Heute schon gehustet?

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

Für nahezu jede chronische Erkrankung gibt es sogenannte Patienten­tagebücher. Die tägliche Doku­mentation von Beschwerden und Messwerten soll einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf ausüben. Ist das wirklich so?

Unbestritten ist der Stellenwert der sorgfältigen Dokumentation im Rahmen von klinischen Studien. Die Erfassung der sogenannten patientenbezogenen Ergebnisse basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Aufzeichnung von Symptomen und subjektiven Empfindungen während der Beobachtungsphase. Auch für die Pharmakovigilanz sind in bestimmten Fällen Patiententagebücher hilfreich: Die regelmäßige Erfassung relevanter Parameter, die der Erkennung bedeutsamer Nebenwirkungen dienen, ist sinnvoll. Ob Blutbild oder Transaminasen: Es fällt leichter, einen Trend zu erkennen, wenn die entsprechenden Laborwerte in Tagebüchern systematisch erfasst und dokumentiert werden.

Manche Menschen haben eine Affinität zu Zahlen, Daten und Fakten. Die tägliche Dokumentation von Blutdruck und Puls, Auswurfmenge, Hustenfrequenz oder Ausprägungsgrad der Dyspnoe betreiben sie mit Leidenschaft. Dem Arzt werden die dokumentierten Messwerte bei der regelmäßigen Konsultation präsentiert – in Erwartung einer wertschätzenden Würdigung. Ist der Arzt ebenfalls ein Zahlenmensch, wird er sich damit leichttun. Ist er es nicht, kann die Erörterung der Messwerte der letzten 3 Monate eine zeitintensive Herausforderung darstellen.

Patiententagebücher stellen eine beliebte Anwendung für Gesundheits-Apps dar. Weltweit sind etwa 40.000 Applikationen für Mobiltelefone verfügbar, rund ein Drittel davon befasst sich mit der Begleitung von Patienten mit chronischen Erkrankungen. [1] Das Selbstmanagement soll erleichtert werden, auch die Früherkennung von Exazerbationen soll verbessert werden. Die Möglichkeiten und Grenzen elektronischer Tagebücher wurde in der Vergangenheit kontrovers diskutiert. [2]

Ebenso wie bei Medikamenten spielt auch bei Patiententage­büchern die Adhärenz eine Rolle. Bei Patienten mit Asthma konnte beobachtet werden, dass sich die von Hand dokumentierte Anzahl der Peakflow-Werte deutlich von der insgeheim erfolgten, elektronischen Aufzeichnung unterschied – und zwar dahingehend, dass von Hand mehr Messungen angegeben wurden, als tatsächlich erfolgten. [3] Neben der naheliegenden Unlust, regelmäßig ein Tagebuch zu führen, muss also auch mit dem Gegenteil gerechnet werden, dem sogenannten Overreporting.

Menschen, die an chronischen Erkrankungen leiden, sind nicht immer daran interessiert, sich täglich mit den Krankheitserscheinungen zu beschäftigen. Die ständige Notwendigkeit, sich über den Ausprägungsgrad von Symptomen Gedanken zu machen, widerspricht dem Bedürfnis, als „gesund“ wahrgenommen zu werden. Der Vorschlag, ein Symptomtagebuch zu führen, kann deshalb auf Ablehnung stoßen.

Gesundheits-Apps sollen dazu motivieren, das Tagebuch korrekt auszufüllen und bei der Stange zu bleiben. Ob dies auf Dauer gelingt, ist Gegenstand der aktuellen Forschung. Es gibt Hinweise, dass die Adhärenz bei Smartphone-Applikationen nach 6 Monaten deutlich besser ist als bei Onlineportalen oder der althergebrachten Papierform. Insbesondere die Interaktivität – auch wenn sie artifiziell ist – scheint einen positiven Einfluss auf die Adhärenz zu haben.

Letztlich muss bei der Verwendung von Patiententagebüchern – egal in welcher Form – überlegt werden, welchen Einfluss diese Dokumentation auf die Krankheitsbewältigung hat und welchen ­Nutzen sie mit sich bringt. Ein Selbstzweck sollte sie nicht sein. Denn wie bei allen medizinischen Untersuchungsverfahren ist auch von Patiententagebüchern zu fordern, dass sie valide, reliabel und relevant sind. Für letzteres fehlt in vielen Bereichen bislang jede Evidenz. [4]

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur:

  1. www.healthon.de/healthon-statistiken
  2. Piasecki TM, Hufford MR, Assessing Clients in Their Natural Environments With Electronic Diaries: Rationale, Benefits, Limitations, and Barriers. Psycholog Assessm 2007;19(1): 25–43.
  3. Verschelden P, Cartier A, L’Archevêque J et al. Compliance with and accuracy of daily self-assessment of peak expiratory flows (PEF) in asthmatic subjects over a three month period. Eur Respir J 1996;9(5):880–885.
  4. Alvarez-Perea A, Sánchez-Garcia S, Muñoz Cano R et al. Impact Of „eHealth” in Allergic Diseases and Allergic Patients. J Investig Allergol Clin Immunol 2019;29(2):94–102.