Gesichtsnervenlähmung: KI soll Diagnostik verbessern

Um die Diagnostik bei Fazialisparese zu verbessern, entwickeln Freiburger Forschende ein KI-gestütztes System, dass die Gesichtsfunktion objektiv erfassen und Veränderungen im Krankheitsverlauf messbar machen soll.Symbolbild.©VectorMine-stock.adobe.com

Ein Freiburger Forschungsteam entwickelt ein videobasiertes durch Künstliche Intelligenz (KI) gestütztes System zur Verlaufskontrolle bei Gesichtsnervenlähmung.

Eine Gesichtsnervenlähmung – auch Fazialisparese genannt – kann alltägliche Bewegungen wie Lächeln oder das vollständige Schließen eines Auges deutlich beeinträchtigen. Um die Gesichtsfunktion objektiv zu erfassen und Veränderungen im Krankheitsverlauf messbar zu machen, entwickelt ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Klinik für Plastische und Handchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg sowie industriellen Partnern aus den Niederlanden und Deutschland ein KI-gestütztes System zur Analyse von Videoaufnahmen. Ziel ist es, Patienten schnellen Zugang zu spezialisierter Diagnostik und individuell angepasster Therapie zu ermöglichen. Das dreijährige Projekt mit einem Gesamtbudget von 1,5 Millionen Euro wird mit insgesamt 888.000 Euro im Rahmen des europäischen Förderprogramms „Eurostars“ gefördert. Davon gehen rund 272.000 Euro an die Forschungsgruppe des Universitätsklinikums Freiburg.

„Eine Fazialisparese bedeutet häufig eine große psychische Belastung, weil sich das Gesicht und damit ein wichtiger Teil der eigenen Ausdrucksfähigkeit verändert. Mit der digitalen Verlaufskontrolle wollen wir die Behandlung besser an die individuelle Entwicklung anpassen“, erklärt Projektleiter PD Dr. Branislav Kollár, Funktionsoberarzt der Klinik für Plastische und Handchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg.

Gesichtsfunktion anhand von Videos objektiv erfassen

Bei einer Fazialisparese ist der Gesichtsnerv geschädigt oder in seiner Funktion beeinträchtigt. Er steuert einen großen Teil der Gesichtsmuskulatur. Mögliche Ursachen sind unter anderem Infektionen, Verletzungen oder Tumorerkrankungen.

Wie stark einzelne Gesichtsbewegungen eingeschränkt sind und wie sich die Funktion im Laufe der Zeit erholt, wird bislang vor allem anhand ärztlicher Untersuchungen beurteilt. Das ist zeitlich aufwendig und zum Teil subjektiv. Künftig sollen standardisierte Videoaufnahmen diese Einschätzung ergänzen. Patienten führen dafür festgelegte Gesichtsbewegungen vor einer Kamera aus. Anschließend werden diese mithilfe Künstlicher Intelligenz analysiert. So sollen auch kleinere Veränderungen besser vergleichbar werden. Deshalb können Ärztinnen und Ärzte die Entwicklung der Gesichtsfunktion über längere Zeiträume einheitlicher beurteilen.

Auch Patienten sollen die Technologie perspektivisch nutzen können. Damit könnten sie ihre Gesichtsfunktion, zum Beispiel von zu Hause, selbst dokumentieren. Die regelmäßigen Videoaufnahmen könnten Veränderungen zwischen Arztterminen erfassen und eine digitale Begleitung des Krankheitsverlaufs ermöglichen. Insbesondere für Betroffene, die nicht in der Nähe eines spezialisierten Zentrums leben, könnte dies den Zugang zu fachärztlicher Beurteilung erleichtern. „Langfristig möchten wir mit dieser Technologie besser bestimmen, welche Patient*innen einen Arztbesuch oder eine Operation benötigen. Somit könnten wir einer größeren Patientenzahl hochspezialisierte Therapie zukommen lassen und gleichzeitig die wertvollen Ressourcen im Gesundheitssystem effektiver nutzen,“ erörtert Kollár.

Fazialiszentrum bündelt spezialisierte Behandlung

Im Anfang 2026 gegründeten Fazialiszentrum des Universitätsklinikums Freiburg arbeiten Spezialisten verschiedener Fachrichtungen eng zusammen. Dazu gehören unter anderem Plastische Chirurgie, Neurologie, Augenheilkunde, Neurochirurgie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. In gemeinsamen Sprechstunden und Fallbesprechungen stimmen sie Diagnostik und Behandlung individuell auf die Patienten ab. Je nach Ursache und Ausprägung kommen nicht-operative Behandlungen oder mikrochirurgische Verfahren infrage. Die KI-basierte Verlaufskontrolle soll diese spezialisierte Betreuung perspektivisch ergänzen.

Für die technische Entwicklung des KI-gestützten Systems arbeitet das Freiburger Forschungsteam mit dem niederländischen E-Health-Unternehmen MEDrecord, dem auf KI-basierte Videoanalyse spezialisierten Unternehmen VicarVision sowie dem deutschen Diagnostik-KI-Unternehmen medicalvalues zusammen. Die deutschen Projektpartner erhalten ihre Förderung durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).