Fußball künftig besser mit Kopfschutz?27. Oktober 2021 Wiederholte leichtgradige Kopfverletzungen bei Sportarten wie Fußball, Eishockey oder Boxen können zu chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) und langfristig zu neurodegenerativen Erkrankungen führen. (Foto: ©Sergey Nivens – stock.adobe.com) Eine Studie aus Schottland zeigt, dass Profifußballspieler gegenüber der Allgemeinbevölkerung ein 3,5-mal höheres Risiko haben, im späteren Leben eine neurodegenerative Erkrankung zu entwickeln. Als Ursache werden sich wiederholende Kopfprellungen vermutet, die kumulativ zu einer chronisch-traumatischen Enzephalopathie führen können, wie die Deutsche Gesellschaft für Nuerologie berichtet. Vor zwei Jahren zeigte eine Kohortenstudie aus Schottland1, dass bei Profifußballspielern die Sterblichkeitsrate durch neurogenerative Erkrankungen (Morbus Parkinson, M. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen) sowie Motoneuronerkrankungen wie die ALS signifikant höher ist als in Vergleichsgruppen der Allgemeinbevölkerung. Insgesamt fanden sich bei Fußballprofis dreimal häufiger neurodegenerative Hauptdiagnosen auf dem Totenschein (1,7 % vs. 0,5 %). Damals waren jedoch verschiedene Fragen offen geblieben. Daher wurde diese retrospektive Kohorte (bestehend aus 7676 ehemaligen Fußballprofis sowie mehr als 23.000 in Hinblick auf Alter, Geschlecht und sozialen Status gematchten Kontrollpersonen aus der Allgemeinbevölkerung) nun weiterführend analysiert.2 Erstmals wurden mögliche Assoziationen des Risikos für die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen in Bezug auf die Spielfeldposition der Fußballer, die Länge der Berufskarriere und die Geburtsjahrgänge ermittelt. Insgesamt ergab sich eine Nachbeobachtungszeit von 1.812.722 Personenjahren. Neben der Sterbestatistik (Totenscheine) erfolgte die Diagnosefeststellung durch die Verknüpfung individueller Daten zur mentalen Gesundheit, zu Klinikaufenthalten und zu Medikamentenverordnungen im Gesundheitsregister in Schottland. Im Ergebnis wurde bei 386 von 7676 ehemaligen Berufsfußballspielern (5 %) und 366 der 23.028 gematchten Kontrollen (1,6 %) eine neurodegenerative Erkrankung identifiziert (HR 3,66; p<0,001). Am häufigsten, nämlich um den Faktor 5, waren Spieler auf Verteidigungspositionen betroffen (HR 4,98). Torhüter hatten verglichen mit der Allgemeinbevölkerung kein signifikant erhöhtes Risiko (HR 1,83; p=0,08). Auch die Karrierelänge war entscheidend: So war das Risiko bei einer Berufskarriere von mehr als 15 Jahren am höchsten (HR 5,2; p<0,001). Hinsichtlich der Geburtsjahrgänge war das Risiko für alle zwischen 1910 und 1969 geborenen Spieler ähnlich. Die Autorinnen und Autoren sehen die Ergebnisse als Bestätigung der Hypothese, dass wiederholte Kopfverletzungen, auch wenn es sich dabei nicht um schwere Schädel-Hirntraumen handelte, das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen beziehungsweise eine chronisch-traumatische Enzephalopathie („chronic traumatic encephalopathy“/CTE) erhöhen können, da Spieler in Verteidigungsposition ein deutlich höheres Risiko hatten als andere Feldspieler. Der Zusammenhang mit der Karrierelänge spricht für eine Bedeutung der kumulativen Exposition. Die Autoren betonen, dass die Spielära keinen Einfluss auf die Ergebnisse hatte, obwohl im Verlauf des 20. Jahrhunderts das Ballmaterial verändert wurde: Bei identischem Trockengewicht wurde der Lederbezug der Soccerbälle durch eine synthetische Hülle ersetzt, die sich nicht mehr mit Wasser vollsaugen kann. Die aktuellen Daten lassen jedoch keine Aussage zu, ob