Feline idiopathische Zystitis (FIC): Low-Dose-Radiotherapie als neue Behandlungsoption17. Juli 2026 Foto: Dr. Teichmann-Knorrn, Tierklinik Hofheim Dr. Svenja Teichmann-Knorrn und Dr. Imke Schöpper von der Tierklinik Hofheim, einer der fortschrittlichsten Tierkliniken Deutschlands, berichten über die Low-Dose-Radiotherapie bei Katern, die an feliner idiopathischer Zystitis (FIC) leiden. Eine Studie der North Carolina State University, Raleigh, USA, (Kendall A et al., 2026)ⁱ zeigt, dass die Low-Dose-Radiotherapie (RT) eine sichere und effektive Behandlungsoption für Kater mit feliner idiopathischer Zystitis (FIC) ist. Die Tierklinik Hofheim in Hessen, die über ein Team aus hochspezialisierten Tierärzten verfügt, bietet diese Behandlungsoption ebenfalls an. Zwei Tierärztinnen des Teams schildern ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Therapieverfahren und geben einen Überblick, wie die Behandlung abläuft. Dr. Svenja Teichmann-Knorrn, Leiterin der Inneren Medizin an der Tierklinik Hofheim, ist Diplomate ECVIM-CA und Fachtierärztin für Innere Medizin der Kleintiere. Bereits im Rahmen ihrer Promotion hat sie ihren Schwerpunkt im Bereich der Urologie gesetzt und über Harnwegsinfektionen der Katze promoviert. Ihre Residency absolvierte sie an der LMU München. In dieser Zeit konnte sie auch Erfahrungen in den USA (University of California, Davis und Purdue University) sammeln. Im Anschluss absolvierte sie über 2 Jahre die Hemodialysis Academy, eine Art Fernstudium, unter Leitung der UC Davis über Nephropathien und Blutreinigungsverfahren. Ihr besonderes Interesse liegt im Bereich der Harnwegserkrankungen, wo insbesondere minimalinvasive Therapieverfahren wie etwa die Lithotripsie zu ihren Schwerpunkten zählen. Dr. Imke Schöpper ist Oberärztin der Onkologie in der Tierklinik Hofheim. Sie hat an der LMU München studiert und promoviert. Außerdem hat Schöpper eine Residency an der UC Davis, absolviert und ist Diplomate des American College of Veterinary Radiology, Radiation Oncology. Ihr Aufgabengebiet ist die Strahlentherapie. Frau Dr. Teichmann-Knorrn, könnten Sie das Krankheitsbild der FIC bitte näher erläutern? Teichmann-Knorrn: Von der FIC sind vor allem jüngere bis mittelalte Katzen und Kater betroffen, insbesondere reine Wohnungskatzen, die vermehrt Stress-Situationen ausgesetzt sind. Klinisch zeigen die Tiere vor allem Dysurie/Strangurie, Pollakisurie, Hämaturie und Periurie. Häufig sind die Symptome selbstlimitierend, treten aber rezidivierend auf. Bei Katern kann es zu einer lebensgefährlichen urethralen Obstruktion kommen. Die genauen Pathomechanismen sind noch nicht bekannt. Eine zentrale Rolle spielt das central threat response system (CRTS), also das zentrale System zur Reaktion auf Bedrohungen. Gemeint ist damit ein Bereich des Gehirns, der auf Bedrohungen mit der Aktivierung verschiedener nervlicher und endokriner Systeme reagiert und durch epigenetische Faktoren, Genetik und Lebenserfahrungen sensibilisiert werden kann. Bei FIC Katzen kommt es zu einer permanenten Aktivierung dieses CRTS und infolgedessen zu den entsprechenden klinischen Symptomen. FIC ist also keine reine Blasenentzündung, sondern vielmehr eine systemische Erkrankung: Betroffene Tiere haben eine veränderte Schmerzverarbeitung, Stressphysiologie und eine gestörte Schleimhaut-/Barriereregulation. Auch therapeutisch müssen wir also über die Blase hinausdenken