Frauen in der Augenheilkunde – Interview mit den BVA-Vorständen Inger Lüdeke und Clemens Flamm14. März 2026 Clemens Flamm und Inger Lüdeke. Fotos: Flamm / © Florian Janssen Frauen in der Augenheilkunde – zu diesem Thema haben wir zur diesjährigen AAD ein Gespräch mit den BVA-Vorstandsmitgliedern Dr. Inger Lüdeke und Dr. Clemens Flamm geführt. Die Erweiterung des Verbandsnamens um „Augenärztinnen“ Ende vergangenen Jahres nehmen wir zum Anlass, die Situation im ständig weiblicher werdenden Fach Augenheilkunde etwas tiefer auszuleuchten … stellen Augenärztinnen doch bereits seit einiger Zeit die Mehrheit in der deutschen Ophthalmologie. Der Berufsverband hat sich auf Beschluss der Delegiertenversammlung Ende 2025 umbenannt in „Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands“. Was hat den Impuls gesetzt, diese Umbenennung vorzunehmen?Lüdeke: Vielen Dank für diese Frage. In Deutschland arbeiteten 2023 mehr Augenärztinnen als Augenärzte in Deutschland. Die Zahl der Augenärztinnen lag laut Bundesarztregister im Jahr 2023 bei 5735, die der Augenärzte bei 5645.Anders als vielfach kolportiert ist das „generische Maskulinum“ kein Naturgesetz und wird erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet, als sich vor dem Gesetz eine zunehmende Verankerung der Gleichberechtigung ergab. In der Lebensrealität sah es anders aus. Noch 1990 lag der Anteil der Ärztinnen bei unter einem Drittel. Die meisten Frauen, die zu früherer Zeit einen männlich dominierten Beruf ergriffen, wären auch gar nicht auf die Idee gekommen, die weibliche Berufsbezeichnung zu verwenden und sagten mit Stolz, dass sie „Arzt“ seien, weil es ums Prestige ging. Heutzutage spielt eher eine Rolle, dass immer noch Ärztinnen berichten, nach der Visite von Patientinnen und Patienten angesprochen zu werden, wann denn nun der Arzt käme. Hier ist also die Sichtbarkeit in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Thema als Prestige.Ziel der Namensanpassung ist es, eine situationsgerechte Ansprache unserer Mitglieder zu schaffen, sowie auch in der Außenwirkung der steigenden Anzahl augenärztlich tätiger Kolleginnen Rechnung zu tragen. Viele medizinische Berufsverbände sind diesen Weg bereits gegangen. Die Umbenennung von Verbänden kann als Ausdruck der Werte und des Engagements für Gleichberechtigung gesehen werden. Die Augenheilkunde wird seit Jahren kontinuierlich weiblicher. Laut Ärztestatistik 2024 der Bundesärztekammer liegt der Frauenanteil bei den Anerkennungen von Facharztbezeichnungen im Gebiet Augenheilkunde während der vergangenen Jahre kontinuierlich bei mehr als 50 Prozent. Was, denken Sie, ist der Grund dafür, dass sich Frauen so oft für diese Fachrichtung entscheiden? Flamm: Der Ärztestatistik von 2024 der Bundesärztekammer nach zu urteilen sind die meisten Fächer etwa hälftig aufgeteilt zwischen Männern und Frauen. Die klassischen chirurgischen Fächer haben weiterhin einen höheren Männeranteil. Die Gründe sind vermutlich vielfältig und nie vollständig. Sie beginnen mit tradierten Berufsvorstellungen und eigenen Erfahrungen. Alle Medizinstudentinnen und -studenten famulieren in chirurgischen und internistischen Bereichen und bekommen einen Eindruck, was sie in ihrem Arbeitsleben erwarten wird.Für Frauen könnte das Thema Flexibilität aus meiner Sicht einen höheren Stellenwert als für Männer haben. Die Augenheilkunde bietet hier insofern Vorteile, als