sich dieser Materialvorteil auf das CTE-Risiko ausgewirkt hat, da zu wenige Spieler in der Untersuchung einbezogen werden konnten, die ausschließlich in der Ära synthetischer Bälle gespielt hatten. Darüber hinaus zeigte eine weitere Studie – allerdings zum American Football3 –, wie hoch die Zahl von Schädelprellungen pro Spieler pro Saison tatsächlich ist: median 415 (IQR 190–727) Stöße. Interessanterweise war die Exposition im Training größer als im Wettkampf – auch im Amateursport. Die Autoren sehen hier klare Implikationen für eine Prävention beziehungsweise das Erarbeiten von Kopfschutzstrategien. „Die chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) durch wiederholte leichtgradige Kopfverletzungen bei Sportarten wie Boxen, Fußball, American Football, Rugby oder Eishockey ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen“, erklärt Prof. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. „So können Schutzmaßnahmen durchaus sinnvoll sein und haben sich in vielen Risikosportarten bereits etabliert. Angesichts der Daten sollte nun auch beim Fußball ein Kopfschutz erwogen werden. Dies können dämpfende Helme sein oder andere neuartige Entwicklungen, wie beispielsweise ein dieses Jahr von der FDA zugelassenes spezielles Stoßschutz-Device4.“ Eines unterstreichen die Experten: Die DGN möchte keinesfalls von sportlicher Aktivität abraten. „Gerade beim Amateur- und Jugendsport ist die Datenlage zum möglichen Risiko neurodegenerativer Erkrankungen bei entsprechenden Sportarten nicht ausreichend“, ergänzt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Umgekehrt wissen wir aber, dass Sport nachweislich positive Effekte auf unsere Gesundheit hat, insbesondere auch auf die unseres Gehirns. Wahrscheinlich überwiegt insgesamt der Nutzen die Risiken. Dies sollte uns aber nicht davon abhalten, potenzielle Risiken bestimmter Sportarten zu minimieren.“ Originalpublikationen: 1. Mackay DF et al. Neurogenerative disease mortality among former professional soccer players. NEJM 2019;381(19):1801–1808. 2. Russell ER et al. Association of Field Position and Career Length With Risk of Neurodegenerative Disease in Male Former Professional Soccer Players. JAMA Neurol 2021;78(9):1057–1063. 3. McCrea MA et al. Opportunities for Prevention of Concussion and Repetitive Head Impact Exposure in College Football Players: A Concussion Assessment, Research, and Education (CARE) Consortium Study. JAMA Neurol 2021; 78(3):346–350. 4. FDA NEWS RELEASE: FDA Authorizes Marketing of Novel Device to Help Protect Athletes’ Brains During Head Impacts. February 26, 2021.
Mehr erfahren zu: "Depression kann ein frühes Warnzeichen für Parkinson und Lewy-Body-Demenz sein" Depression kann ein frühes Warnzeichen für Parkinson und Lewy-Body-Demenz sein Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Depressionen im höheren Lebensalter ein frühes Anzeichen einer schweren Hirnerkrankung sein können. Eine neue Studie zeigt, dass Depressionen häufig den Diagnosen Parkinson und Lewy-Body-Demenz […]
Mehr erfahren zu: "Immer mehr Kinder wegen psychischer Probleme in Kliniken" Immer mehr Kinder wegen psychischer Probleme in Kliniken Pandemie, Kriege, Zukunftsängste: Kinder und Teenager stehen unter Druck. Viele müssen wegen psychischer Probleme in Kliniken. Die Wartezeit ist oft lang.
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei" Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht. Daneben spielen aber auch bestimmte Genvarianten eine wichtige Rolle. Wie Forschende der Universität Zürich zeigen, führt erst das molekulare Zusammenspiel […]