Frührehabilitation gehört zur erfolgreichen Neurointensivbehandlung

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Um die Versorgung von Schlaganfallpatienten weiter zu optimieren, fordert die Deutsche Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI) eine engere Zusammenarbeit von Akut- und Rehabilitationsmedizinern.

Schlaganfallversorgung in Deutschland ist top. Auch im internationalen Vergleich sind die Behandlungserfolge in bundesweit über 300 Stroke Units beeindruckend. Doch auch wenn heute deutlich weniger Menschen an einem Schlaganfall sterben als früher, ist die jährliche Zahl der Schlaganfälle mit rund 300.000 in Deutschland weiterhin hoch – und damit auch die Gefahr von bleibenden Schäden. Auch nach sofortiger Akutbehandlung kann es bei neurologischen und neuro-chirurgischen Erkrankungen noch langfristig fortbestehende Funktionsstörungen geben.

Wie schwer die Langzeitschäden sind, hängt auch von der anschließenden Versorgung der Betroffenen ab. Um diese zu optimieren, müssten Akutmediziner und Rehabilitationsmediziner zusammenarbeiten, fordert die Deutsche Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI). „Nur, wenn wir in der Akutsituation bereits eine tragfähige Auskunft über die Zukunft geben können, werden wir Behandlungsoptionen sinnvoll vermitteln und klug einsetzen können”, erklärte Prof. Wolfgang Müllges, Leitender Oberarzt der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg und Vorstandsmitglied der DGNI.

Auch wenn dank Thrombektomie und Thrombolyse heute weitaus mehr Patienten überleben, ist immer noch jeder Zweite nach schwerem Schlaganfall durch erhebliche Folgeschäden eingeschränkt oder sogar pflegebedürftig. Jeder Dritte leidet an Depressionen. Auch bei anderen Krankheitsbildern auf NeuroIntensivstationen ist eine vollständige Heilung oft nicht möglich. „Patienten überleben die Akutphase, aber man weiß nicht, ob sie später mit einer zurückbleibenden Behinderung zufrieden zurechtkommen – wir verlieren ihre Weiterbehandlung aus den Augen“, sagte Müllges. „Wir Intensivmediziner sollten uns auch mit der längerfristigen Prognose und ethischen Grenzentscheidungen auseinandersetzen.“ 

Nach dem stufenweisen Phasenmodell der Neurorehabilitation wird die intensivmedizinische Akutbehandlung mit ersten rehabilitativen Ansätzen auf der Intensivstation oder Stroke Unit (Phase A) mit einer anschließenden neurologischen Frührehabilitation (Phase B) fortgesetzt. Die verlegten Patienten leiden oft unter schwerwiegenden neurologischen Ausfallerscheinungen wie Lähmungen, Sensibilitäts- und Wahrnehmungsstörungen, einer Bewusstseinsminderung, Schluckstörungen und einer eingeschränkten Sprachfähigkeit. Grenzen und Übergänge sind fließend: „Oft genug werden Patienten auch so frühzeitig weiterverlegt, dass erkrankungsimmanente Komplikationen der Akutphase erst während der Reha Phase B auftreten, das heißt, eine ganze Reihe von Aufgaben, die der Akutphase zugeschrieben werden, werden in den Rehakliniken ausgetragen“, sagte Müllges.

Welche Beschränkung die engen Fachgrenzen für eine angemessene Frühprognostik und den gesamten Bereich der Frührehabilitation bedeuten, wurde bei der ANIM (Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin) in Würzburg deutlich: „Wir haben spätestens auf der ANIM 2018 anhand des Hauptthemas Prognose & Prognostik erkannt, wie lückenhaft unser Wissen darüber ist. Besonders lückenhaft ist die Einflussnahme von schwierig quantifizierbaren Maßnahmen, wie sie zum Beispiel Lagerung, Krankengymnastik oder Schlucktraining darstellen – Kernaufgaben der Rehabilitation.“

Müllges setzt sich für die Umsetzung einer interdisziplinären Zusammenarbeit ein: „Es ist längst überfällig, dass Akutmediziner und Rehamediziner näher zusammenrücken und solche Fragen systematisch akademisch aufarbeiten.“ Auch für die klinische Praxis liege in einer Verknüpfung der beiden Bereiche ein deutliches Verbesserungspotenzial: „Bei schwerer Schädigung des Nervensystems dauern die Verläufe zu lange, als dass sie von einer Versorgungsstufe erfasst werden. In einigen Studien über Akutinterventionen werden Patienten aus den Reha-Kliniken zu Zwischen-Statuserhebungen wieder in die Akutklinik geholt. Das ist für alle Beteiligten mühsam. Sinnvoller wäre eine Einigung auf einen Datensatz, der von beiden Institutionen zuverlässig erhoben werden kann. Genauso könnte man spezifische Reha-Werkzeuge bereits in einer Akutklinik installieren.“