Frauen im Gesundheitswesen: „Datenlücken gefährden die Versorgung von Patientinnen“

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Frauen werden in Deutschland noch immer auf Grundlage von Daten versorgt, die ihre Lebensrealität häufig nur unzureichend abbilden: Zu diesem Fazit kamen rund 130 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Versorgung und Gesundheitswirtschaft beim fünften parlamentarischen Abend des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen.

Die Veranstaltung, die dieser Tage in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfand, stand unter dem Motto „Von der Datenlücke zur Versorgungsgerechtigkeit: Geschlechtersensibilität als Qualitätsmerkmal”. Diskutiert wurde rund um das Thema, dass ein Großteil der medizinischen Evidenz in Deutschland bis heute nicht nach Geschlecht ausgewertet ist, obwohl die Folgen längst bekannt sind.

Der Runde Tisch der Frauen im Gesundheitswesen ist ein Bündnis von aktuell elf Organisationen aus dem Gesundheitswesen. Es wurde 2021 gegründet mit dem Ziel, mehr Frauen in Führungspositionen und eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung durchzusetzen. Mitglieder sind das Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité, die #Denkfabrik Apotheke, der Verein Dentista, der Deutsche Ärztinnenbund, Die Chirurginnen, Healthcare Frauen, das Institut für Gender-Gesundheit, Lady Lobby, Pro Quote Medizin, #SheHealth Women in Digital Health und Spitzenfrauen Gesundheit.

Forderung nach geschlechtsspezifischer Auswertung von Daten

Aus der Veranstaltung leiten die Organisatorinnen des Abends konkrete Handlungsaufträge ab. Die erste lautet, dass das Geschlecht in Registern und in elektronischen Anwendungen „verpflichtend, standardisiert und differenziert erfasst und ausgewertet“ werden müsse. Zweitens: Auch Kliniken und Kostenträger sollen ihre Versorgungsdaten regelmäßig geschlechtsspezifisch auswerten und veröffentlichen.

Drittens fordern die Frauen im Gesundheitswesen, dass Deutschland den Europäischen Gesundheitsdatenraum nutzen muss, um Geschlechterdifferenzierung als verbindlichen Qualitätsstandard zu etablieren.

„Geschlechtersensible Versorgung ist kein Spezialthema“, betonte Dr. Christiane Groß, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes und eine der Moderatorinnen des Parlamentarischen Abends. „Sie ist ein Qualitätsmerkmal guter Medizin. Solange wir relevante Unterschiede nicht systematisch erfassen, werden wir Versorgungslücken nicht schließen können.”

In ihrer Keynote „Die Illusion neutraler Daten: Von verzerrter Evidenz zu ungleicher Versorgung” warnte Prof. Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit eHealth and Interoperability am Berlin Institute of Health der Charité, davor, dass sich die Lücke von Daten zu Frauen mit der Digitalisierung eher vergrößere als schließe, wenn niemand gegensteuere. „Künstliche Intelligenz in der Medizin lernt aus den Daten der Vergangenheit. Wenn diese Daten Frauen kaum enthalten, übernimmt jedes neue System den blinden Fleck von gestern, nur schneller und in größerem Maßstab”, unterstrich Thun.

In der Paneldiskussion unter der Moderation von Prof. Clarissa Kurscheid (Leiterin des Instituts für Gesundheitsökonomie figus GmbH, Forschungsinstitut für Gesundheits- und Systemgestaltung) wurde deutlich, an welchen Stellen diese Standards ansetzen müssten. Ursula Nonnemacher, ehemalige Gesundheitsministerin des Landes Brandenburg, richtete den Blick auf die Landesebene: „Der Bund kann Register vorschreiben, gelebt wird Versorgung aber in den Ländern. Ohne verbindliche Vorgaben für Kliniken und Kassenärztliche Vereinigungen bleibt jede Bundesstrategie Theorie.”

Brenya Adjei, Geschäftsführerin der gematik, zog die Verbindung zur laufenden Digitalisierung der Versorgung: „Mit der elektronischen Patientenakte für alle bauen wir gerade die Dateninfrastruktur für die nächsten zwanzig Jahre. Wenn wir geschlechtsspezifische Auswertbarkeit jetzt nicht mitdenken, schreiben wir die Lücke in die Architektur ein, und dann wird sie richtig teuer zu korrigieren.”

Anstehendes „Political Bootcamp“ der Healthcare Frauen

Wie sich Frauengesundheit nachhaltig in Forschung, Prävention, Diagnostik und Versorgung verankern lässt, wird eines der Schwerpunktthemen des am 2. November dieses Jahres stattfindenden Herbsttagung der Healthcare Frauen in Berlin sein. Neben der Frauengesundheit wird es dabei auch um Chancengleichheit, Digitalisierung sowie neue Technologien und Versorgungsmodelle gehen.