und agieren. Im Vordergrund steht daher langfristig vor allem das multimodale stressreduzierende Management. Bei der FIC handelt es sich um ein sehr rezidivfreudiges Krankheitsbild – selbst mit Behandlung treten klinische Anzeichen von FIC in 58–65 Prozent der Fälle wieder auf. Das haben unterschiedliche Studien gezeigt, und es deckt sich mit unserer klinischen Erfahrung. Wie werden Katzen mit „unkomplizierter“ FIC routinemäßig bei Ihnen therapiert? Und wie die Kater mit einer urethralen Obstruktion? Teichmann-Knorrn: Während der akuten Phase ist eine gute Analgesie sicherlich wichtig, ergänzend ist eine ausreichende Wasseraufnahme sinnvoll. Da auch eine Anfangs unkomplizierte FIC in eine Obstruktion übergehen kann, ist diesbezüglich eine gute Besitzeraufklärung wichtig. Langfristig gesehen ist es am wichtigsten, eventuelle Stressoren ausfindig zu machen und möglichst zu reduzieren. Dazu gehört häufig eine Optimierung der Katzentoiletten (Anzahl, Aufbau, Standort, Streu, Sauberkeit…) und anderer Ressourcen. Um die Haltungsbedingungen unserer Patienten bestmöglich einschätzen zu können, arbeiten wir mit einem Fragebogen, den wir dann mit den Besitzern durchgehen und sie entsprechend beraten. Zusätzlich hat sich eine unserer Tiermedizinischen Fachangestellten auf das Verhalten von Katzen spezialisiert und steht uns und den Katzenbesitzern beratend zur Seite. Die FIC ist kein „medikamentös zu heilendes“ Organproblem, sondern eine chronisch rezidivierende systemische Erkrankung mit hohem Einfluss von Umwelt und Verhalten. Dies können wir medizinisch nur begrenzt modulieren. Der Schlüssel ist hier die enge Zusammenarbeit mit dem Besitzer und ggf. auch Verhaltenstherapeuten – das ist oft langwierig und aufwändig, kann auch unbequem sein und erfordert eine sehr hohe Compliance und Bereitschaft der Besitzer. Zusätzlich lassen sich natürlich auch nicht alle Stressoren einfach abstellen oder überhaupt durch Besitzer beeinflussen. Die FIC Kater mit urethraler Obstruktion sehen wir in aller Regel im Notdienst. Es handelt sich um lebensgefährlich erkrankte Tiere, die in schlechtem Allgemeinzustand vorgestellt werden, teilweise in Seitenlage, mit Tachypnoe, mit starken Laborveränderungen, d. h. einer ausgeprägten Azotämie, Elektrolytverschiebungen, insbesondere eine Hyperkaliämie. Das Krankheitsbild erfordert eine stationäre Aufnahme mit einer Katheterisierung über ca. 48 h, das variiert je nach Fall etwas. Wichtig ist es, die hochgradig gestressten Tiere ruhig und katzenfreundlich zu behandeln. Sie müssen rasch stabilisiert werden und benötigen eine gute Analgesie, zum Beispiel mit Fentanyl oder Methadon. Es kann sinnvoll sein, die Blase zu punktieren und so zu entleeren – dies birgt aber ein gewisses Risiko der Harnblasenruptur. Parallel gleichen wir die lebensbedrohliche Azidose und Elektrolytverschiebungen aus, dies erfolgt mittels Infusionstherapie und ggf. auch durch Medikamente, wie Insulin, Glukose und Kalziumglukonat oder Terbutalin. Den Katern wird in Narkose ein Katheter geschoben und mit einem geschlossenen System verbunden. Auch im Verlauf ist die Infusionstherapie wichtig, da viele Kater eine ausgeprägte postobstruktive Diurese entwickeln. Durch die Polyurie kann die Dehydratation deutlich verstärkt werden. Wir monitoren mit Hilfe eines „In-and-Out“-Protokolls, wieviel Urin produziert wird, und berechnen unter Berücksichtigung weiterer