Funktionelle Bauchschmerzen bei Jugendlichen: Häufig Teil einer komplexeren Schmerzstörung21. Oktober 2026 Schulstress, Mobbing, weitere Schmerzen: Jugendliche mit funktionellen Bauchschmerzen sind oft vielfach belastet. (Bild: ©Saranya7/Pixabay) Eine repräsentative Erhebung unter ungarischen Schulkindern ergab: Ein Großteil der Jugendlichen mit funktionellen Bauchschmerzen leidet auch an weiteren Schmerzen. Im Vergleich zu Gleichaltrigen sind Schulstress, Mobbing und eine geringe Lebensqualität bei ihnen häufiger. Eine im „International Journal of Pediatrics“ veröffentlichte Studie von Forschern der Semmelweis-Universität (Budapest, Ungarn) legt nahe, dass es sich bei Kindern und Jugendlichen mit funktionellen Bauchmerzen lohnen könnte, genauer hinzusehen. Hat das Kind Schmerzen an anderen Stellen des Körpers oder bestehen die Schmerzen bereits seit mindestens einem Jahr, sind dies Warnzeichen für eine komplexere Schmerzerkrankung. Darüber hinaus sind die Jugendlichen in der Schule stärker belastet: Sie erleben mehr Leistungsdruck und werden häufiger von Mitschülern ausgegrenzt. Jugendliche mit funktionellen Bauchschmerzen leiden oft an weiteren Schmerzen Die Forschergruppe analysierte in einer landesweit repräsentativen Studie Daten von 522 ungarischen Schulkindern im Alter von 11 bis 18 Jahren. Etwa die Hälfte der in die Studie inkludierten Jugendlichen waren Mädchen (51,1 %), das mediane Alter betrug 15 Jahre (Interquartilsabstand 13,0–17,0). Die Studienteilnehmenden füllten einen standardisierten Fragebogen zu gastrointestinalen Symptomen bei Kindern (Rom-III-Kriterien) aus. Basierend darauf erfüllten 62 Jugendliche die Kriterien für eine funktionelle Bauchschmerzerkrankung (FAPD). Jugendliche ohne FAPD dienten als Vergleichsgruppe. Die Auswertung der Fragebögen ergab: Bei Jugendlichen mit FAPD traten die Bauchschmerzen häufig zusammen mit Schmerzen an anderen Körperstellen auftreten. Insgesamt litten 80,6 Prozent unter multilokalen Schmerzen, d. h. Schmerzen an zwei oder mehr Körperstellen. Mehr als die Hälfte der Betroffenen (54,8 %) gab dabei an, dass ihre primäre Schmerzstelle außerhalb des Bauchraumes liege. Kopfschmerzen traten am häufigsten auf, aber auch Gelenk- und Rückenschmerzen wurden berichtet. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen hielten die Symptome seit mindestens einem Jahr an. FAPD als Teil komplexerer Schmerzstörungen Den Forschern zufolge können die Schmerzen zunächst beispielsweise durch eine Infektion oder Entzündung ausgelöst werden. Wenn sie jedoch anhalten und von Stress, Angst oder anderen psychischen Belastungen begleitet werden, könne das Schmerzverarbeitungssystem allmählich überempfindlich werden und in diesem Zustand verbleiben, selbst nachdem der ursprüngliche Auslöser abgeklungen ist. Schon relativ milde Reize könnten dann ausreichen, um Schmerzen auszulösen – mitunter sogar normale physiologische Prozesse. Dies könnte erklären, warum die Schmerzen anhalten und an verschiedenen Stellen des Körpers auftreten können. „Wenn ein Kind im schulpflichtigen Alter Bauchschmerzen hat, kann es sich lohnen, etwas genauer hinzuschauen und zu fragen, ob es auch an anderen Stellen Schmerzen verspürt. Ist dies der Fall, könnte dies darauf hindeuten, dass die Schmerzen nicht einfach nur ein Symptom einer organischen Erkrankung sind, sondern Teil einer komplexeren Schmerzstörung. Dies kann selbst dann der Fall sein, wenn bei dem Kind zuvor eine organische