Geschlechtersensible Medizin: DGIM sieht Nachholbedarf3. Februar 2026 Foto: © wladimir1804/stock.adobe.com Auf der Jahres-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) betonten Expertinnen und Experten, dass Geschlechtersensibilität als Teil der personalisierten Medizin unerlässlich für eine gute Versorgung ist. Diabetes, Herzinsuffizienz und bösartige Geschwüre: Bei vielen häufig auftretenden internistischen Krankheitsbildern arbeitet die Forschung intensiv daran, Krankheitsmechanismen, Risikofaktoren und Behandlungsansätze immer besser zu ergründen. „Hingegen stehen wir eher am Anfang bei der Aufklärung, in welcher Form sich biologische Unterschiede zwischen den Menschen – vor allem zwischen Männern und Frauen – auf die Entstehung von Erkrankungen, ihre Prävention und Behandlung auswirken“, betonte Prof. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM. Personalisiert und evidenzbasiert Dieses Wissen sei aber erforderlich, um Patientinnen und Patienten zukünftig möglichst personalisiert behandeln zu können. Die Endokrinologin erklärte, dass hierbei insbesondere hormonelle Faktoren relevant sind. „Bei beiden Geschlechtern haben die individuellen hormonellen Veränderungen im Laufe des Lebens Konsequenzen für Prävention und Therapie“, so Führer-Sakel. In vielen Bereichen bestehe jedoch noch Nachholbedarf. „Wir brauchen noch mehr Grundlagenforschung, um genau zu verstehen, wie Geschlechtshormone Stoffwechselprozesse, die Entstehung von Krebs und Autoimmunerkrankungen beeinflussen“, erklärt die DGIM-Vorsitzende. Entscheidend für den Erfolg einer modernen Inneren Medizin sei, dass Patientinnen und Patienten eine Versorgung erhalten, die sich stets am aktuellen Stand der Evidenz orientiere und zugleich individuelle Faktoren berücksichtige, so die Expertin weiter. Dies sei bislang nicht immer der Fall. Mit der Initiative „Klug entscheiden“ trage die DGIM hingegen schon viel dazu bei, evidenzbasierte Empfehlungen in den klinischen Alltag zu bringen. DGIM-Kommission adressiert „blinde Flecken“ „Die Forschung muss dort ansetzen, wo die Versorgung bislang noch zu oft „blind“ für Unterschiede geblieben ist“, erläutert auch Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger aus München. „Die Praxis orientiert sich noch zu oft am ‚Standardpatienten‘“, so die Diabetologin und Sprecherin der neu gegründeten DGIM-Kommission Geschlechtersensible Medizin. Gerade bei Diabetes seien Frauen häufig ‚untertherapiert‘ und erreichten empfohlene Blutzuckerwerte und andere Therapieziele seltener als Männer. Um diese Unter- und Fehlversorgung zu verhindern, müsse geschlechtersensible Medizin in Leitlinien, Forschung und Fortbildung stärker verankert werden, so Schumm-Draeger. „Geschlechtersensible Medizin bedeutet für Frauen, dass sie angemessen behandelt werden“, fügt sie hinzu. Mit diesem Ziel soll die neue DGIM-Kommission die Evidenz aus allen internistischen Schwerpunkten bündeln und daraus praxisnahe, geschlechtsspezifische Empfehlungen für Prävention, Diagnostik und Therapie ableiten. Bislang würde geschlechtersensible Medizin in Deutschland noch durch das Gender Data Gap und strukturelle Ungleichheit erschwert, ergänzte Prof. Ute Seeland, Leiterin der Sektion Geschlechtersensible Medizin und Prävention an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Um hier voranzukommen, brauche es vor allem mehr geschlechtersensible klinische Studien mit prospektiv-randomisiertem Ansatz. Dabei müssten neben biologischen auch soziokulturelle Faktoren berücksichtigt werden und deren Ergebnisse direkt in Leitlinien und Versorgung einfließen. „Geschlechtersensible Medizin hat ein großes ökonomisches Potenzial – weil präzisere Diagnosen und individuellere Therapien die Versorgung effizienter machen als herkömmliche Ansätze“, so Seeland. Inklusive Studienprotokolle gefordert Ähnlich sah das auch der DGIM-Generalsekretär Prof. Georg Ertl, der in der Pressekonferenz über personalisierte Medizin am Beispiel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen sprach. Diese sind in Deutschland die häufigste Ursache für Krankenhausaufnahmen und die häufigsten Todesursachen. „Ein erster Schritt in Richtung Personalisierung ist die Berücksichtigung des Geschlechts bei der Diagnostik und Therapie“, sagte der Würzburger Internist und Kardiologe. Personalisierte Medizin bedeute allerdings nicht beliebige Einzelentscheidungen, sondern müsse stets auf wissenschaftlicher Evidenz fußen. Damit diese – auch mit Blick auf geschlechtersensible Medizin – weiter gestärkt werde, forderte auch er mehr Studien, die Frauen konsequent einschließen. „Die Forderung nach inklusiven Studienprotokollen unterstützt die DGIM deshalb sehr“, sagte Ertl. Nur so lasse sich erreichen, dass Patientinnen bei Diagnostik und Therapie nicht länger benachteiligt werden. Neben der geschlechtersensiblen Medizin will die DGIM die zukunftsorientierte Innere Medizin mit zahlreichen weiteren Aktivitäten vorantreiben, wie der Geschäftsführer Dr. Oliver Franz abschließend erläuterte. „Die Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit verändern sich derzeit spürbar“, sagte der Wiesbadener Jurist. Die Fachgesellschaft begleite Reformen in Fort- und Weiterbildung sowie im Gesundheitswesen mit konstruktiven Vorschlägen und unter enger Einbindung der internistischen Schwerpunktgesellschaften.
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