Früherkennung zerebraler Sehstörungen kann die Förderung betroffener Kinder verbessern

Frühgeborene haben ein hohes Risiko für eine zerebral verursachte visuelle Wahrnehmungsstörung. (Foto: © Studio13lights – stock.adobe.com)

Zerebral verursachte visuelle Wahrnehmungsstörungen (CVI) gehören in Industrieländern zu den häufigsten Ursachen für Sehstörungen bei Kindern, werden jedoch oft erst im Alter von etwa fünf Jahren diagnostiziert. Eine neue klinische Leitlinie zielt darauf ab, gefährdete Säuglinge bereits auf der Neugeborenen-Intensivstation zu identifizieren und rechtzeitig spezialisierte Unterstützungsmaßnahmen einzuleiten.

Obwohl Kinder mit CVI meist intakte Augenstrukturen aufweisen, haben sie erhebliche Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern, der Orientierung im Raum oder dem Erfassen komplexer visueller Szenen. Allein in den USA sind schätzungsweise mehr als 180.000 Kinder und Jugendliche betroffen – jedoch wurden bisher nur etwa 14 Prozent formal diagnostiziert. Da die Auffälligkeiten meist erst im höheren Kindesalter bei steigenden Umweltherausforderungen auffallen, vergehen oft Jahre, bis eine Diagnose gestellt wird. Dadurch verstreichen entscheidende Zeitfenster hoher neurobiologischer Plastizität ungenutzt.

Hohe Prävalenz bekannter Risikofaktoren auf Intensivstationen

Viele Erkrankungen, die ein CVI-Risiko bergen, werden bereits kurz nach der Geburt auf der Intensivstation (NICU) behandelt. Dazu zählen Frühgeburtlichkeit, Läsionen der weißen Substanz, intraventrikuläre Hämorrhagien, hypoxisch-ischämische Enzephalopathien, neonatale Krampfanfälle, Schlaganfälle, ZNS-Infektionen sowie genetische oder metabolische Störungen.

Eine Befragung von 62 medizinischen Fachkräften einer Level-III-NICU am Mass General Brigham in Boston (USA) offenbarte jedoch deutliche Unsicherheiten im Behandlungsalltag. Obwohl die Befragten mit CVI und den Hauptrisikofaktoren vertraut waren, sprachen 95 Prozent der Mitarbeitenden das CVI-Risiko nicht routinemäßig bei den Familien an. Unter den Fachärzten gab weniger als die Hälfte an, genau zu wissen, welche diagnostischen und therapeutischen Schritte bei einem CVI-Verdacht einzuleiten sind.

Leitlinie stellt Weichen für die Frühförderung

Als Reaktion darauf entwickelte ein interdisziplinäres Team um Dr. Mohamed El-Dib vom Mass General Brigham eine klinische Behandlungsleitlinie. Das Protokoll empfiehlt für Risikosäuglinge eine umfassende ophthalmologische Abklärung innerhalb der ersten sechs Lebensmonate. Zudem werden gezielte Anbindungen an Entwicklungs- und Sehhilfe-Dienste veranlasst und strukturiertes Informationsmaterial für Elterngespräche bereitgestellt.

Erste Erfahrungen mit dem System seien vielversprechend, berichten die Autoren in „Pediatric Research“: In den ersten fünf Monaten nach der Einführung wurden 45 Risikokinder identifiziert, von denen 39 erfolgreich für klinische Nachuntersuchungen terminiert werden konnten. Die Forschenden unterstreichen, dass die standardisierte Erfassung auf der NICU die Erkennungsrate von CVI deutlich steigern und Kindern den Zugang zu frühestmöglicher Förderung sichern kann. (ej/BIERMANN)

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Quellen Mass General Brigham, 29.09.2026Smith C et al. Identifying and addressing gaps in recognition of cerebral/cortical visual impairment risk in the NICU. Pediatric Research, 29.09.2026