Erkrankung wie Zöliakie oder Morbus Crohn diagnostiziert wurde, da diese Erkrankung möglicherweise nicht mehr die Ursache für die Symptome ist“, sagt Dr. János Major, Erstautor der Studie, Assistenzprofessor am Institut für Verhaltenswissenschaften der Semmelweis-Universität und Leiter des Pädiatrischen Schmerzzentrums am Bethesda-Kinderkrankenhaus. Schulstress, Ausgrenzung und niedrige gesundheitsbezogene Lebensqualität häufig Weiter ergab die Studie, dass Jugendliche mit FAPDs häufiger als ihre gesunden Mitschüler das Gefühl von schulischem Leistungsdruck hatten. Sie fühlten sich zudem öfter durch Lärm im Klassenzimmer gestört und ungerecht von ihren Lehrern behandelt. Auch Ausgrenzung durch Gleichaltrige und andere Formen der Schikane wurden von ihnen häufiger berichtet. Die Forscher untersuchten zudem die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQOL) der betroffenen Kinder. Sie bewerteten nicht nur die körperliche Funktionsfähigkeit, sondern auch die emotionale, soziale und schulische Alltagsfunktionsfähigkeit. Fragen zur emotionalen Funktionsfähigkeit betrafen Themen wie Angst, Traurigkeit, Wut, Schlafprobleme und Sorgen. Bei der sozialen Funktionsfähigkeit wurde untersucht, wie die Kinder mit Gleichaltrigen zurechtkamen, darunter auch, ob sie ausgegrenzt oder gehänselt wurden und wie gut sie sich integrieren konnten. Die schulische Funktionsfähigkeit umfasste Faktoren wie ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und mit den Schulaufgaben Schritt zu halten, sowie die Anzahl der Schultage, die sie aufgrund von Unwohlsein oder Arztterminen versäumten. Der Studie zufolge schnitten Jugendliche mit FAPDs in allen untersuchten Bereichen signifikant schlechter ab als Jugendliche ohne FAPDs. Mehr als jeder siebte Betroffene (14,5 %) wies sogar HRQOL-Gesamtwerte im extrem niedrigen Bereich auf. Verbale Belästigung – wie Hänseleien, Spott oder Beschimpfungen – war ebenfalls mit einer extrem niedrigen HRQOL verbunden. Die Betroffenen versäumten zudem mehr Schultage, und die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln war bei ihnen häufiger anzutreffen. Symptome ernst nehmen, um Schmerzen bis ins Erwachsenenalter zu vermeiden Aufgrund dessen betonen die Forscher, dass die Symptome einer FAPD ernst genommen werden sollten. „Eltern neigen oft dazu, die Problematik herunterzuspielen und zu sagen, dass sie vorübergehen wird oder das Kind daraus herauswachsen wird. Das Problem ist, dass die Faktoren, die die Schmerzen auslösen oder aufrechterhalten, nicht unbedingt von selbst verschwinden“, sagt Dr. Szilvia Ádám, Letztautorin der Studie und außerordentliche Professorin am Ausbildungszentrum für Gesundheitsmanagement der Semmelweis-Universität. Die Schmerzen könnten so bis ins Erwachsenenalter persistieren, was die Lebensqualität und die Alltagsfunktionen erheblich beeinträchtigen und in schweren Fällen sogar eine vorzeitige Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben könne. Die Autoren betonen jedoch, dass sich die Erkrankung mit angemessener Unterstützung erfolgreich behandeln lasse. In manchen Fällen könnten bereits ein Schulwechsel oder eine kurze Psychotherapie einen erheblichen Unterschied bewirken. Zugleich könnte eine bereits im Kindesalter begonnene Schmerzbehandlung die Wahrscheinlichkeit verringern kann, dass die Schmerzen bis ins Erwachsenenalter anhalten oder wieder auftreten. (ah/BIERMANN)
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