klinischer Parameter die benötigte Infusionsmenge. Auch im Verlauf ist es wichtig die Elektrolyte zu kontrollieren, meist sinkt das Kalium nach Entblocken rasch und oft kommt es zur Hypokaliämie – was wiederum ausgeglichen werden muss. Um den Spasmus der glatten Muskulatur in der Urethra zu lösen, setzen wir alpha-Spasmolytika ein. Nach etwa 48 Stunden wird der Katheter gezogen. Wenn ein selbstständiger Urinabsatz möglich ist, werden die Kater entlassen und die weitere Behandlung erfolgt ambulant. Hierbei liegt der Fokus dann wieder auf dem Umgebungsmanagement. Wie viele Fälle von urethraler Obstruktion sehen Sie? Wie viele Fälle werden in Hofheim mit einer perinealen Urethrostomie behandelt? Teichmann-Knorrn: Genaue Daten habe ich aktuell nicht. Es sind sicherlich mehrere geblockte Kater in der Woche. Ich würde sagen, dass wir durchschnittlich immer 3 auf Station haben. Eine perineale Urethrostomie führen wir aber nur sehr selten und als Ultima ratio durch. Eigentlich versuchen wir sie gänzlich zu vermeiden, denn sie bringt auch Komplikationen mit sich wie rezidivierende Harnwegsinfektionen. Hier muss einem unbedingt bewusst sein, dass mittels der OP zwar das Risiko einer urethralen Obstruktion wesentlich verringert wird, die eigentliche FIC, eine sehr schmerzhafte Erkrankung, aber unverändert weiter besteht und dementsprechend behandelt werden muss. Laut der Studie werden 5–23 Prozent der Kater mit urethraler Obstruktion eingeschläfert, eine erschreckend hohe Zahl. Deckt sich diese mit ihren klinischen Erfahrungen? Da es sich um eine therapierbare Erkrankung handelt, wie ist die Euthanasie eines Tieres mit diesem Leiden tierärztlich zu rechtfertigen? Teichmann-Knorrn: Leider deckt sich diese Zahl mit unseren Erfahrungen – auch wenn wir in Hofheim sicherlich das Glück haben, es in der Regel mit sehr motivierten Tierbesitzern zu tun zu haben. Besonders bei wiederholter Obstruktion ist die Entscheidung für eine Euthanasie oft nicht medizinisch „notwendig“, sondern entsteht aus einer Kombination aus Prognoseunsicherheit, wiederkehrendem Leiden und finanziellen Grenzen. Das ist fachlich und ethisch unangenehm, aber in der Praxis real. Ich denke, dass bei einer ersten Episode die Euthanasie nicht zu rechtfertigen ist, da es sich um eine grundsätzlich behandelbare Erkrankung handelt. Bei wiederholten Obstruktionen ist die Frage deutlich schwerer zu beantworten und von vielen Faktoren abhängig. Natürlich spielen in der Tiermedizin auch die Kosten eine wesentliche Rolle: Der stationäre Aufenthalt eines geblockten Katers mit entsprechender Diagnostik, Kathetermanagement, Infusions- und Schmerztherapie kostet schnell mehrere Tausend Euro. In ausgewählten Fällen können auch kostengünstigere Behandlungsstrategien, die zum Beispiel keine Katheterisierung erfordern, erfolgreich sein, in anderen Fällen ist das Abtreten des Tieres und Kostenübernahme durch einen Tierschutzverein/einTierheim oder die Klinik selbst eine Möglichkeit – das kommt aber auf die individuellen Gegebenheiten an. Überstehen die Tiere die Erstepisode einer urethralen Obstruktion, erleben laut Studie (Kendall A et al., 2026)ⁱ bis zu 36 Prozent ein Rezidiv. Warum ist der Prozentsatz so hoch? Teichmann-Knorrn: Die hohe Rate an anhaltenden LUTD-Zeichen und erneuter Obstruktion nach Erstepisode erklärt sich durch mehrere Faktoren: erstens die persistierende FIC-Grunddisposition, zweitens