Fornara: Fachgesellschaft muss Diskussionen anstoßen28. September 2018 Verantwortung fördern: Bundespräsident a.D. Christian Wulff (l.) und DGU-Präsident Paolo Fornara bei der symbolischen Schecküberreichung an Heike Kramer von der ÄGGF. Foto: Schmitz Verantwortung zu übernehmen, bedeutet für eine medizinische Fachgesellschaft, eine öffentliche Diskussion über erkannte Miss-Stände anzustoßen. So definierte es DGU-Präsident Prof. Paolo Fornara beim 70. Kongress der Fachgesellschaft in Dresden. Die DGU mit dem Transplantationsspezialisten Fornara an der Spitze hat dies im vergangenen Jahr in Bezug auf die Organspende getan. In der Eröffnungsrede zum Kongress machte Fornara noch einmal seinem Unmut über die Zustände in Deutschland Luft, das als einziges Land mit einer „Entscheidungslösung“ im Eurotransplantat-Verbund ganz unten steht. Die Organspenden haben hierzulande seit 2007 um 39 Prozent abgenommen haben; 43 Prozent der Universitätskliniken führen nur maximal sechs Transplantationen im Jahr durch. Dabei ist es nicht allein der Organspendeskandal im Jahr 2012, der zu den Problemen führte. „Der freie Fall hat schon vorher begonnen“, so Fornara. Ergebnis ist, dass heute alle acht Stunden ein Patient auf der Warteliste stirbt; bei einer Transplantation werden durch die lange Wartezeit die Funktion des Transplantates und das Überleben schlechter. „Für ein Land, das behauptet, eines der besten Gesundheitssysteme der Welt zu haben“, ist dieser Zustand nicht hinnehmbar“, sagte der DGU-Präsident und lobte den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für seine Gesetzesinitiative, mit der die Transplantationsmedizin verbessert werden soll. Ex-Bundespräsident sprach beim DGU-Kongress Das Motto des Kongresses „Tradition, Innovation, Verantwortung“ griff Festredner Dr. Christian Wulff, Bundespräsident a.D., in seinem Vortrag „Verantwortung in Zeiten der Beschleunigung: Tradition und Innovation bejahen“ auf. Wulff betonte vor dem Hintergrund der italienischen Herkunft des DGU-Präsidenten und in Anspielung an aktuelle fremdenfeindliche Tendenzen, gerade in Sachsen, dass Deutschlands Stärken schon immer in der Vielfalt lagen und dass von den Römern bis zu heutigen Sportlern mit Migrationshintergund ausländische Einflüsse das Land bereichert hätten. Tradition und Innovation bilden Wulff zufolge in Deutschland eine gesunde Mischung aus Bewahren und Erneuern. Doch der Ex-Bundespräsident nannte auch die Schattenseiten der Innovation: Vor dem Hintergrund einer schlecht geregelten Globalisierung und ungesteuerten Digitalisierung hätten die Menschen Angst vor der Veränderungen ihrer unmittelbaren Lebensumgebung; im entgrenzten Raum der sozialen Medien könnten Hass verbreitende Terroristen diese Verunsicherung aufgreifen und versuchen, die Gesellschaft zu spalten. Die Verantwortung bestehe darin, sich nicht dem Defätismus hinzugeben, der ihn angesichts der guten wirtschaftlichen Lage wundere. „Wir müssen uns wieder in das Gelingen verlieben“, so Wulff. Er lobte die DGU dafür, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernommen hat, „mehr als nur den Leuten bei Nierensteinen zu helfen – und da haben Sie mir mehrfach großartig geholfen“. Das Publikum bedankte es mit Standing Ovations. Präsidentenspende an die ÄGGF vergeben Dass sowohl die Fachgesellschaft als auch der Ex-Bundespräsident ihre Verantwortung ernst nehmen, zeigten sie mit der gemeinsamen Überreichung der DGU-Präsidentenspende an die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF), vertreten durch die Vorsitzende Dr. Heike Kramer. Wie Fornara betonte, hat sich die Gesellschaft in erheblichem Maße um die Gesundheitsaufklärung von Kindern, auch aus bildungsfernen Schichten oder/und mit Migrationshintergrund, verdient gemacht: Im Jahr 2017 hat die ÄGGF 85.000 Jungen und Mädchen erreicht, seit ihrer Gründung sind es über zwei Millionen. Die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen hat besondere Bedeutung, da gerade erst vor Kurzem die Impfung gegen HPV für Kinder beider Geschlechter Kassenleistung geworden ist. Hier ist sicher noch viel Informationsbedarf vorhanden. (ms)
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