Highlights vom Kongress des Dachverbandes Reproduktionsbiologie und –medizin13. Oktober 2021 Foto: © peterschreiber.media – stock.adobe.com Der 9. Kongress des Dachverbandes Reproduktionsbiologie und –medizin (DVR) vereint zwölf Mitgliedsgesellschaften. Anfang Oktober stellten sie alle neuen klinischen und wissenschaftlichen Aspekte der Fortpflanzung “unter einem Dach” virtuell zur Diskussion. Die deutschen Reproduktionsmediziner haben allen Grund, stolz auf ihre Erfolge bei der Behandlung der ungewollten Kinderlosigkeit zu sein: Über 340.000 Kinder sind seit 1982 mit Hilfe der assistierten Reproduktion zur Welt gekommen. „Dies entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Wuppertal oder Bielefeld“, erklärte Dr. Ute Czeromin aus Gelsenkirchen. Diese aktuellen Ergebnisse der 134 deutschen Zentren weist das Deutsche IVF-Register aus, das beim 9. Kongress des DVR vorgestellt wird. Über 21.000 Kinder wurden allein im dafür jüngsten Berichtszeitraum (2019) nach assistierter Reproduktion geboren. „Das sind fast drei Prozent aller geborenen Kinder im Jahr 2019“, verdeutlichte Czeromin als Vorstandsvorsitzende des Registers. „Anders ausgedrückt: In jeder Schulklasse sitzt mindestens ein Kind, das mit Hilfe dieser Methoden entstanden ist.“ Ähnlich wie im „richtigen Leben“ klappt es auch mit medizinischer Unterstützung nicht immer beim ersten Versuch, eine Schwangerschaft zu erzielen. Bei ca. 116.000 Behandlungszyklen im Jahr 2019 resultierte bei den Frischzyklen in jedem dritten Fall (32,7 %) eine Schwangerschaft, wenn ein Embryo entstand und auf die Frau übertragen wurde. In jedem fünften Fall (19,0 %) kam es bei der Übertragung dieser „frischen“ Embryonen zur Geburt. Auf Eis gelegt – im positiven Sinn und mit viel Erfolg Eine zusätzliche Chance bietet der Transfer in Auftau-Zyklen: Wenn viele Eizellen herangereift sind, können „Präembryonen“ (Eizellen, in die eine Samenzelle eingedrungen ist, die aber noch nicht befruchtet sind) eingefroren und in einem späteren Zyklus aufgetaut eingesetzt werden. Hier liegt die Geburtenrate pro Transfer mittlerweile auf dem Niveau der Frischzyklen (19,2 %). Der Vorteil für die Patientin: Sie erspart sich eine erneute Hormonbehandlung samt Gewinnung von Eizellen und hat bereits nach kurzer Zeit wieder die Chance, mit den aufgetauten Embryonen schwanger zu werden. Die stetig wachsende Anzahl dieser Auftauzyklen geht auch auf das Bestreben der Reproduktionsmediziner zurück, pro Zyklus möglichst nur einen Embryo zu übertragen und so die Mehrlingsrate zu senken. Mehrlinge bergen nicht unerhebliche Risiken für Mutter und Kind: schwierigere Schwangerschaften und Geburten sowie höhere Frühgeburtlichkeit. Insgesamt sinken die Mehrlingsraten sinken langsam aber sicher, von 21,3 % im Jahr 2017 auf jetzt 17,8 % in Frischzyklen (Auftauzyklen 13 %). Das Ziel der Reproduktionsmediziner ist eine weitere Reduktion durch den gezielten Transfer eines einzigen Embryos (Single Embryo Transfer) mit hohem Entwicklungspotenzial. Auch Dampfen bei Kinderwunsch nicht ratsam Nikotin und sein Hauptabbauprodukt Cotinin sind auch in der unmittelbaren Umgebung der heranreifenden Eizelle nachzuweisen. Ein Team des Kinderwunschzentrums Dortmund hat die Schadstoffe erstmals auch bei ausschließlichem Konsum von E-Zigaretten in der Flüssigkeit gemessen, die die Eizell-Follikel umgibt. Der Reproduktionsbiologe Dr. Tom Trapphoff hat in seiner Studie die Follikelflüssigkeit von 150 Kinderwunsch-Patientinnen auf diese Schadstoffe hin analysiert. In der Studiengruppe mit 46 rauchenden Frauen war