unvollständige Erholung von Ödem, Spasmus und Schleimhautverletzung, drittens urethrale Plugs/Kristalle als dynamisches Problem. Wir müssen uns bewusst machen: FIC ist nicht einfach eine Blasenentzündung, sondern ein rezidivierendes neurobiologisch-umweltgetriggertes Syndrom mit Schmerz als zentralem klinischen Treiber. Die beste Langzeitstrategie ist multimodal, individuell und stark halter-/umweltzentriert; rein pharmakologische Ansätze bleiben meist unzureichend. Bei urethraler Obstruktion ist die akute Stabilisierung zwar obligat, die eigentliche Prognose wird aber erst durch konsequente Rezidivprophylaxe mittels MEMO (Multimodal Environmental Modification) verbessert. Kommen wir nun zur Bestrahlung als therapeutischer Option. Könnten Sie die Vorteile der Low-Dose-RT bitte näher erläutern? Seit wann setzen Sie diese ein? Teichmann-Knorrn: Die Bestrahlung ist eine ganz neue Therapieform der FIC. Die genannte Studie (Kendall A et al., 2026)ⁱ wurde im Januar diesen Jahres publiziert und ist die erste, die sich überhaupt damit beschäftigt hat. Die Ergebnisse wurden bereits im Vorfeld auf internationalen Fachtagungen präsentiert – da diese so überzeugend waren, haben wir uns im September 2025 entschieden, dies anzubieten. Jeder Kleintiermediziner weiß, wie frustrierend die Therapie einer von FIC betroffenen Katze sein kann. Wir sind daher froh, diese vielversprechende ergänzende Therapieoption zu haben. Für uns ist die Therapie sehr gut anwendbar, da lediglich eine einmalige Bestrahlung in Narkose notwendig ist und vergleichsweise geringe Strahlendosen verwendet werden, sodass vorab keine aufwendige Planung inklusive Planungs-CT notwendig ist. Die Strahlentherapie hat einen lokalen antiinflammatorischen und analgetischen Effekt. In der Studie zeigten mehr als 90 Prozent der bestrahlten Patienten ein positives Ansprechen, das heißt deutlich weniger klinische Symptome, und entsprechende positive Verhaltensänderungen. Bei 50 Prozent kam es zu einer kompletten Remission, also vollständiger und langfristiger Symptomfreiheit. Wir sehen die Bestrahlung aber nicht als „Allheilmittel“, sondern viel mehr als weiteren Baustein einer multimodalen Langzeitstrategie. Frau Dr. Schöpper, wie sind Ihre vorläufigen Erfahrungen mit der Low-Dose-RT? Schöpper: Wir stehen noch ganz am Anfang mit der Therapie, wir haben noch nicht allzu viele Patienten behandelt, insofern haben wir auch noch keine Langzeitnachverfolgung der Patienten. Bei denjenigen, die wir bisher bestrahlt haben, hat das Verfahren sehr gut geklappt. Wir haben bisher keine Nebenwirkungen beobachtet und den Patienten geht es klinisch gut. In den Wochen nach der Bestrahlung hat keines der Tiere erneut Symptome entwickelt. Teichmann-Knorrn: Bestrahlt haben wir bisher nur sehr schwer betroffene Fälle. Ein Kater zum Beispiel war seit Januar fünfmal geblockt, das Tier kam aus der Krankheitsgeschichte überhauptnicht mehr raus. Einen anderen Kater, der nie geblockt war, aber anhaltend Zystitissymptome hatte, haben wir ebenfalls mit der Low-Dose-RT therapiert. Beide haben seit der Behandlung keine Symptome mehr. Aber es ist eben noch eine recht kleine Patientenanzahl und kurze Nachbeobachtungszeiten. Wie läuft das Verfahren in der Tierklinik Hofheim genau ab? Teichmann-Knorrn: In der Regel erfolgt in einem ersten Termin die Abklärung und Beratung, ob die Strahlentherapie für den Patienten sinnvoll