Irrtümer der Erkältungszeit22. November 2019 Dr. med Justus de Zeeuw Erkältungen sind eine Domäne der Komplementärmedizin. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens ist der Leidensdruck und damit der Wunsch nach Linderung der Symptome hoch. Zweitens sind die meisten Präparate zur Behandlung von Erkältungskrankheiten rezeptfrei und damit nicht im Fokus der ärztlichen Versorgung. Drittens wird bei einer Unzahl von Methoden zur Therapie von Husten und Schnupfen eine Wirksamkeit wahrgenommen – auch wenn dafür jede wissenschaftliche Evidenz fehlt. Da die Symptome von Erkältungskrankheiten vorrangig den Bereich der oberen und unteren Luftwege betreffen, liegt es nahe, durch Inhalation von Dämpfen Linderung anzustreben. Die althergebrachte Methode, Wasser im Kochtopf zu erhitzen und vorgebeugt mit einem Handtuch über Kopf und Topf zu inhalieren, ist dabei nicht die Methode der Wahl. Neben der Gefahr von Verbrühungen durch den heißen Topf oder das heiße Wasser sind auch die Effekte nicht eindeutig positiv. Der durch das Erhitzen des Wassers entstehende Dampf kondensiert im Bereich des Gesichts beziehungsweise unmittelbar nach Eintritt in die Nase oder die Mundhöhle. Die Nasennebenhöhlen oder tiefere Atemwege werden nicht erreicht. Die Verwendung von ätherischen Ölen kann zudem zur Reizung der Atemwege führen, insbesondere Menschen mit Asthma und Kinder erleben dies als unangenehme Nebenwirkung. Das subjektive Empfinden, besser Atmen zu können, erzeugen ätherische Öle durch eine Aktivierung von Kälterezeptoren, die zu einer intensiveren Wahrnehmung des Atemgasflusses führen. Objektiv ändert sich nichts.Die Idee, durch Inhalation von erwärmtem Wasser Einfluss auf die Virusreplikation im Nasen-Rachenraum zu nehmen, ist auch Gegenstand eines Cochrane-Reviews.[1] Im Ergebnis gelangen die Autoren dabei zu der Erkenntnis, dass die derzeitige Studienlage keinen Nutzen für eine solche Maßnahme zeigt, auch wenn dafür ein speziell konstruierter, elektrischer Vernebler verwendet wird. „Viel Trinken“ heißt es bei Erkältung oft. Vorrangig wird dabei auf eine Verflüssigung des Bronchialsekretes hingewiesen, die durch vermehrte Flüssigkeitszufuhr erreicht werden solle und das Abhusten erleichtere. Bei klinisch manifester Exsikkose oder vermehrtem Flüssigkeitsverlust durch hohes Fieber leuchtet die Erhöhung der Trinkmenge ein. Eine sekretolytische Wirkung ist durch vermehrtes Trinken allerdings nicht zu erreichen.[2] Der Vorstellung, dass dies dennoch gelingen könnte, liegt ein laienhaft mechanistisches Bild des Flüssigkeitshaushalts im menschlichen Körper zugrunde: In letzter Konsequenz würde dann die weitere Flüssigkeitsaufnahme zum Bild der Fluid Lung führen. Bei normaler Nierenfunktion resultiert das erhöhte Flüssigkeitsangebot in einem größeren Harnvolumen, mehr nicht. Die Homöostase der Flüssigkeitskompartimente wird aufrecht erhalten. Oft stützen sich Betroffene beim Umgang mit den Symptomen einer Erkältung weitestgehend auf fremde und eigene Erfahrungen bei der Anwendung diverser Behandlungsmethoden. Der Unterscheidung zwischen dem wahrgenommenen und dem spezifischen Effekt einer Therapie kommt deshalb gerade bei akuten Atemwegsinfekten eine besondere Rolle zu. Es gibt eine ganze Reihe von Mechanismen, die einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wirksamkeit einer Therapie haben: Placeboeffekt, natürlicher Verlauf, Regression zur Mitte, Empathie und Hawthorne-Phänomen bewirken, dass eine Intervention als wirksam empfunden wird. Dies erklärt einerseits die hohe Nachfrage nach „alternativen“ Verfahren zur Behandlung von Erkältungen. Andererseits stellt eine starke Ausprägung der wahrgenommenen Wirksamkeit auch eine Hürde für den wissenschaftlichen Nachweis des tatsächlich einer Substanz oder einer Behandlungsmethode zuzuordnenden Nutzens dar. Kollegen reagieren regelmäßig enttäuscht, wenn ein Wirkstoff „nur“ 10–20 % besser ist als Placebo. Dabei muss man sich klar machen, dass diese numerisch gering anmutende Differenz den tatsächlichen Unterschied zum allein auf subjektiver Wahrnehmung basierenden Therapieerfolg darstellt.Die Leitlinie zur Therapie des akuten und chronischen Hustens listet eine ganze Reihe chemisch definierter und pflanzlicher Präparaten auf, die über eine ausreichende Evidenz zur Linderung von Erkältungssymptomen verfügen.[3] Ambroxol, Acetylcystein, Cineol, Efeublätter, Spitzwegerich und Thymian seien exemplarisch genannt.Sich bei der Behandlung von Erkältungen ungeachtet der wissenschaftlichen Belege auf Hausmittel zu stützen, kann auch in Zeiten der evidenzbasierten Medizin opportun sein. Denn weiterhin gilt: Wer heilt, hat Recht. Dr. Justus de Zeeuw Literatur: Singh M et al. Heated, humidified air for the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2017;8:CD001728.Shim C et al. Lack of effect of hydration on sputum production in chronic bronchitis. Chest 1987;92:679–682.Kardos P et al. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten. Pneumologie 2019;73:143–180.