Gastbeitrag: Lebensstilmodifikation 2.09. Januar 2018 Dr. med Justus de Zeeuw „Ich bin ja nicht so für Tabletten“ – diesen Satz bekommen wir Ärzte fast täglich zu hören. Ein „Ich kann aber nur Tabletten“ als Replik kommt uns allerdings selten über die Lippen – zumal es nicht unserem Selbstverständnis entspricht. Viel zu hoch ist der Stellenwert der sogenannten Lebensstilmodifikation und auch der Anspruch an uns selbst, diese bei unseren Patienten zu erreichen. Gerade bei den sogenannten Zivilisationskrankheiten steht die Änderung des Lebensstils an erster Stelle. Gleichzeitig wissen wir, dass eine dauerhafte Umstellung der Gewohnheiten mit erheblichem therapeutischem Aufwand verbunden ist – und oft scheitert. Die Gretchenfrage ist allerdings eine andere: Was ist eigentlich ein gesunder Lebensstil? Unstrittig ist, dass Rauchfreiheit besser ist als regelmäßiger Tabakkonsum und dass körperliche Aktivität in jeder Form einen positiven Einfluss auf die meisten Erkrankungen hat. Doch dann hört es auch schon auf: Insbesondere beim Thema Ernährung scheiden sich die Geister. Inzwischen ist ein eigener Krankheitsbegriff, die Orthorexie, geprägt worden. Das zwanghafte Verlangen, sich gesund zu ernähren, ist zwar noch nicht in die International Classification of Diseases (ICD) eingegangen, dennoch nimmt die allgemeine Wahrnehmung zu, dass es sich dabei um eine behandlungsbedürftige Störung handelt.1 Gleichzeitig findet in der Ernährungswissenschaft gerade ein Paradigmenwechsel statt: Wurde über Jahrzehnte das Hauptaugenmerk auf die Fette als Ursache allen Übels gerichtet, so sind es nun die Kohlenhydrate.2 Die Interpretation der Ergebnisse von Ernährungsstudien birgt zahlreiche Unsicherheiten. Schon die Frage, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum bestimmter Nahrungsmittel und dem Auftreten oder Verlauf einer Erkrankung herzustellen ist, bleibt häufig unbeantwortet. Beispielhaft sei eine dänische Studie genannt, die das Einkaufsverhalten in Supermärkten untersucht hat. Dabei wurden 3,5 Mio. Kassenbons ausgewertet. Die Autoren beobachteten, dass Menschen, die Wein kauften, deutlich öfter frische Nahrungsmittel der sogenannten mediterranen Küche, Milchprodukte, Fleisch und Gemüse einkauften. Personen, die Bier im Einkaufswagen hatten, kauften signifikant häufiger Konservendosen, zuckerhaltige und industriell verarbeitete Lebensmittel ein.3 Das Ergebnis macht deutlich, dass bestimmte Verhaltensmuster miteinander verknüpft sind. Nur eine Variable zu ändern (z. B. Bier durch Wein zu ersetzen), wird wenig bewirken. Was also soll man Patienten mit COPD und Asthma raten, wenn es um den Lebensstil geht? Die folgenden Empfehlungen sind möglicherweise nicht mit höchster Evidenz belegt. Man darf allerdings davon ausgehen, dass sie aufgrund ihres hedonistischen Ansatzes auf eine hohe Motivation treffen, was die Umsetzung angeht. 1. Lachen verbessert die Überblähung bei schwerer COPD. Eine Schweizer Arbeitsgruppe konnte eine Verminderung der Überblähung nach einer sogenannten Humorintervention (Auftritt eines Clowns) dokumentieren. Der Effekt war in Messungen 24 Stunden nach dem Lachen noch vorhanden.4 2. Küssen senkt das Allergen-spezifische IgE bei Atopikern. Japanische Patienten mit atopischem Ekzem oder allergischer Rhinitis wurden aufgefordert, sich bei gedimmtem Licht und sanfter Musik für 30 Minuten mit dem Partner intensiv zu küssen. Die Allergen-spezifischen IgE-Spiegel wurden vor und unmittelbar nach dem Küssen bestimmt, es konnte ein Absinken beobachtet werden. Die Forscher folgerten, dass Küssen Allergiesymptome günstig beeinflussen könnte .6 3. Moderater Alkoholkonsum kann Asthma und COPD günstig beeinflussen. In einer amerikanischen Übersichtsarbeit, publiziert in einem Journal mit dem bemerkenswerten Namen „Alcohol“, wurden die Auswirkungen von Alkohol auf Asthma und COPD beschrieben. Hohe Mengen haben bei beiden Erkrankungen ungünstige Effekte. Der Autor berichtet jedoch, dass die kurzzeitige Exposition gegenüber moderaten Mengen von Alkohol die mukoziliäre Clearance verbessern, bronchialerweiternd wirken und Entzündungsmechanismen, die zur Schädigung der Atemwege führen, günstig beeinflussen könnte.6 Lachen, küssen und ein Gläschen Wein: Diesen Lebensstil wollen wir unseren Patienten mit Asthma und COPD gerne ans Herz legen – und gehen gerne mit gutem Beispiel voran! Justus de Zeeuw Literatur: 1. www.dak.de/dak/gesundheit/orthorexie-1836698.html (abgerufen am 23.11.2017). 2. www.aerzteblatt.de/archiv/193500/Ernaehrung-Regeln-weitreichend-ueberarbeitet (abgerufen am 23.11.2017). 3. Johansen D et al. Food buying habits of people who buy wine or beer: cross sectional study. BMJ 2006;332(7540):519–522. 4. Brutsche MH, Grossman P, Müller RE et al. Impact of laughter on air trapping in severe chronic obstructive lung disease. Int J COPD 2008:3(1):185–192. 5. Kimata H. Kissing selectively decreases allergen-specific IgE production in atopic patients. J Psychosom Res 2006;60(5):545–547. 6. Sisson JH. Alcohol and airways function in health and disease. Alcohol 2007;41(5):293–307.