, wenn Fasten geplant und begleitet erfolgt, so der VDBD. Klinische Untersuchungen wie die INTERFAST-2-Studie belegen, dass intermittierendes Fasten über zwölf Wochen den HbA1c um etwa 0,5 bis 1 Prozentpunkte senken kann. Gleichzeitig verloren die Teilnehmenden im Schnitt 4 bis 5 Kilogramm Gewicht, und der tägliche Insulinbedarf sank um rund 9 Einheiten, ohne dass schwere Unterzuckerungen auftraten.

Geeignet sind vor allem strukturierte Formen wie das 16:8-Modell oder das 5:2-Fasten. Wichtig ist ein vorsichtiger Einstieg: Zu Beginn sollten Insulin oder blutzuckersenkende Medikamente häufig um 20 bis 30 Prozent reduziert werden. Der Blutzucker sollte mindestens viermal täglich kontrolliert werden, idealerweise mit kontinuierlicher Glukosemessung (CGM). Auch die Ernährung im Essensfenster spielt eine Rolle. Eiweiß- und ballaststoffreiche Mahlzeiten mit moderatem Kohlenhydratanteil entlasten den Stoffwechsel und helfen, starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. „Fasten kann den Stoffwechsel entlasten, aber nur, wenn die Therapie angepasst wird“, betont Schoppe. Ohne Beratung steige das Risiko für Unterzuckerungen deutlich.

Für Typ-1-Diabetes eine Hochrisiko-Situation

Anders ist die Lage bei Typ-1-Diabetes oder insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes mit verringerter Insulinsekretion. Schon kurze Fastenphasen können zu gefährlichen Unterzuckerungen oder zu einer diabetischen Ketoazidose führen. Studien und Erfahrungen aus dem Ramadan zeigen, dass sich das Risiko für schwere Stoffwechselentgleisungen dabei um ein Mehrfaches erhöht. Empfohlen werden dann höchstens milde Formen mit kurzen Essenspausen, eine Reduktion des Basalinsulins um bis zu 50 Prozent, sehr häufige Blutzuckerkontrollen – alle zwei bis drei Stunden – beziehungsweise die kontinuierliche Messung mit CGM sowie zusätzliche Keton-Messungen. Zusätzlich sollten Fastende dringend auf Symptome für erhöhte Ketonwerte, wie Übelkeit, Benommenheit oder Müdigkeit, achten.

Ramadan: Besondere Regeln für Menschen mit Diabetes

Beim Ramadan-Fasten gelten zusätzliche Anforderungen. Menschen mit Typ-2-Diabetes können fasten, wenn der Stoffwechsel stabil eingestellt ist, etwa bei einem HbA1c unter 8 Prozent. Der VDBD empfiehlt, die Medikation vorab anzupassen und die Blutzuckerwerte mehrfach täglich zu messen – vor dem Fastenbrechen, danach, nachts und vor der Mahlzeit vor Sonnenaufgang. Die abendliche Mahlzeit sollte den Blutzucker nicht unnötig belasten, und ausreichendes Trinken in der Nacht ist essenziell. Ein Cochrane-Review zeigt allerdings, wie uneindeutig und lückenhaft die Evidenzlage zu Ramadan-Fasten bei Typ-2-Diabetes ist. Dementsprechend sollten Entscheidungen immer individuell getroffen werden.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes und instabilen Werten, Hypo-Neigung oder Diabetes-Komplikationen wie Nierenschäden rät der VDBD klar davon ab, zu fasten. „Allen anderen möchten wir nicht pauschal abraten, doch es braucht in jedem Fall eine spezialisierte Betreuung, klare Abbruchregeln und die Bereitschaft, das Fasten bei Auffälligkeiten sofort zu beenden“, so Schoppe. „Denn im Zweifel gilt immer: Sicherheit geht vor Fasten.“ So sollte bei einem Blutzuckerspiegel von unter 70 mg/dl oder über 250 mg/dl und nachgewiesenen Ketonen dringend ärztliche Hilfe eingefordert werden.

Auf die richtige Ernährung und Beratung kommt es an

Für die passende Ernährung während der Fastenzeit empfiehlt die Diabetesberaterin für den Suhoor (Mahlzeit vor Sonnenaufgang) Lebensmittel mit einem hohen Ballaststoffgehalt zu wählen, die das Hungergefühl hinauszögern. Dazu gehören Vollkornprodukte bei Brot und Reis, Grieß, Haferflocken und Joghurt, Linsen und andere Hülsenfrüchte, gekochte Eier und viel Flüssigkeit. Das abendliche Fastenbrechen, der Iftār, sollte viel Gemüse oder Salat beinhalten, um den Stoffwechsel nicht übermäßig zu belasten.

Grundsätzlich beeinflusst Fasten Blutzucker, Insulinwirkung und Flüssigkeitshaushalt zugleich. Diabetesberaterinnen und Diabetesberater unterstützen dabei, Risiken realistisch einzuschätzen, Messstrategien festzulegen und Notfallsituationen zu erkennen. „Fasten darf nie auf eigene Faust begonnen werden – weder aus religiöser Überzeugung noch aus gesundheitlichem Ehrgeiz“, betont Schoppe abschließend.