Gastbeitrag: Prof. Dr. Erland Erdmann2. Januar 2018 Foto: Prof. Erland Erdmann Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, zum wirklich reichhaltigen Frühstück in unserem Urlaubshotel gab es neben frischem Obst regelmäßig auch verschiedene Säfte. Meine wahrscheinlich nicht repräsentativen Beobachtungen an drei konsekutiven Tagen ergaben einen eindeutigen Vorteil für den Multivitaminsaft, der von den Miturlaubern deutlich häufiger getrunken wurde als z. B. der Orangensaft. Nun wurde zwar seit vielen Jahren berichtet und immer wieder bestätigt, dass eine „gesunde Ernährung“ das Leben verlängert. Dazu gehören Vollkornprodukte, Gemüse, Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte statt roten Fleisches und zuckerhaltiger Speisen aber keine „Nahrungsergänzungsmittel“ oder Vitamine (Sotos-Prieto et al., S. 10). Mehrere meiner Miturlauber schluckten vor dem morgendlichen Schinkenbrötchen und dem Rührei mit wohlschmeckendem Speck noch zusätzlich eine Multivitaminpille aus der Hunderterpackung aus dem Supermarkt. Vitamine können ja nicht schaden! Der Glaube an den gesundheitlichen Nutzen der Vitaminpräparate scheint ungebrochen zu sein, obwohl selbst in der Laienpresse mehrfach auf die Gefahren des Krebsrisikos von hochdosiertem Vitamin A und E hingewiesen wurde. Wie jetzt in einer prospektiven Untersuchung über 12 Jahre nachgewiesen wurde, erkrankten Männer, die sich durch die Einnahme hoher Dosierungen der Vitamine B6 und B12 vor Krankheiten und insbesondere vor Krebs schützten wollten, 2- bis 4-fach häufiger an einem Lungenkrebs (Brasky et al., J Clin Oncol 2017; doi: 10.1200/JCO.2017.72.7735). Die Kombination aus Rauchen und B12-Einnahme war sogar mit einem 4-fach erhöhten Risiko verbunden. Nun haben mehrere frühere retrospektive Beobachtungsstudien darauf hingewiesen, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel gerade bei älteren Menschen mit einer kardiovaskulären Erkrankung verbunden sein können. Deshalb haben jetzt Scragg et al. (S. 6) in einer prospektiven, randomisierten und doppelt blinden Untersuchung den potentiellen Nutzen einer monatlichen Einnahme von hochdosiertem Vitamin D3 (initial 200 000 IU, danach 100 000 IU oder Placebo) bei 5108 Personen im Mittel über 3,3 Jahre genauer analysiert. Selbst bei den im Mittel 66-Jährigen mit Vitamin-D-Mangel (etwa 25 %) gab es keinen Vorteil in Bezug auf kardiovaskuläre Erkrankungen oder das Überleben. Zum gleichen Ergebnis hinsichtlich eines Multivitamincocktails kommen Rautiainen et al. (S. 6). In der Physicians‘ Health Study hatte die Multivitamineinnahme bei 14.641 Ärzten über mehrere Jahre keinen positiven Effekt auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Nun wurde an 13.316 unserer im Mittel 64 Jahre alten amerikanischen Kollegen mit niedrigen Vitaminspiegeln untersucht, ob wenigstens diese von der Multivitamineinnahme profitierten. Erstaunlicherweise war nicht einmal das der Fall. Ich vermute ja, dass unsere amerikanischen Arztkollegen nicht rauchen, deswegen nicht der massivsten Feinstaubexposition (deutlich mehr als aus dem Autoauspuff!) ausgesetzt sind, dementsprechend weniger Stress haben und deshalb länger ohne Herzinfarkte leben – zumindest scheint eine aktuelle sorgfältig durchgeführte Untersuchung genau diesen Zusammenhang zu beweisen: Feinstaub (Partikelgröße ≤2,5 µm) hat direkte Einflüsse auf unsere Hirnfunktion und aktiviert unter anderem dadurch Stresshormone (CRH, ACTH, Cortisol). Diese, sowie entzündliche Gefäßreaktionen, fördern das Auftreten einer Hypertonie und anderer kardiovaskulärer Krankheiten (Li et al., S. 4). Noch haben wir – außer bei Rauchern – aber nicht die hohen Feinstaubbelastungen der Chinesen, auf die sich diese Untersuchung bezieht. Deshalb brauchen wir auch selbst in Stuttgart nicht mit einer Atemschutzmaske herumzulaufen – außer wenn der Partner seine Pfeife anzündet. Seit vielen Jahren wissen wir, daß der günstige Betablockereffekt bei chronischer Herzinsuffizienz mit der Abnahme der Herzfrequenz um etwa 10–15 Schläge pro Minute einhergeht. Kotecha et al. (S. 8) haben jetzt die Daten von 11 randomisierten kontrollierten Betablocker-Studien mit Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz analysiert. Die Ergebnisse von 14.313 Patienten mit Sinusrhythmus und 3065 Patienten mit Vorhofflimmern zeigen, dass die Verlängerung der Lebenszeit bei den Kranken durch die Frequenzreduktion besonders bei hoher Ausgangsfrequenz nur bei Sinusrhythmus, nicht aber bei Vorhofflimmern nachweisbar ist. Dies hat praktische Bedeutung, kann man doch nun den Patienten mit Vorhofflimmern die hohen, nebenwirkungsreichen Betablockerdosen ersparen. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist eine aktuelle Arbeit von Cannavo et al. (S. 3), in der ein wichtiger weiterer Schritt zur Aufklärung des Wirkungsmechanismus von Betablockern bei Herzinsuffizienz (HFrEF) beschrieben wird. Dass Betablocker bei HFrEF neben der Frequenzreduktion den myokardialen O2-Verbrauch senken, die herunterregulierten b1-Rezeptoren im Herzen wieder vermehren, antiarrhythmisch wirken und die Apoptose hemmen, ist bekannt. Neu sind die experimentell gesicherten Befunde, dass vorzugsweise b1-selektive Betablocker auch zur Zunahme der durch Katecholamine ebenfalls herunterregulierten b3-Adrenozeptoren führen. b3-Adrenozeptoren haben kardioprotektive Eigenschaften. Sie regulieren vermutlich über die Sphingosin-1-Phosphatrezeptoren den Lipidstoffwechsel der Herzmuskelzelle. Dieser wurde nach Myokardinfarkt und erniedrigter EF durch Metoprolol zusammen mit den b3-Adrenozeptoren (weitgehend) wieder restituiert. Unser Essener Kollege, Prof. Heusch, hat in einem bemerkenswerten Editorial dazu JACC 2017;70:193 auf die wichtige, heute noch weitgehend unverstandene Rolle der b3-Adrenozeptor-abhängigen kardioprotektiven Wirkung von Sphingosin-1-Phosphatrezeptoren hingewiesen. Man sagt ja oft, der kritische Verstand sei ebenso wie das wissenschaftliche Denken ein Hindernis für den Glauben. Hinsichtlich des anfänglich erwähnten täglichen Multivitamincocktails zumindest sind Glaubenszweifel offensichtlich eher wenig ausgeprägt, auch die Aufklärung wird diesbezüglich nach meiner pessimistischen Meinung wohl wenig Erfolg haben. Als Conclusio wünsche ich Ihnen einfach eine stets gesunde Nahrung und verbleibe mit herzlichen Grüßen Ihr Prof. Dr. Erland Erdmann, Köln