ist. Hier werden eine gründliche Anamnese sowie klinische Untersuchung durchgeführt. Sofern noch nicht erfolgt, machen wir außerdem eine Blut- und Urinuntersuchung. Zur weiteren Abklärung gehören außerdem eine Ultraschalluntersuchung des Harntraktes sowie eine seitliche Röntgenaufnahme des Bauchraums. Um urethrale Strikturen auszuschließen und nicht röntgendichte Steine zu erkennen, empfehlen wir außerdem, eine retrograde Urethrographie durchzuführen. Wenn der Patient für die Bestrahlung geeignet ist, machen wir in einem zweiten Termin die Bestrahlung. Hierfür ist eine kurze Narkose notwendig. Um den Therapieerfolg bestmöglich zu evaluieren, kontaktieren wir die Besitzer nach der Bestrahlung regelmäßig und bitten auch im Verlauf, uns einen Fragebogen auszufüllen. Schöpper: Wenn die Katze in Narkose ist, fertigen wir ein Röntgenbild an, um Größe und Lage der Blase festzustellen und unser Strahlenfeld darauf zuschneiden zu können. Liegt das Tier auf dem Bestrahlungstisch wird darauf geachtet, dass die komplette Blase und die Harnröhre im Bestrahlungsfeld liegen und der Rest der Abdominalorgane sich nicht im Strahlenfeld befindet. Das lässt sich mit unserer Bildgebung sehr genau überprüfen. Es werden 2 Dosen von jeweils 3 Gray (Gy) verabreicht. Das dauert nur wenige Minuten. Danach darf der Patient direkt wieder nach Hause. In welchem finanziellen Rahmen bewegt sich die Low-Dose-RT? Teichmann-Knorrn: Die Strahlentherapie selbst kostet derzeit etwa 800 Euro. Hinzu kommen noch die Kosten der Voruntersuchungen. Wenn die sinnvollen labordiagnostischen und bildgebenden Untersuchungen komplett bei uns gemacht werden, liegen die Kosten dafür beicirca 1000 Euro. Was geschieht bei einem Rezidiv der FIC bei einer erneuten urethralen Obstruktion? Teichmann-Knorrn: Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt nicht genug Daten, um das definitiv beantworten zu können. Die Studie der North Carolina State University ist die erste ihrer Art: Sie schloss insgesamt 15 Katzen ein, wovon 6 Katzen nochmal eine einzelne symptomatische Episode hatten und eine einzige Katze eine erneute urethrale Obstruktion. Betroffene Katzen wurden medikamentös behandelt, eine Katze wurde 5 Monate nach der ersten Behandlung nochmal mit dem gleichen Protokoll bestrahlt und blieb dann langfristig asymptomatisch.Aber ob dieses Vorgehen sinnvoll ist, kann nicht anhand einer einzigen Katze beurteilt werden. Da brauchen wir langfristige Nachbeobachtungen mit mehreren Tieren. Bei dem Tier mit der erneuten urethralen Obstruktion wurde dann eine perineale Urethrostomie durchgeführt, es hatte aber weiterhin LUTD-Symptome. Welche Patienten kommen für die Low-Dose-RT in Betracht? Teichmann-Knorrn: Die Strahlentherapie empfehlen wir bei Katern mit rezidivierenden Problemen und nach Ausschluss anderer möglicher Ursachen. Spätestens wenn über eine perineale Urethrostomie nachgedacht wird, würde ich die Strahlentherapie machen und darauf hoffen, die perineale Urethrostomie mit all ihren Komplikationen nicht mehr zu benötigen. Aber auch bei Katern, die bereits eine perineale Urethrostomie bekommen haben und weiterhin Symptome haben, kann die Strahlentherapie helfen. Bei weiblichen Tieren empfehle ich die Strahlentherapie bisher nicht beziehungsweise nur in ausgewählten Einzelfällen, da diese deutlich schlechter ansprechen. Leider gibt es noch keine publizierten Daten, die Gruppe aus North