dass sie konservativ und operativ ausführbar ist sowie im stationären und ambulanten Sektor Möglichkeiten bietet. Die Augenheilkunde hat zwar einen immer größer werdenden Anteil an Augenärztinnen, in Führungspositionen aber sind Frauen recht selten vertreten. Oft wird beim Thema Frauen in Führungspositionen allgemein von der „gläsernen Decke“ gesprochen – Frauen können zwar nach oben sehen, kommen aber wegen „unsichtbarer Barrieren“ nicht dorthin. Wie und wo kann diese Decke für Augenärztinnen am ehesten geöffnet werden? Lüdeke: Der Begriff „gläserne Decke“ ist ein Begriff aus einem Experiment mit Fischen. Es wurde eine gläserne Decke ins Aquarium eingezogen, gegen die die Fische auf der Suche nach ihrem Futter, das über der Decke positioniert war, gestoßen sind. Irgendwann wurde die Scheibe entfernt und trotzdem sind die Fische nicht mehr nach oben geschwommen. Durch die vorherige Erfahrung haben sie es gar nicht mehr versucht. Und das ist der Punkt: Manchmal gibt es diese gläserne Decke wirklich noch und manchmal gibt es sie auch nicht mehr, jedoch ist die einzelne Frau häufig schon so oft gegen die reale Decke gestoßen, dass keine Versuche mehr unternommen werden. Der Verein „Die Augenchirurginnen“ zum Beispiel bietet hier eine Plattform zur Vernetzung und Mentorinnen-Arbeit, um zu motivieren, wenn die gläserne Decke wahrgenommen wird.In einer idealen Welt müssten sowohl Männer als auch Frauen an der Beseitigung der gläsernen Decke arbeiten. Denn ein Führungsteam mit einer heterogenen Zusammensetzung – damit ist nicht nur das Geschlecht, sondern auch zum Beispiel die soziale Herkunft gemeint – hat bei guter Führung das Potenzial, erfolgreicher zu sein, da mehr Aspekte für den Unternehmenserfolg beleuchtet werden können.Ich rate Frauen, sich nicht nur mit inhaltlichen Fragestellungen zu beschäftigen, sondern auch mit kommunikativen. Auch wenn es nicht populär ist: Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen und Männer häufig in verschiedenen Sprachsystemen zu Hause sind. Das ist eine wertfreie Feststellung. Es ist vergleichbar mit der Situation, wenn ich mich als Deutsche in Italien aufhalte. Begegnungen werden deutlich angenehmer sein und Ziele besser erreichbar sein, wenn ich ein paar Brocken der anderen Sprache verstehe. Bereits seit Jahren engagiert sich der Verein „Die Augenchirurginnen“ für die Chancengleichheit in der Augenheilkunde – speziell in der Ophthalmochirurgie. Sie selbst sind auch als Kataraktchirurg tätig – was sind nach Ihrer Wahrnehmung die Hauptgründe dafür, dass Frauen am OP-Tisch (noch) unterrepräsentiert sind? Flamm: Ich gehe davon aus, dass hier ähnliche Mechanismen greifen wie unter dem vorherigen Punkt. In Bezug auf die chirurgische Ausbildung gelten meiner Beobachtung nach andere Regeln als im konservativen Bereich. Die Abhängigkeit von der lehrenden Person ist größer als in der konservativen Augenheilkunde – und zwar für Männer und Frauen. Das hat sich auch in der gemeinsamen Umfrage des BVA (Ressorts für angestellte Augenärztinnen und Augenärzte und der Weiterbildungsbeauftragten) mit der OmniVision GmbH ergeben.Wenn Frauen den Wunsch haben zu operieren, dann ist erneut ein Verständnis für Kommunikationsmechanismen und die eigene Rolle wichtig. Und zur Vollständigkeit: Nicht alle Männer und Frauen wollen operieren, das ist das Interessante an unserem Fach Augenheilkunde. Die Mehrzahl