Gendermedizin: Wie Augenerkrankungen sich bei Männern und Frauen unterscheiden1. Oktober 2019 Prof. Andreea Gamulescu, Leitende Oberärztin der Universitäts-Augenklinik Regensburg. Foto: Kaulard/Biermann Medizin Frauen und Männer sind „anders“ und unterschiedlich krank. Die Ursachen sind sowohl biologischer als auch psychosozialer Natur und betreffen alle Fächer der Medizin. In der Ophthalmologie steht das Verständnis für die Gendermedizin noch sehr am Anfang. Eine erste Einordnung gab Prof. Andreea Gamulescu, Leitende Oberärztin der Universitäts-Augenklinik Regensburg, während der Pressekonferenz zum 117. DOG-Kongress. Das männliche Auge, so berichtete Gamulescu, sei größer beziehungsweise länger als das weibliche. Bei Frauen jedoch nehme die zentrale foveale avaskuläre Zone mehr Fläche ein. Vom reinen Betrachten eines Auges sei es Wissenschaftlern nicht möglich, auf das Geschlecht des Menschen zu schließen, computergesteuerte „artificial intelligence“ hingegen sei hierzu in der Lage. Epidemiologisch sind laut Gamulescu bei bestimmten Erkrankungen geschlechtstypische Prävalenzen bekannt, so unter anderem das häufigere Auftreten der Chorioretinopathia centralis serosa bei Männern oder die rissbedingte Netzhautablösung insbesondere bei jungen, kurzsichtigen Männern sowie das Trockene Auge und die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) bei Frauen. Stichwort degenerative Netzhauterkrankungen: Hier erklärte Gamulescu in ihrem ergänzenden Experten-Statement, dass schon länger bekannt sei, dass es bei Frauen aufgrund einer stärkeren intrinsischen Immunantwort auch zu stärkeren Entzündungsreaktionen kommt. So werde etwa auch das häufigere Auftreten von Autoimmunerkrankungen bei Frauen erklärt. Aus der Neuroimmunologie lägen neben epidemiologischen Befunden zur Häufigkeit immunassoziierter Erkrankungen zunehmend auch experimentelle Befunde vor, die sowohl hormonelle als auch davon unabhängige molekulare Mechanismen einer geschlechtsspezifisch unterschiedlich stark ausgeprägten Immunfunktion aufzeigen würden. Wegen der starken Beteiligung von Immunmechanismen zum Beispiel bei der Entstehung und Progression von degenerativen Netzhauterkrankungen würden diese Erkenntnisse in Zukunft auch für die Augenheilkunde relevant sein. Stichwort Morbus Basedow: Der Unterschied zwischen den Geschlechtern beruhe nicht zuletzt auf den unterschiedlichen Hormonen, ihren Konzentrationen und ihren – vor allem bei Frauen – schwankenden Werten, so Gamulescu weiter. Unterschiede der zirkulierenden Hormonkonzentrationen seien sowohl Ursache als auch Folge geschlechtstypischer Eigenschaften von Individuen. Ebenso zeigten manche Erkrankungen geschlechtsspezifische Prävalenzen – ungeachtet vergleichbarer Umweltbedingungen und Risikofaktoren für Männer und Frauen. Hierzu würden beispielsweise die Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse zählen, insbesondere die Hashimoto-Thyreoiditis und der Morbus Basedow. Beide Erkrankungen träten deutlich häufiger bei Frauen als bei Männern auf. Der Morbus Basedow sei in vielen Fällen mit einer Exophthalmus-Symptomatik verbunden, die jedoch wiederum bei betroffenen Männern stärker ausgeprägt zu sein scheine als bei Frauen. Als ein potenziell bedeutsamer therapeutischer Ansatz für Morbus Basedow mit Augenbeteiligung habe sich in den letzten Jahren die Versorgung mit dem essenziellen Spurenelement Selen herausgestellt. Bei vielen Erkrankungen des Auges, so hieß es weiter, würden auch multiple exogene Faktoren wie geografische Verteilung und Ernährungsgewohnheiten eine assoziierte Rolle spielen und entsprechende unterschiedliche geschlechtstypische Prävalenzen bewirken. Noch aber schlage sich dies alles nicht in unterschiedlichen ophthalmologischen Therapien nieder. Stichwort Gendermedizin: Gamulescu erinnerte in ihrem Experten-Statement daran, dass die amerikanische Kardiologin und Wissenschaftlerin Marianne Legato in den 1980er-Jahren erstmals auf Unterschiede im Bereich der Herzerkrankungen bei Frauen und Männern hingewiesen hätte. Ihr sei aufgefallen, dass weibliche Herzinfarkt-Patienten wegen einer anderen – einer „untypischen“ – Symptomatik oft zu spät oder falsch diagnostiziert worden seien. Legato hätte den Begriff der „Gendermedizin“ geprägt, die seit den 1990er-Jahren auch Teil der „personalisierten Medizin“ sei. Die WHO habe zwar schon 2001 die Empfehlung herausgegeben, Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen, bislang spiele die Gendermedizin jedoch auch in der universitären Ausbildung eine untergeordnete Rolle. Quelle: DOG
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