Nikotin in 24 % und Cotinin in 76 % der Proben nachzuweisen. Zudem wurden auch die Proben von drei Frauen untersucht, die ausschließlich dampften. Ihre Proben erwiesen sich als vergleichbar belastet, wie das Team ermittelte. Von der Pille zur natürlichen Familienplanung Immer mehr Frauen möchten bei der Familienplanung auf hormonelle Möglichkeiten verzichten und interessieren sich für die natürliche Familienplanung (NFP). Wie verlässlich die unterschiedlichen NFP-Methoden sind, bewertete auf dem DVR-Kongress Dr. Tanja Freundl-Schütt aus Düsseldorf . Gemeinsam ist den Methoden, dass sie die Wahrnehmung von Körperzeichen mit einbeziehen. Dazu gehören vor allem die Beobachtung des Zervixschleims und die Messung der Körperkerntemperatur. Der Unterschied besteht darin, welche und wie diese Körperzeichen in die Auswertung mit einfließen. Zu empfehlen sind nach Worten der Frauenärztin Verfahren, die beide Zeichen einbeziehen und nach einem standardisierten und validierten Regelwerk auswerten. Zahlreiche Zyklus-Apps versuchen das Prinzip der NFP in digitalisierter „moderner“ Form umzusetzen. „Leider ist ein Großteil davon unzuverlässig, sowohl beim Vermeiden einer Schwangerschaft als auch beim Unterstützen des Kinderwunsches“, fasste die Gynäkologin die Tatsachen zusammen. Kein Leben ohne Ordnung im Chromosomen-Ballett Schwanger zu werden ist gar nicht so einfach. Viele Embryonen überleben schon die frühe Entwicklung im Eileiter nicht. Der Grund sind Fehler bei der Verteilung des Erbguts unmittelbar nach der Befruchtung, die nach Auswertungen in Göttingen relativ häufig sind. Chromosomen sind im Durchlichtmikroskop zwar nicht zu sehen. Doch strukturelle Details der Vorkerne gelten bei der assistieren Reproduktion seit langem als wegweisend dafür, welcher frühe Embryo ein hohes Entwicklungspotenzial besitzt und bevorzugt übertragen werden sollte. Wenn ein Spermium in eine Eizelle eingedrungen ist, bilden sich zuerst zwei Vorkerne, die sich aneinanderlagern. Dabei müssen die Chromosomen nicht nur in der richtigen Anzahl vorliegen, sondern sich jeweils an der Grenzfläche der beiden Vorkerne sammeln. Lagern sie sich nur zum Teil zusammen, werden sie bei der ersten Zellteilung falsch verteilt – viele dieser Embryonen sind nicht lebensfähig. Dass einzelne Chromosomen bei dieser „Versammlung“ aus der Reihe tanzen, hat das Team von Dr. Melina Schuh, Direktorin am Max Planck Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, in Kooperation mit vielen Forschern und Nutztiergenetikern herausgefunden. Und auch das Warum hat die Expertin beim DVR-Kongress präsentiert: Bestandteile des Zellskeletts und der Kernmembran führen Regie sowohl bei der Annäherung der Vorkerne aneinander – als auch dem dichten Zusammenführen der Chromosomen an der Grenzfläche der Vorkerne. Chromosomen außerhalb dieser Cluster gehen bei der Vereinigung des Erbgutes leicht verloren – die Embryonen weisen dann keinen korrekten Chromosomensatz aus. Reproduktionsbiologen achten in den IVF-Zentren seit langem auf die mikroskopischen Details an der Grenzfläche der Vorkerne, unter anderem auf die Lage und die Anzahl der sogenannten Kernkörperchen. Liegen sie dicht gepackt an der Grenzfläche gegenüber, gilt dies als prognostisch gutes Zeichen für ein hohes Entwicklungspotenzial des entstehenden Embryos. „Unsere Beobachtung, dass sich auch die Chromosomen an dieser Grenzfläche sammeln müssen, um eine gesunde Entwicklung des Embryos zu garantieren, stützt dieses Auswahlkriterium“, so Schuh.
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