Fortschritt auf dem Weg zur Therapie erblicher Netzhautdegeneration

Eine neuartige Medikamentensubstanz soll über einen Signalweg die Blut-Hirn-Schranke passieren und so die Netzhaut erreichen können. Illustration: © blobbotronic – Fotolia.com

Einer internationalen Forschergruppe ist ein weiterer Schritt in der Entwicklung eines neuen Medikamentes für erbliche Netzhautdegeneration gelungen.

Bei bestimmten seltenen Netzhauterkrankungen kommt es im Auge zum Absterben von Photorezeptoren, deren Ursache unterschiedliche krankheitsauslösende Mutationen sein können. Alleine in Europa sind nach Angaben des Universitätsklinikums Tübingen etwa 130.000 Personen betroffen.
Für die Entwicklung von Therapien besteht zudem die Herausforderung, dass die Netzhaut durch die Blut-Hirn-Schranke gegen die meisten Medikamente abgeschirmt ist. Jetzt ist es Wissenschaftlern des Forschungsinstitutes für Augenheilkunde Tübingen, aus Lund (Schweden), Modena und Reggio Emilia (Italien) gelungen, einen Signalweg zu finden, über den eine neuartige Medikamentensubstanz diese Schranke passieren kann.

Bei vielen dieser Netzhauterkrankungen kommt es zu einer Überaktivierung des cGMP-Signalweges. Diese den Zelltod auslösende Überaktivierung kann aber durch synthetische cGMP-Analoga ausgeglichen werden. Das internationale DRUGSFORD*-Team konnte zeigen, dass die Formulierung eines inhibitorischen Analogons des Signalmoleküls cGMP in einem liposomalen Nanocontainer den Photorezeptorverlust reduzieren kann. Zudem führte diese neuartige Substanzformulierung zu einem Funktionserhalt der Netzhaut in drei verschiedenen Krankheitsmodellen. Dazu muss das cGMP-Analogon durch Verwendung von im DRUGSFORD-Projekt speziell entwickelten Liposomen über die Blut-Hirn-Schranke hinweg zu den Photorezeptoren der Netzhaut gelangen.

„Die DRUGSFORD-Partner haben jetzt gemeinsam die Start-up-Firma Mireca Medicines gegründet“, erklärt Prof. François Paquet-Durand, Koordinator des EU-Projektes vom Tübinger Forschungsinstitut für Augenheilkunde. „Damit soll die weitere klinische Entwicklung dieser neuen Formulierung eines cGMP-Analogons vorangetrieben werden.“ Die Europäische Medizinagentur unterstütze die klinische Translation durch Mireca Medicines mit einer sogenannten Orphan Drug Designation** für das cGMP-Analogon (EMA; EU/3/15/1462). Dieser besondere rechtliche Status vereinfache die klinische Prüfung und verbessere damit auch die Aussichten auf eine zukünftige Anwendung. Optimale Bedingungen vorausgesetzt, könnte in acht bis zehn Jahren ein wirkungsvolles Medikament auf den Markt gebracht werden.

Originalpublikation:
Combination of cGMP analogue and drug delivery system provides functional protection in hereditary retinal degeneration. Eleonora Vighi, Dragana Trifunović, Patricia Veiga-Crespo, Andreas Rentsch, Dorit Hoffmann, Ayse Sahaboglu, Torsten Strasser, Manoj Kulkarni, Evelina Bertolotti, Angelique van den Heuvel, Tobias Peters, Arie Reijerkerk, Thomas Euler, Marius Ueffing, Frank Schwede, Hans-Gottfried Genieser, Pieter Gaillard, Valeria Marigo, Per Ekström and François Paquet-Durand
PNAS 2018; https://doi.org/10.1073/pnas.1718792115

*Das DRUGSFORD-Konsortium wurde 2012 gegründet und für vier Jahre mit nahezu fünf Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert. Es besteht aus drei universitären Arbeitsgruppen um Valeria Marigo aus Modena (Italien), Per Ekström aus Lund (Schweden) und François Paquet-Durand aus Tübingen, sowie den Biotech-Firmen BIOLOG (Bremen) und to-BBB (Leiden/NL). Mehr Informationen zum DRUGSFORD-Konsortium unter www.drugsford.eu

** Die „Orphan Drug Designation“ (ODD) bezieht sich auf eine spezielle Gesetzgebung für seltene Krankheiten in Europa, die eine klinische Prüfung erleichtert und für zehn Jahre einen exklusiven Marktzugang erlaubt.

Quelle: Universitätsklinikum Tübingen