Carolina gibt aber an, dass sie nur bei etwa einem Drittel der bestrahlten weiblichen Katzen eine geringgradige Verbesserung erreichen konnten, Dreiviertel hatten persistierende oder sogar zunehmende Symptome. Warum das so ist, lässt sich nur mutmaßen: Eventuell ist die Symptomatik bei weiblichen Tieren noch stärker Stress- und weniger Schmerz-assoziiert – die Umgebungsoptimierung und Verhaltenstherapie könnten daher noch wichtiger sein. Bei welchen Erkrankungen wird die Low-Dose-RT eingesetzt? Schöpper: Bei Arthrosen wird das Verfahren seit vielen Jahren in der Tiermedizin eingesetzt. Die Orthopäden schicken die Tiere als Ultima ratio zu uns, wenn bereits alle anderen Therapieverfahren bei ihnen ausgeschöpft wurden. Eine weitere sehr wichtige Indikation ist dieOsteochondrodysplasie (OCD) der Scottish-Fold-Katzen. Eine Mutation im TRPV4-Gen führt zu den nach vorne gefalteten Ohren bei der Scottish Fold, die Mutation begünstigt aber auch die Ausbildung einer OCD, die sich in Missbildungen der Knochen und Gelenke in den distalen Gliedmaßen und dem Schwanz äußert, was sehr schmerzhaft ist. Die Katzen werden sechsmal bestrahlt mit einer Gesamtdosis von 9 Gy. Die Tiere sind oft für Jahre schmerzkontrolliert und auch die Knochenexostosen werden zumindest stabilisiert, sodass für längere Zeit keine neuen auftreten. Wir haben mehrere Scottish-Fold-Katzen mit OCD behandelt, das waren sehr beeindruckende Ergebnisse. Es gab Katzen, die kaum laufen konnten. Nach der Therapie konnten sie wieder auf Möbel springen, was uns sehr freut. Vereinzelt führen wir eine Low-Dose-RT auch bei Katzen mit einer chronischen Rhinitis durch. Dazu gibt es nicht wirklich viele Daten. Auch hier ist die Low-Dose-RT Ultima ratio bei Patienten, die einfach auf keine andere Therapieansprechen. Ganz neu ist im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht worden, in der eine Low-Dose-RT bei der chronischen, inflammatorischen Enteropathie/Lymphom der Katze (Gieger TL et al., 2025)ⁱ angewandt wurde. US-amerikanische Tierärzte haben 14 Katzen mit einer Dosis von viermal 2 Gy, also insgesamt 8 Gy behandelt, Dreiviertel der Patienten haben auf die Therapie angesprochen und eine Verbesserung der Symptomatik gezeigt, die für 11 Monate angehalten hat. Aber auch hier ist die Bestrahlung dann Ultima ratio, wenn die Standardtherapie nicht anschlägt. Jeder von uns kennt einen Menschen, der schon einmal eine Strahlentherapie durchmachen musste. Beim Menschen werden jedoch andere Protokolle in der Strahlentherapie eingesetzt als bei Tieren. Welche Unterscheide gibt es? Was ist zur Low-Dose-RT zu bemerken? Schöpper: Die Therapieprinzipien und die Protokolle sind grundsätzlich ähnlich. Es gibt aber in der Tumortherapie ein paar entscheidende Unterschiede. Unsere Patienten in der Tiermedizin müssen für die Bestrahlung in Narkose gelegt werden. Daher versucht man, die Gesamtdosis in so wenigen Sitzungen wie möglich zu verabreichen. Außerdem steht bei den Tieren vor allem die Lebensqualität im Fokus, während in der Humanmedizin oft so aggressiv wie möglich therapiert wird, um die bestmöglichen Überlebenszeiten zu erreichen. Wir besprechen vor jeder Therapie mit dem Besitzer die verschiedenen Möglichkeiten mit den jeweils zu erwartenden Überlebenszeiten und Nebenwirkungen. Dann kann der Besitzer ganz individuell im Sinne seines Tieres entscheiden. Der eine Besitzer möchte vielleicht