Herzinfarkt bei Krebspatienten: Neuer Risikoscore für individuelle Behandlung

Ein neues Risikovorhersagemodell könnte die Behandlung von Krebspatienten mit akutem Koronarsyndrom verbessern. (Symbolfoto: ©New Africa/stock.adobe.com)

Das neu entwickelte Prognosetool ONCO-ACS sagt die Risiken für Sterblichkeit, schwere Blutungen und ischämische Ereignisse bei Krebspatienten mit akutem Koronarsyndrom vorher. Es soll eine bessere personalisierte Behandlung ermöglichen.

Krebspatientinnen und -patienten, die einen Herzinfarkt erleiden, sind einer besonders gefährlichen Kombination verschiedener Risikofaktoren ausgesetzt. Dies macht nicht nur ihre klinische Behandlung herausfordernder, sie werden auch systematisch aus vielen klinischen Studien und bestehenden Risikoscores ausgeschlossen. Daher gibt es bislang für diese vulnerable Patientengruppe kein standardisiertes Instrument zur Risikovorhersage.

Bevölkerungsdaten zu Herzinfarkt und Krebs

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich (Schweiz) hat nun das erste Risikovorhersagemodell für Krebspatientinnen und -patienten mit Herzinfarkt entwickelt. Für die entsprechende Studie wurden mehr als eine Million Herzinfarktpatientinnen und -patienten aus England, Schweden und der Schweiz untersucht, darunter mehr als 47.000 Personen mit einer Krebserkrankung. Ihre Studienergebnisse präsentierten sie jüngst im Fachmagazin „The Lancet“.

Die Ergebnisse zeigen, dass Krebspatientinnen und -patienten mit Herzinfarkt eine auffallend schlechte Prognose haben: Innerhalb von sechs Monaten starb mehr als ein Viertel der Untersuchten (kumulative Inzidenz: 27,8 %). Bei 7,3 Prozent der inkludierten Teilnehmer kam es zu einer schweren Blutung und in 16,1 Prozent der Fälle zu einem ischämischen Ereignis. „Für eine gezielte Behandlung ist es daher wichtig, dass wir in der Klinik das individuelle Risikoprofil besser abschätzen können“, sagt Erstautor Florian A. Wenzl vom Center for Molecular Cardiology der Universität Zürich und vom National Health Service England.

KI-basiertes Risikovorhersagemodell ONCO-ACS

Die Forschenden entwickelten dafür das neue Tool ONCO-ACS. Dieses nutzt KI, um krebsbezogene und klassische kardiovaskuläre Faktoren zu kombinieren und so die Sterblichkeit, schwere Blutungen und ischämische Ereignisse vorherzusagen. Konkret basiert der ONCO-ACS-Score auf Daten zu Tumorart, Zeit seit der Krebsdiagnose, Metastasierung, Alter, Hämoglobinwert, Herzfrequenz, geschätzter glomeruläre Filtrationsrate, Body-Mass-Index, Killip-Klasse, Herzstillstand und schweren Blutungen innerhalb von sechs Monaten.

In einer internen Validierung ergab sich damit eine zeitabhängige Fläche unter der ROC-Kurve (tAUC) von 0,84 für die Gesamtmortalität, 0,70 für schwere Blutungen und 0,79 für ischämische Ereignisse. Eine externe Validierung an drei regional getrennten Kohorten aus England, Schweden und der Schweiz bestätigte diese Ergebnisse.

Obwohl Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen traditionell als getrennte Krankheitsbilder betrachtet werden, unterstreichen die Ergebnisse das enge Zusammenspiel beider Erkrankungen. „Abhängig von den Eigenschaften des Tumors können Krebspatientinnen und -patienten ein erhöhtes Blutungsrisiko, eine gesteigerte Neigung zu arteriellen Blutgerinnseln oder beides aufweisen – was eine jeweils unterschiedliche Behandlung mittels Plättchenhemmer nach dem Herzinfarkt erfordert“, fasst Wenzl zusammen.

Laut den Studienautoren legt die Anwendung der ONCO-ACS-Kriterien auf die aktuellen Leitlinien nahe, dass die meisten Patienten mit Krebs und akutem Koronarsyndrom für eine invasive Behandlung und eine langfristige duale Thrombozytenaggregationshemmung mit Clopidogrel in Frage kommen.

Ausblick auf personalisierte Behandlung

Das neue Tool liefert Ärztinnen und Ärzten verlässliche Informationen, um die Behandlung individuell anzupassen und Nutzen und Risiken besser gegeneinander abzuwägen. „Indem sowohl Krebs- als auch Herzerkrankungen berücksichtigt werden, stellt ONCO-ACS einen Schritt hin zu einer wirklich personalisierten Medizin dar. Das Instrument hilft zu entscheiden, wer von invasiven Eingriffen und intensiver medikamentöser Therapie profitiert und wer ein erhöhtes Risiko für Blutungskomplikationen hat“, ergänzt Letztautor Thomas F. Lüscher vom National Heart and Lung Institute des Imperial College London sowie den Royal Brompton and Harefield Hospitals.

Die Forschenden hoffen, dass der ONCO-ACS-Score bald in die klinische Praxis integriert und zur Planung zukünftiger Studien genutzt wird – mit dem Ziel, die Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten mit Herzinfarkt zu verbessern.

(ah/BIERMANN)