GBS nach COVID-Impfung: Kausaler Zusammenhang nicht sicher, Risiko gering

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Nachdem die US-Arzneimittelbehörde FDA das Guillain-Barré-Syndrom in ihre Warnhinweise zum Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson aufgenommen hat, weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie darauf hin, dass es derzeit keine Belege für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und COVID-19-Impfungen gibt.

Im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen kann es in sehr seltenen Fällen zu Komplikationen kommen. So berichteten US-Medien unter Berufung auf das nationale „Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS)“ von 100 Fällen des Guillain-Barré-Syndroms (GBS) im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung des Vakzins von Johnson und Johnson.1 95 Betroffene mussten stationär aufgenommen werden, einer verstarb. Auch im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca wurden GBS-Fälle berichtet. Die von den Behörden erhobenen Zahlen stellten aber keine besorgniserregende Erhöhung der GBS-Rate dar und es gebe derzeit auch keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang, kommentiert Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, die Entwicklung.

Neurologische Komplikation nach Infektionen

Laut DGN treten etwa drei Viertel aller GBS-Fälle in Folge von Infektionen auf, sei es durch eine bakterielle Darmentzündung mit Campylobacter jejuni oder eine Infektion der oberen Luftwege mit dem Zytomegalie-Virus oder anderen Viren. Auch wurden bereits im letzten Jahr SARS-CoV-2-assoziierte GBS-Fälle einschließlich der GBS-Variante des Miller-Fisher-Syndroms (MFS) berichtet.2-4 Auffällig war der DGN zufolge dabei: Während es sonst häufig zwei bis vier Wochen dauert, bis ein Infekt-assoziiertes GBS auftritt, kam es bei SARS-CoV-2-Infektion bereits nach fünf bis zehn Tagen zu dieser schweren neurologischen Komplikation. Der DGN zufolge gab es jedoch keine epidemiologischen oder genotypischen Hinweise für einen Kausalzusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-Infektion und dem Auftreten eines GBS.5

Erhöhte Inzidenz nach Impfungen

Auch im Zusammenhang mit der Impfung gegen SARS-CoV-2 wurden laut DGN bereits GBS-Fälle berichtet: In einem Zeitraum von vier Wochen zwischen Mitte März und Mitte April 2021 beobachteten Medizinerinnen und Mediziner in drei Distrikten des indischen Bundesstaats Kerala bei sieben Menschen binnen zwei Wochen nach Erstimpfung mit ChAdOx1-S (AstraZeneca) ein GBS. Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Fallserie berichten, lag die Inzidenz mit 5,8 pro eine Million Menschen in dieser Gruppe etwa 1,4- bis 10-mal so hoch, wie es in diesem Zeitraum sonst zu erwarten gewesen wäre.6 Die Patienten/Patientinnen befanden sich in ihrer fünften bis siebten Lebensdekade, sechs waren Frauen. Alle hatte ein GBS mit beidseitiger Gesichtslähmung, eine Symptomatik, die sonst bei weniger als 20 Prozent der GBS-Erkrankungen vorkommt. 57 Prozent hatten auch andere Hirnnervenbeteiligungen, was in Indien bislang bei weniger als fünf Prozent der GBS-Fälle beobachtet worden war.

Ebenso gab es Fallberichte aus Großbritannien im Zusammenhang mit der Gabe des Vakzins von AstraZeneca.7 Die Patienten, vier Männer im Alter zwischen 20 und 57 Jahren, hatten eine beidseitige Gesichtslähmung und Parästhesien. Die Symptome besserten sich bei zwei Betroffenen unter der Therapie mit 60 mg/d Prednisolon über fünf Tage, bei einem nach Gabe von intravenösen Immunglobulinen und bei einem spontan. Weder in der PCR aus dem Nasopharynx-Abstrich noch aus serologischen Antikörpertests, dem Röntgenbild des Thorax oder der Anamnese ergaben sich Hinweise auf eine SARS-CoV-2-Infektion. Serologische und Liquoruntersuchungen auf andere mögliche infektiöse Auslöser der Gesichtslähmungen fielen negativ aus. Die Symptome begannen elf bis 22 Tage nach der ersten Impfdosis, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die maximale Immunantwort auf die Impfung zu erwarten wäre. Ein kausaler Zusammenhang kann daraus allerdings nicht abgeleitet werden.

Zeitlicher Zusammenhang bedeutet nicht automatisch Kausalität

Die EMA zählte bis einschließlich Ende Mai 2021 insgesamt 156 Fälle eines GBS im zeitlichen Zusammenhang mit der Gabe des Vakzins von AstraZeneca – bei bis dato circa 40 Millionen verimpften Dosen.8 Doch, wie Berlit ausführt, ist auch hier ein zeitlicher Zusammenhang nicht mit einer kausalen Beziehung gleichzusetzen. „Die Inzidenz des GBS in Deutschland beträgt 1,6 bis 1,9 pro 100.000 Einwohner. Bei 83,13 Millionen Einwohnern treten in Deutschland jährlich zwischen 1300 und 1570 GBS-Fälle auf. In einem Editorial9 hatten wir berechnet, dass, wenn im zweiten und dritten Quartal etwa 50 Prozent der Bevölkerung geimpft worden wäre, in dieser Population rein statistisch zwischen 325 und 392 GBS-Fälle zu erwarten gewesen wären. Im Moment sind in Deutschland erst 43% Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft10 und damit müssten auch die erwartbaren Fälle etwa zehn Prozent niedriger liegen, also zwischen 290 und 350“, erklärt der Experte. „Es wird deutlich, dass die von der EMA erhobene Zahl keine besorgniserregende Erhöhung der GBS-Rate darstellt und es derzeit auch keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang gibt. Hinzu kommt, dass natürlich die Fälle des impfassoziierten GBS denen bei COVID-19-Infektion gegenübergestellt werden müssten.“

Das abschließende Fazit des Experten lautet: „Insgesamt ist das GBS-Risiko durch die Impfung gegen SARS-CoV-2 nach heutigem Kenntnisstand als sehr gering einzustufen – und wir haben zum Glück eine wirksame Therapie dieses Krankheitsbilds zur Verfügung.“

Literatur:
1 https://www.nytimes.com/2021/07/12/health/covid-guillain-barre-vaccines.html
2. Zhao H et al. Guillain-Barré syndrome associated with SARS-CoV-2 infection: causality or coincidence? Lancet Neurol 2020;19(5):383–384.
3. Toscano G et al. Guillain-Barré Syndrome Associated with SARS-CoV-2. N Engl J Med 2020;382(26):2574–2576.
4. Gutiérrez-Ortiz C et al. Miller Fisher Syndrome and polyneuritis cranialis in COVID-19. Neurology 2020;95(5):e601–e605.
5. Keddie S et al. Epidemiological and cohort study finds no association between COVID-19 and Guillain-Barré syndrome. Brain, 16. Dezember 2020
6. Maramattom BV et al. Guillain-Barré Syndrome following ChAdOx1-S/nCoV-19 Vaccine. Ann Neurol, 10. Juni 2021
7. Allen CM et al. Guillain-Barré syndrome variant occurring after SARS-CoV-2 vaccination. Ann Neurol, 10. Juni 2021
8. EMA. COVID-19 vaccine safety update VAXZEVRIA AstraZeneca AB. 18. Juni 2021.
9. Berlit P, Lehmann HC. Vorsicht vor kausalen Verknüpfungen. DGNeurologie 2021;4(3):149–150.
10. RKI-Impfquotenmonitoring vom 13.07.2021