Glioblastome am Wachsen hindern: Unkonventionelle Behandlung zeigt erste Erfolge19. Dezember 2018 Beispielhafte Rückbildung eines Glioblastomrezidivs unter Behandlung mit CUSP9v3 in der Magnetresonanztomographie (MRT). Bildquelle: Tim Heiland, Klinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Ulm Einen Fortschritt in der Erforschung und Behandlung des Glioblastoms hat ein Team um Prof. Marc-Eric Halatsch (Klinik für Neurochirurgie) am Universitätsklinikum Ulm erzielt: Unter der Therapie mit einer erstmalig eingesetzten Kombination von neun Medikamenten – darunter Antibiotika sowie Wirkstoffe gegen HIV und Bluthochdruck – kam das Tumorwachstum laut Mitteilung der Uniklinik bei der Hälfte der behandelten Studienteilnehmer zum Stillstand; im Falle des ersten in die Studie eingeschlossenen Patienten für nunmehr 24 Monate. Glioblastome gehören zu den häufigsten im Erwachsenenalter auftretenden Tumoren des Gehirns und gehen oft mit vollständiger Erblindung einher. Sie wachsen meist innerhalb weniger Monate deutlich und sind äußerst aggressiv. Die üblichen Therapieoptionen wie die chirurgische Entfernung des Tumors, Bestrahlung und Chemotherapie sind selten nachhaltig erfolgreich; meist tritt der Tumor erneut auf. „Obwohl neurochirurgische Operationsmethoden und die begleitenden Therapien in den vergangenen Jahren stetig verbessert wurden, können wir mit der Prognose von Patienten mit Glioblastom nach wie vor nicht zufrieden sein“, erläutert Halatsch. Ermutigende vorläufige Ergebnisse Dies, so hoffen die Wissenschaftler, könnte der neue Therapieansatz ändern; die klinische Studie hierzu sei im Oktober vorläufig ausgewertet worden. „Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend“, berichtet Studienleiter Halatsch. „Die Patienten vertragen die eingesetzten Medikamente in einer Weise, wie wir sie aus anderen Zweit- und Drittlinientherapien kennen.“ Von November 2016 bis Dezember 2018 wurde beziehungsweise wird insgesamt zehn Glioblastom-Patienten eine Wirkstoffkombination von neun Medikamenten namens CUSP9v3 (Coordinated Undermining of Survival Paths by 9 Repurposed Drugs, Version 3) verabreicht, wobei nach Angaben der Uniklinik die zuletzt eingeschlossene Studienteilnehmerin erst seit sechs Monaten behandelt wird; der Tumor sei bei ihr in diesem Zeitraum nicht erneut gewachsen. Die Zwischenauswertung der „Proof-of-Concept“-Studie habe das Team Mitte November bei der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Neuroonkologie in New Orleans (USA) vorgestellt. Zusätzlich zu den neun Studienmedikamenten, so heißt es weiter, erhielten beziehungsweise erhalten die Studienteilnehmer noch eine niedrig dosierte Chemotherapie. Alle Patienten hatten laut Mitteilung vor Teilnahme an der Studie bereits eine Standardtherapie inklusive Operation und Bestrahlung hinter sich gebracht, bevor der Tumor erneut aufgetreten sei. Könnten die positiven ersten Ergebnisse im Verlauf der nächsten sechs Monate bestätigt werden, sei eine größere klinische Folgestudie geplant. “Für die aktuelle Studie werden keine neuen Teilnehmer gesucht”, betont die Uniklinik. Mechanismen des Tumorwachstums gezielt stören Auf die unkonventionelle Idee, mehrere Wirkstoffe kombiniert einzusetzen, kam Halatsch nach Angaben des Klinikums im Jahr 2013 gemeinsam mit dem amerikanischen Psychiater Dr. Richard Kast. Die Mediziner fragten sich, ob ein einzelner Wirkstoff möglicherweise zu wenig sei, um die aggressive Tumorart zu bekämpfen. Sie begannen daraufhin, nach Wirkstoffen zu suchen, die die Mechanismen stören, die für das Tumorwachstum verantwortlich sind. Bei ihrer Recherche prüften die Forscher vor allem auch in der Praxis bewährte, nebenwirkungsarme Wirkstoffe, die normalerweise zur Behandlung anderer Erkrankungen zur Anwendung kommen, zum Beispiel bei Pilzerkrankungen, HIV-Infektionen oder Bluthochdruck. Letztlich konnten Halatsch und Kast neun geeignete Präparate identifizieren, darunter auch Wirkstoffe, die bei Alkoholabhängigkeit, chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen, Depressionen oder zur Linderung von Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt werden. “Drug Repurposing” als Forschungsbeschleuniger Gefördert wird die Studie von der belgischen Stiftung Anticancer Fund (https://www.anticancerfund.org/projects). „Wir sind uns bewusst, dass die Therapie mit einer Kombination von neun Präparaten in Verbindung mit einer Standardbehandlung äußerst ungewöhnlich ist“, begründet der Ärztliche Direktor des Anticancer Fund, Dr. Guy Buyens, die finanzielle und wissenschaftliche Unterstützung. „Wir sind jedoch fest davon überzeugt, dass das Verwenden von Wirkstoffen zu einem anderen als ihrem ursprünglichen Zweck (Drug Repurposing) ebenso wie kombinierte Therapien hohes Potenzial haben.“ „`Drug Repurposing` ist ein wertvoller Ansatz, um die Krebsforschung zu beschleunigen“, ergänzt die Geschäftsführerin der Stiftung, Dr. Lydie Meheus. „Bei bereits etablierten, zugelassenen Medikamenten wissen wir, wie sicher sie sind, außerdem sind sie leicht verfügbar und kostengünstig.“ Quelle: Universitätsklinikum Ulm
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