Frühwarnsystem für Demenz17. März 2022 Forschungsleiter Simon Annaheim erläutert die Funktionsweise des Gurtes. (Foto: Empa) Die Diagnose von Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen ist aufwendig und wird oft erst spät im Krankheitsverlauf zweifelsfrei gestellt. Ein Forscherteam der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entwickelt nun gemeinsam mit klinischen Partnern eine neue Methode zur Früherkennung von neurodegenerativen Veränderungen über einen Sensorgurt. Soll ein Verdacht auf Demenz abgeklärt werden, stehen für die Betroffenen neuropsychologische Untersuchungen, Labortests und aufwendige Prozeduren im Spital an. Doch bereits Jahrzehnte, bevor eine verminderte Denkleistung auffällt, sind erste neurodegenerative Veränderungen im Gehirn nachweisbar. Derzeit lassen sich diese lediglich durch teure oder invasive Verfahren feststellen. Für ein ausgedehntes frühzeitiges Screening im größeren Maßstab eignen sich diese Methoden nicht. Empa-Forschende arbeiten gemeinsam mit Partnern des Kantonsspital und der Geriatrischen Klinik St. Gallen an einer nichtinvasiven Diagnosemethode zur frühzeitigen Erkennung von Symptomen einer Demenzerkrankung. Anzeichen im Unbewussten Für das neue Verfahren entwickelte das Forscherteam um Patrick Eggenberger und Simon Annaheim vom “Biomimetic Membranes and Textiles”-Labor der Empa in St. Gallen einen Sensorgurt, der bereits erfolgreich für EKG-Messungen eingesetzt und nun mit Sensoren für weitere relevante Parameter wie Körpertemperatur und Gangmuster ausgerüstet wurde. Denn bevor bei einer Demenz das Erinnerungsvermögen nachlässt, tauchen feinste Veränderungen im Gehirn auf, die sich über das autonome Nervensystem, das unbewusste Körpervorgänge steuert, äußern. Frühwarnsystem: Die Empa-Forscher Simon Annaheim (r.) und Patrick Eggenberger statten den Textilgurt mit empfindlichen Biosensoren aus. (Bild: Empa) Für die präzise Erfassung von Veränderungen dieser Parameter werden Messungen über einen längeren Zeitraum benötigt. Die so erfassten Daten werden von den Forschenden in eigens entwickelte mathematische Modelle integriert. Das Ziel: ein Frühwarnsystem, das den Verlauf von kognitiven Einschränkungen abschätzen kann. Ein weiterer Vorteil: Die Datenmessungen lassen sich in Telemonitoringlösungen einbinden und können so die Patientenbetreuung in einer gewohnten Umgebung verbessern. Verdächtige Monotonie Grundsätzlich ist der menschliche Körper in der Lage, seine Temperatur im Bereich von einem Grad Celsius konstant zu halten. Im Tagesverlauf treten charakteristische Schwankungen dieser Werte auf. Dieser tägliche Rhythmus ändert sich im Alter und ist bei neurodegenerativen Krankheiten wie Demenz oder Parkinson auffällig. Bei Alzheimer-Patienten ist beispielsweise die Körperkerntemperatur um bis zu 0,2 Grad Celsius erhöht. Gleichzeitig sind die Ausschläge der täglichen Temperaturschwankungen gedämpft. In einer aktuellen Studie konnten die Forschenden nun zeigen, dass mit dem Sensorgurt gemessene veränderte Hauttemperaturwerte tatsächlich einen Hinweis auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Testpersonen geben – und zwar bevor eine Demenzerkrankung auftritt. Unter den Testpersonen der Studien waren gesunde Menschen mit oder ohne leichte Hirnleistungsstörung. Diese milde kognitive Beeinträchtigung (engl. mild cognitive impairment, MCI) stellt keine Behinderung im Alltag dar, sie gilt aber als eine mögliche Vorstufe von Alzheimer. Die Versuchspersonen nahmen an Langzeitmessungen und an neuropsychologischen Tests teil. Es stellte sich heraus, dass eine niedrigere Körpertemperatur, die über den Tag stärker schwankt, mit einer besseren Hirnleistung verknüpft war. Bei Personen mit MCI variierte die Körpertemperatur weniger und war insgesamt leicht erhöht. Die geistige Fitness trainieren Auch der Herzschlag ist natürlichen Schwankungen unterworfen, die zeigen, wie sich unser Nervensystem an momentane Herausforderungen anpasst. Die kleine Stille zwischen zwei Herzschlägen, rund eine Sekunde kurz, hat große Aussagekraft für unsere Gesundheit: Bleibt die Pause stets gleich, ist das Nervensystem nicht in Höchstform. In einer Studie von Forschenden der ETH Zürich wurde ermittelt, dass sich schlechtere Messwerte bei älteren, gesunden Menschen durch ein kognitiv-motorisches Tanztraining innerhalb von sechs Monaten verbessern ließen. Die Versuchspersonen tanzten bei diesen “Exergames” Schrittfolgen eines Videos nach. Teilnehmende, die stattdessen lediglich geradeaus auf einem Laufband trainierten, zudem aber ihr Gedächtnis schulten, profitierten dagegen weniger. “Es geht darum, mit einem geeigneten Training frühzeitig einzugreifen, sobald sich erste negative Anzeichen messen lassen”, sagt Eggenberger. “Mit unserem Sensorsystem lassen sich allfällige Verbesserungen der kognitiven Leistung durch bewegungsbasierte Therapieformen verfolgen.” Über Studien mit Langzeitmessungen soll nun geklärt werden, wie sich anhand der Sensormessungen der Verlauf von milden Hirnleistungsstörungen vorhersagen lässt.
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