der Augenärztinnen ist in Anstellung tätig. Welche Hilfestellungen werden hierzu beim BVA-Ressort „Angestellte Augenärztinnen und Augenärzte“ besonders nachgefragt? Lüdeke: Das Ressort für angestellte Augenärztinnen und Augenärzte leite ich gemeinsam mit Dr. Christoph-Bernward Brattig. PD Dr. Sebastian Siebelmann, der das Ressort gemeinsam mit dem damaligen Vorstand gegründet hatte, hat sich nun selbstständig gemacht und unterstützt den BVA innerhalb anderer Ressorts.Wir veröffentlichen in unserer Verbandszeitschrift Fragen, die Mitglieder an uns herantragen, insbesondere wenn wir denken, dass die Antworten für viele Augenärztinnen und Augenärzte interessant sein könnten. Dies sind zum Beispiel Fragen zum vertragsärztlichen Notdienst, zu Urlaubsregelungen oder zum Operieren in der Schwangerschaft. Ich möchte auch explizit dazu aufrufen, sich als BVA-Mitglied bei Fragen rund um die Anstellung an uns zu wenden.Und es gibt die zweite Seite der Medaille: „Wir Augenärztinnen und Augenärzte müssen für unsere Interessen einstehen – sonst macht es niemand“, wie Herr Pleger, der Vorstandsvorsitzende des BVA, gerne sagt. Nur wir Augenärztinnen und Augenärzte und unsere Patientinnen und Patienten haben ein Interesse an einer starken augenärztlichen Augenheilkunde, weshalb wir als BVA auch das Engagement der Angestellten fördern wollen. Ich habe dazu bereits viele interessante Gespräche geführt. Es gibt nämlich viele Leute, die sich engagieren wollen, nur nicht so richtig wissen, wo sie anfangen sollen und welchen Aufwand das darstellt. Auch an dieser Stelle wollen wir Brücken bauen. Ist es für Frauen schwieriger beziehungsweise unattraktiver als für Männer, sich in eigener Praxis niederzulassen? Oder ist der Weg in die Anstellung ein Ausdruck des Wunsches nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Flamm: Ich würde derzeit die Frage anders aufziehen: Wir sind meiner Ansicht nach über diesen Punkt hinaus und zwar deshalb, weil es für alle sehr schwierig geworden ist, sich niederzulassen. In der bereits erwähnten Umfrage „Zukunftsperspektiven junger Augenärztinnen und Augenärzte in Deutschland“, gemeinsam mit den beiden Ressortleitern für die Weiterbildung, Dr. Marian Kiel und Dr. Philipp Bachmann, wurden als Gründe für Schwierigkeiten bei der Niederlassung die Dominanz investorenbetriebener Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) oder größerer Praxen genannt. In gut angebundenen Lagen gibt es kaum freie Sitze der Kassenärztlichen Vereinigungen. Weiterhin wurden Hürden wie zunehmende Bürokratie und finanzielle Risiken, etwa durch Regresse, genannt. Insgesamt hegen demnach 43 Prozent der Augenärztinnen und -ärzte den Wunsch, sich in einer Gemeinschaftspraxis selbstständig zu machen und19 Prozent können sich die Niederlassung in einer Einzelpraxis vorstellen.Zeitgleich möchte es der andere Teil der jungen Augenärzteschaft nicht. Den jungen Ärztinnen und Ärzten scheinen gute Arbeitsplatzbedingungen wichtig zu sein. Hierzu zählen ausreichend Personal und ein kollegiales Miteinander sowie eine moderne Ausstattung. Prinzipiell kann die Entscheidung, angestellt zu sein, und die Arbeitszeiten individueller zu wählen, ein Ausdruck sein, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Frauen in der Augenheilkunde – das sind auch Patientinnen. Die Gendermedizin gewinnt in jüngster Zeit immer mehr an Aufmerksamkeit. Wo gibt es aus