Globale Studie zur Sterblichkeit in der COVID-19-Pandemie3. August 2021 Bild: ©Ilya – stock.adobe.com Ein Forscherteam der Universität Tübingen und der Hebräischen Universität Jerusalem ermöglicht einen Ländervergleich unabhängig von offiziell gemeldeten Corona-Zahlen. Durch den Aufbau der aktuell größten Sammlung weltweiter Sterbedaten hat ein deutsch-israelisches Forscherteam die tödlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie über 103 Länder in vergleichbarer Form aufbereitet. Die Sterblichkeitsraten bezogen auf bestimmte Zeiträume der Pandemie würden ein Bild der Lage unabhängig von der Corona-Teststrategie und -kapazität, den gemeldeten Infektionszahlen oder auch der Berichtspolitik eines Landes zulassen, wie die Eberhard Karls Universität Tübingen anlässlich der Veröffentlichung der Daten im Fachjournal „eLife“ erklärt. In ihrer Studie berichten Dr. Dmitry Kobak vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen und Ariel Karlinsky von der Hebräischen Universität Jerusalem von extremen Unterschieden: Während die Todeszahlen in einigen lateinamerikanischen Ländern in der Pandemie um mehr als die Hälfte stiegen, starben in Australien und Neuseeland sogar weniger Menschen als in vergleichbaren Zeiträumen vor der Pandemie. In Deutschland blieb die Übersterblichkeitsrate – die Zahl der Toten über die zu erwartende Sterblichkeitsrate hinaus – unter der der europäischen Nachbarländer. Für eine bestimmte Bevölkerung lassen sich erwartete Sterbezahlen über die kommenden Monate und Jahre berechnen auf der Grundlage der entsprechenden Daten aus vergangenen vergleichbaren Zeitspannen. Pandemien, Kriege sowie Natur- oder menschengemachte Katastrophen verursachen zusätzliche Tote über die erwarteten Zahlen hinaus. Öffentlich verfügbare Datensammlung „Die Sterbedaten sind unabhängig von zahlreichen anderen Aspekten und dadurch sehr aussagekräftig“, sagt Karlinsky. „Bis jetzt gab es jedoch keine globale, aktuell gehaltene Sammlung dieser Zahlen.“ Um diese Lücke zu füllen, haben Karlinsky und Kobak wöchentliche, monatliche und vierteljährliche Sterbedaten aus 103 Ländern und Regionen gesammelt, die sie im World Mortality Dataset öffentlich verfügbar gemacht haben. Sie selbst nutzten diese Daten, um die Sterblichkeitsraten der einzelnen Länder während der COVID-19-Pandemie zu erfassen. „Uns hat interessiert, ob eine Übersterblichkeit durch die Pandemie zu verzeichnen war, und wenn ja, in welchem Umfang – und ob die Zahlen über die Länder hinweg vergleichbar waren“, sagt Karlinsky. Die Analysen ergaben, dass in einigen der Länder, die am schlimmsten von COVID-19 betroffen waren – vor allem Peru, Ekuador, Bolivien und Mexiko – die Übersterblichkeit bei mehr als 50 Prozent der zu erwartenden jährlichen Sterblichkeitsrate lag oder bei mehr als 400 zusätzlichen Toten pro 100.000 Einwohner in Peru, Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien. Zugleich lag die Sterblichkeit in Ländern wie Australien und Neuseeland während der Pandemie unter dem üblichen Level. Die Autoren gehen davon aus, dass dies durch die Abstands- und Hygieneregeln zustande kam, was die Tode durch andere Infektionen als COVID-19 reduzierte. Sie stellten außerdem fest, dass zwar viele Länder genaue COVID-19-Sterbedaten übermittelten, andere aber – darunter Nicaragua, Weißrussland, Ägypten und Usbekistan – nur weniger als ein Zehntel der tatsächlichen Pandemietoten meldeten. Relativ geringe Übersterblichkeit in Deutschland Der Studie zufolge lag die Übersterblichkeit in Deutschland in der Pandemie bisher bei rund 40.000 Verstorbenen. „Das sind viel weniger als die 90.000 offiziell gemeldeten Toten durch COVID-19“, sagt Kobak. Wahrscheinlich seien die Sterbezahlen bei anderen Atemwegserkrankungen während der Wintermonate gesunken. Bei 50 zusätzlichen Toten pro 100.000 Einwohnern habe Deutschland in der Pandemie eine viel geringere Übersterblichkeit erfahren als umliegende europäische Länder (Niederlande: 110; Belgien: 140; Frankreich: 110; Schweiz: 100; Österreich: 110, Tschechien: 320; Polen: 310) – ausgenommen Dänemark, das keine Übersterblichkeit verzeichnete. „Insgesamt erhalten wir durch unsere Ergebnisse ein umfassendes Bild der Folgen der COVID-19-Pandemie. Wir hoffen, dass wir so ein besseres Verständnis der Pandemie erlangen und sich der Erfolg verschiedener Eindämmungsmaßnahmen besser erfassen lässt“, sagt Kobak. „Unser Datenbestand soll auch anderen Forschern helfen, ihre Fragen zur Pandemie zu beantworten.“ Der World Mortality Dataset solle ausgebaut und weiterhin aktualisiert werden.
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