Geringerer Hämatokrit-Anstieg unter transdermaler Testosterontherapie27. Oktober 2022 Auftragen von Testosteron-Gel. Foto: mbruxelle – stock.adobe.com Eine aktuelle Studie1 von Medizinern um Prof. Michael Zitzmann vom Universitätsklinikum Münster zeigt, dass es bezüglich des Hämatokritwerts (Hk) Unterschiede zwischen zwei bewährten Darreichungsformen der Testosteron-Ersatztherapie gibt. Das Problem: Durch die Gabe von Testosteron wird die Erythropoese gesteigert, was zu einem erhöhten und damit kritischen Hk führen kann. Damit steigt das Risiko für schwere kardiovaskuläre und thromboembolische Ereignisse.1-5. Aus diesem Grund sollte der Hk nicht über 54% steigen. Ist das der Fall, kann ggf. die Dosis der Hormontherapie reduziert oder das Behandlungsintervall verlängert werden. Ist der Hk weiterhin erhöht, muss die Therapie beendet werden und darf erst wieder bei normalem Wert fortgeführt werden. Erster direkter Vergleich Die prospektive, offene, zweiarmige Registerstudie HEAT (HEmatopoietic Affection bei Testosterone) verglich erstmals die Effekte von langwirksamem Testosteronundecanoat (TU) i.m. und einem transdermalen Testosterongel (T-Gel) auf Hk- und Hämoglobinwerte (Hb). Dafür wurden 802 Männer (Alter 25-65 Jahre) mit einem primären oder sekundären klassischen oder einem funktionellen Hypogonadismus in die Studie aufgenommen (Gesamttestosteron <12,1 nmol/l oder freies Testosteron <243 pmol/l). Bei der freien Wahl des Testosteronpräparates nach entsprechender ärztlicher Aufklärung über beide Optionen entschieden sich 498 Männer für das transdermale T-Gel und 304 für die TU-Injektionen. Die Follow-up-Untersuchungen fanden nach 26 bis 30 Wochen statt. Seltener kritische Hämatokrit-Werte „Bei beiden Testosteronapplikationen wurde das Therapieziel erreicht, indem es zu einem Anstieg der Serumtestosteronspiegel in den Normalbereich kam. Unter der Testosteron-Injektion stieg jedoch das Gesamttestosteron signifikant stärker an als unter der transdermalen Anwendung“, erklärt PD Dr. Tobias Jäger, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V. (DGMG). „Zum Zeitpunkt des Follow-up war der mediane Hk in der TU-Gruppe mit 48,1% allerdings um 2% höher als in der T-Gel-Gruppe mit 46,1%.“ Unterschiede gab es auch bei den kritischen Hk-Werten. So kam es bei 25 von 498 Probanden, die das Gel erhielten, zu einem Hk-Wert >50%, bei TU waren es 69 von 304 Patienten. Damit kam es in der TU-Gruppe signifikant häufiger zu Werten >50%. Und auch bei noch höheren Hk-Schwellenwerten (>52% bzw. >54%) gab es signifikante Unterschiede zugunsten des T-Gels. Günstigere Pharmakokinetik Klinisch relevante und statistisch signifikante Einflussparameter auf die Höhe des Hk-Anstiegs sind den Autoren der Studie zufolge ein fortgeschrittenes Alter, ein größerer Bauchumfang, ein stärkerer Anstieg der Testosteronspiegel und ein funktioneller vs. klassischer Hypogonadismus. „Der geringere Einfluss des Testosterongels auf den Hk könnte durch die günstigere Pharmakokinetik bedingt sein“, sagt HEAT-Studienleiter Zitzmann. „Durch die tägliche transdermale Applikation am Morgen wird der zirkadiane Rhythmus der endogenen Testosteronproduktion imitiert. Dagegen sinken die Testosteronspiegel unter der Hormoninjektion nachts nicht ab, sondern sind permanent hoch. Dadurch wird die Erythropoese stärker stimuliert.“ Anhand der Ergebnisse der HEAT-Studie1 und gemäß Empfehlungen der EAU-Leitlinie2 wird ersichtlich, dass neben einer individuellen Dosisreduzierung und regelmäßigem Blutbild-Monitoring auch topische Applikationsformen dazu beitragen, bei Patienten mit erhöhtem Hämatokrit ein mögliches kardiovaskuläres Risiko zu reduzieren. (DGMG/ms) Literatur: 1. Zitzmann M et al., Aging Male 2022; 25: 134-44 2. Dohle GR et al., EAU Guidelines on Male Hypogonadism 2019 3. Salonia A et al., EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health 2022 4. Corona G et al., Andrology 2020; 8: 970-87 5. Ory J et al., J Urol 2022; 207: 1295-301
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