Haben Fußballprofis ein erhöhtes Demenzrisiko?

Foto: ©Alex – stock.adobe.com

Im Vergleich zur nicht fußballspielenden Kontrollgruppe treten bei Fußballern signifikant häufiger Fälle von Morbus Alzheimer, Parkinson sowie anderen Demenzerkrankungen auf, wie eine aktuelle Studie zeigt. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Neurologie wirft dieses Ergebnis zahlreiche Fragen auf: Gibt es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang? Und was könnte ein solches erhöhtes Risiko medizinisch erklären?

In der retrospektiven Kohortenstudie1 waren 7676 ehemalige Fußballprofis aus Schottland mit mehr als 23.000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung in Hinblick auf Alter, Geschlecht und sozialen Status verglichen worden. Bei denen, die während der Studie verstarben, wurden die Todesursachen erhoben und ausgewertet. In median 18 Jahren verstarben 1180 ehemalige Fußballprofis (15,4 %) und 3807 Menschen aus der Kontrollgruppe (16,5 %) – und der Vergleich zeigte interessante Ergebnisse:

So war die Gesamtmortalität in der „Fußballergruppe“ bis zum 70. Lebensjahr geringer, dann aber in der Altersgruppe über 70 Jahren höher als in der Kontrollgruppe. Die ehemaligen Fußballprofis wiesen eine signifikant geringere Sterblichkeit an ischämischen Herzerkrankungen (p = 0,02) auf als die „Nicht-Fußballer“, auch waren bei ihnen weniger an Lungenkrebs (p < 0,001) verstorben.

Einen deutlichen Unterschied gab es aber im Hinblick auf neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Motorneuronerkrankungen, Morbus Alzheimer und andere Demenzerkrankungen. Auffällig war, dass die Rate der durch diese Erkrankungen verursachten Todesfälle in der „Fußball-Gruppe“ signifikant höher war. Insgesamt war bei 1,7 % der ehemaligen Fußballer eine neurodegenerative Hauptdiagnose auf dem Totenschein vermerkt worden, aber nur bei 0,5 % der Kontrollgruppe (p < 0,001).

Besonders häufig war bei den ehemaligen Fußballprofis der M. Alzheimer diagnostiziert worden: So gab es in der Fußballergruppe 64 Alzheimer-bedingte Todesfälle (0,8 %), in der viel größeren Vergleichsgruppe insgesamt nur 47 (0,2 %) – die Rate war also um den Faktor 4 höher. Zu diesem Ergebnis passte, dass auch mehr Studienteilnehmer in der „Fußballer-Gruppe“ Demenzmedikamente einnahmen als in der Kontrollgruppe. Interessanterweise gab es keinen Unterschied im Hinblick auf die neurodegenerative Mortalität zwischen Feldspielern und Torhütern, wohl aber hinsichtlich der Medikation: Feldspielern waren häufiger als Torhütern Demenzmedikamente verschrieben worden.

Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wirft die Studie verschiedene Fragen auf. „Es kann spekuliert werden, ob Kopfbälle und Schädel-Hirntraumen zu einem höheren Risiko für neurodegenerative Erkrankungen führen können, das wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert“, erklärt Prof. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. Ähnliche Ergebnisse gibt es für Footballspieler in den USA.2 Anhand neuropathologischer Befunde wurde die Chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) infolge von wiederholten leichten Kopfverletzungen bei verschiedenen Sportarten (Boxen, American Football, Australian Football, Rugby, Fußball, Eishockey) beschrieben. Interessant ist, dass bei der CTE eine Tauopathie gefunden wird wie bei neurodegenerativen Erkrankungen3“, betont Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Selbstverständlich kann die hier vorliegende retrospektive Erhebung generell keine kausalen Beziehungen nachweisen und wir sollten mit der Interpretation dieser Daten vorsichtig sein.“

Auch die Studienautoren fordern, die Fragestellung prospektiv zu untersuchen. Sie betonen, dass die vorliegende retrospektive Studie mögliche methodische Mängel aufweist, die das Matching betreffen. Auch heben sie hervor, dass die Ergebnisse keinesfalls auf Amateurfußballer übertragen werden können.

Literatur:
1. Mackay DF et al.: Neurogenerative disease mortality among former professional soccer players. NEJM, 21. Oktober 2019
2. Mez J et al.: Clinicopathological Evaluation of Chronic Traumatic Encephalopathy in Players of American Football. JAMA 2017;318(4):360–370.
3. Kulbe JR, Hall ED.: Chronic traumatic encephalopathy-integration of canonical traumatic brain injury secondary injury mechanisms with tau pathology. Prog Neurobiol 2017;158:15–44.