eine aggressivere Therapie für die bestmögliche Prognose, während ein anderer Besitzer auf keinen Fall Nebenwirkungen riskieren möchte, die die Lebensqualität auch nur vorübergehend einschränken könnten. Bei der niedrig dosierten RT wird im Vergleich zur Tumortherapie eine viel niedrigere Gesamtdosis verabreicht. Bei den Zystitispatienten werden zum Beispiel insgesamt nur 6 Gy verabreicht, während bei derTumortherapie meistens zwischen 30 und 50 Gy verabreicht werden. Dadurch ist das Risiko für Nebenwirkungen grundsätzlich gering, wenn nur ein kleiner Bereich bestrahlt wird. Auch das Risiko für die Entstehung eines strahleninduzierten Tumors, ist gering. Was uns ganz wichtig ist, um besorgten Besitzern die Angst vor einer Strahlentherapie zu nehmen: Bei Tieren gilt die oberste Maxime bei Bestrahlungstherapien, dass wir alles tun, um Nebenwirkungen zu vermeiden und für das Tier eine gute Lebensqualität zu erreichen. In denletzten Jahren hat sich auf diesem Gebiet auch technisch sehr viel getan. Wir bestrahlen mittlerweile auf dem Niveau der Humanmediziner und können daher das Risiko sowohl von schweren akuten Nebenwirkungen als auch von Langzeitschäden minimieren. Zum Beispielsehen wir nach der Bestrahlung von Nasentumoren kaum noch starke Nebenwirkungen an den Augen. Viele Besitzer machen sich auch Sorgen um ihre anderen Haustiere und fragen sich, ob die bestrahlte Katze ein Risko für diese darstellt. Hier ist ganz klar zu sagen: Die Katzen stellen nach der Bestrahlung keinerlei Risiko für den Besitzer oder für andere Haustiere dar. Bei derLow-Dose-RT kann die Katze direkt im Anschluss an die Behandlung, wenn sie aus der Narkose erwacht ist, wieder nach Hause. Kann jeder Tierhalter sein Tier bei Ihnen vorstellen? Teichmann-Knorrn: Natürlich, dafür sollte ein Termin in der Internistik vereinbart werden. Gerne können uns überweisende Kollegen vorab kontaktieren und den Fall besprechen und mögliche Fragen klären. Außerdem hilft es uns sehr, wenn uns bereits vor dem Termin alle Vorbefunde vorliegen. Auch den erwähnten Fragebogen können sich Besitzer vorab auf unserer Homepage runterladen und ausfüllen. Sie haben beide Erfahrungen im Ausland gesammelt: Was haben Ihnen Ihre Aufenthalte an der University of California, Davis, USA gebracht? Was können Sie jungen tierärztlichen Kolleginnen und Kollegen raten? Frau Dr. Schöpper, Sie haben ihre gesamte Residency dort gemacht. Schöpper: Es war eine sehr gute und auch sehr anspruchsvolle Erfahrung und für mich Anlass, den Beschluss zu fassen, dass ich nicht nur die klinische Anwendung, sondern auch die ganzen physikalischen und radiobiologischen Hintergründe des Verfahrens von der Pieke auf lernen und verstehen wollte. In diesem akademischen Umfeld hat man die besten Voraussetzungen für eine wirkliche gute Ausbildung, auch in Kooperation mit der Humanmedizin. Auch interessant waren die Unterschiede in der Therapie zwischen Europa und den USA. Gerade in der Strahlentherapie unterscheiden sich schon einige Grundsätze in Bezug auf die Wahl einzelner Strahlenprotokolle. Ich kann jedem nur empfehlen, nach dem Studium grundsätzlich nochmal gezielt im universitären Umfeld zu arbeiten, auch gern im Ausland, denn man bekommt eine sehr breite und gute Grundlage, auf der man dann später aufbauen kann. Ursprünglich wollte ich eigentlich Richtung Internistik und Labormedizin gehen. Aber ich bin durch Zufall in der