Ihrer Erfahrung geschlechtsspezifische Unterschiede in der Ophthalmologie?Lüdeke: Vielen Dank für diese interessante Frage. Frauen und Männer sind unterschiedlich häufig von Augenerkrankungen betroffen. Das Sjögren-Syndrom zum Beispiel mit der Auswirkung des Trockenen Auges ist eine Erkrankung, die typischerweise Frauen betrifft. Männer hingegen sind häufiger und schwerwiegender von einer Diabetischen Retinopathie betroffen1.Die Ursachen sind komplex. Es gibt Unterschiede in der Anatomie, der Lebensführung und in den hormonellen Prozessen. Außerdem gibt es unterschiedliche Reaktionen auf Medikamente. Der „Gender Data Gap“ bezeichnet das Phänomen, dass Medikamente häufiger bei Männern als bei Frauen getestet werden.Einer der meistgelesenen Artikel auf der Webseite von „The Ophthalmologist“2 aus dem letzten Jahr beschäftigt sich mit dem Tränenfilm-Mikrobiom, das in Patientinnen mit Sjögren-Syndrom eine andere Zusammensetzung aufweist als in gesunden Patientinnen und Patienten. Hier wird auch das Paper von Song et al.3 zitiert. Diese Erkenntnis soll ein Beispiel sein, dass wir wahrscheinlich noch nicht alle Einflussfaktoren kennen.In der Zukunft wird dieses Potenzial gehoben werden müssen, um sowohl Männern als auch Frauen spezifischer helfen zu können und sie gezielter zu unterstützen. Laut Prof. Maja Müller, die sich mit dem Thema intensiv beschäftigt hat, fehlen uns derzeit Richtlinien, die geschlechterspezifische Therapieansätze vorschlagen4.Je mehr ich über die Frage nachdenke, desto mehr geschlechtsspezifische Unterschiede fallen mir ein. Das Floppy-Eyelid-Syndrom zum Beispiel als typisch männliche Erkrankung. Es kommt bei Menschen mit einem Schlafapnoe-Syndrom häufiger vor, welches ebenfalls eine häufigere Erkrankung von Männern ist. Ich würde sagen, eine Allergie auf Konservierungsmittel begegnet mir eher bei Frauen. Es lohnt sich, über den geschlechtsspezifischen Einfluss nachzudenken und gegebenenfalls Vorsorge zu treffen. Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was hat Sie bewogen, Augenarzt beziehungsweise Augenärztin zu werden? Flamm: Mein Weg in die Augenheilkunde war familiär schon etwas vorgebahnt. So konnte ich die positiven und die herausfordernden Seiten des Berufes früh kennenlernen. Mein Interesse war daher bereits geweckt und ich bin nach wie vor mit großer Freude und Begeisterung Augenarzt und engagiere mich schon seit Jahren für den Berufsverband und in den Gremien der Kassenvereinigung. Ich wünsche mir, dass auch für die Töchter und Söhne nächster Generationen das Fach Augenheilkunde ein attraktiver und spannender Beruf bleibt. Lüdeke: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden… Rückblickend würde ich sagen, gab es so einige Weichen, an denen ich auch anders hätte abbiegen können.Also: Ich habe in Aachen an der RWTH studiert und dort auch viele Famulaturen und Praktika gemacht. In der Augenheilkunde passte zum ersten Mal alles zusammen. Zu den Patientinnen und Patienten gehörten Kinder genauso wie ältere Menschen, fast jede Variation oder Erkrankung am Auge war schön und spannend zugleich und es herrschte eine hohe Arbeitsmoral bei gleichzeitiger humorvoller Lässigkeit. Es gefiel mir. Und es gefällt mir bis heute. Frau Dr. Lüdeke, Herr Dr. Flamm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Das Gespräch führte Dieter Kaulard.
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