Onkologie gelandet und in Hofheim bin ich dann erstmals mit der Bestrahlung als Therapieform in Kontakt gekommen. Und der intensive, langjährige Kontakt, den man dabei zu den Patientenbesitzern hat, hat mich fasziniert und auch, welche technischen Möglichkeiten wir auf diesem Fachgebiet haben. Es geht den meisten unserer Patienten durch die Therapie und auch unter der Therapie wirklich gut, was ja unser oberstes Ziel ist. Ich hoffe, dass unsere Errungenschaften und unser Einsatz zukünftig mehr wertgeschätzt werden – oder doch zumindest anerkannt ‒ als das bisher der Fall ist. Teichmann-Knorrn: Das kann ich nur unterstreichen. In den ersten Berufsjahren sammelt man so viele wichtige Erfahrungen und die eigenen Interessensgebiete fangen an sich heraus zu kristallisieren – es ist toll gerade in dieser prägenden Zeit von Spezialisten lernen zu können. Ich würde daher auch jüngeren Kollegen raten, eine gewisse Zeit an einer großen Klinik oder im universitären Umfeld zu arbeiten. Auch wenn der Klinikalltag gerade für junge Tierärzte sehr intensiv sein kann, gibt es einfach auch unzählige Möglichkeiten: Man lernt innerhalb kürzester Zeit so viel dazu, wächst ins Team, hat den interdisziplinären Austausch, kann sich Rat holen, sieht spannende Fälle, hat die Möglichkeit weiterführende Diagnostik zu machen und die Therapie sowie Nachsorge durchzuführen. Wenn man die Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt hat, ist das sicher eine tolle Gelegenheit um über den Tellerrand zu schauen und sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln. Tierärzte und Tierärztinnen lieben Tiere ‒ und sie neigen zur Perfektion ‒ gerade das macht unseren Berufsstand auch besonders verwundbar. Außerdem wird der tierärztliche Beruf in seiner Komplexität gerne unterschätzt. Was sind die schwierigsten Erfahrungen, die Sie in Ihrer tierärztlichen Tätigkeit durchlaufen haben bzw. mit denen Sie konfrontiert sind? Teichmann-Knorrn: So bereichernd die ersten Berufsjahre waren, so belastend waren sie auch. Plötzlich alleine im Nacht- und Notdienst zu stehen, vielleicht auch nicht von jedem so richtig voll genommen zu werden, und weitreichende medizinische Entscheidungen zu treffen, war schon nicht immer ganz einfach. Aber gleichzeitig hat einen das auch unfassbar weiter gebracht. Und so viel, wie man in der ersten Berufszeit lernt, lernt man einfach nie wieder. Sowohl praktische als auch theoretische Dinge. Nochmal so eine Lernkurve zu haben, würde ich mir echt wünschen. Jetzt befinde ich mich in einer anderen Lebensphase. Aktuell ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf meine größte Herausforderung und erfordert viel Organisation und Flexibilität – sowohl vom Arbeitgeber als auch von der Familie. Natürlich gibt es auch Fälle, die einem Kopfzerbrechen bereiten, frustrierende Verläufe, Kostenprobleme und unzufriedene Besitzer – das kennt sicher jeder, der in der Tiermedizin arbeitet. Ich glaube, da kann man sich, egal wie lange man in diesem Beruf arbeitet, nicht von freimachen. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass einem die Dinge nicht egal sind und man mit dem Herzen dabei ist und nicht abstumpft. Frau Dr. Teichmann-Knorrn, Frau Dr. Schöpper, herzlichen Dank für das Gespräch. Das Interview, das in Kompakt VetMed 03/2026 erschienen ist, führte Tierärztin Sigrun Grombacher.
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