Hilferuf der Seele: Wenn Kinder plötzlich schlechter sehen10. September 2018 Foto: © Rawpixel.com – Fotolia.com Wenn Kinder plötzlich unscharf oder verzerrt sehen, kann neben körperlichen Ursachen auch ein seelischer Konflikt dahinterstecken. Darauf weist die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) im Vorfeld ihres Jahreskongresses hin. Klagen Kinder über schlechtes Sehvermögen, begeben sich die Eltern meistens sofort zum Augenarzt. „Er ist die erste Anlaufstelle, um zu klären, ob ein organischer Grund für die Verschlechterung vorliegt“, betonte Prof. Nicole Eter, Präsidentin der DOG. Mitunter zeigt sich dann: Es liegt nicht am Auge – Hornhaut, Linse, Sehnerv oder Makula sind in Ordnung, und es gibt auch keine Fehlsichtigkeit, gegen die eine Brille helfen würde. „In dieser Situation gehen dem Augenarzt möglicherweise unangenehme Szenarien durch den Kopf“, weiß Prof. Helmut Wilhelm aus Erfahrung. „Nun aber gleich an schwere Erkrankungen wie Hirntumor oder Multiple Sklerose zu denken und aufwändige Diagnostik etwa in Form von Kernspintomographie oder Rückenmarkspunktion zu bemühen, wäre der falsche Weg“, fügte der Neuro-Ophthalmologe der Universitäts-Augenklinik Tübingen hinzu. Vielmehr sollte der Augenarzt zunächst versuchen, aktiv zu beweisen, dass die Sehfunktion eigentlich intakt ist. „Einem erfahrenen Augenarzt wird es sehr schnell auffallen, wenn Angaben gemacht werden, die so nicht zutreffen können“, erklärte der Tübinger Spezialist für nervlich bedingte Sehstörungen. Der Ophthalmologe könne dann durch verschiedene Untersuchungsstrategien Situationen schaffen, in denen erkennbar wird, dass subjektive Aussagen zu Sehschärfe oder zum Gesichtsfeld nicht mit objektiven Befunden in Deckung zu bringen sind. Ist schließlich erwiesen, dass ein Kind falsche Angaben zu seinem Sehvermögen macht, stellt sich die Frage, warum es dies tut. „In den seltensten Fällen wird es sich um eine bewusste Täuschung handeln“, betonte Wilhelm, der fast jede Woche einen solchen Patienten in der Klinik sieht. In der Regel leide das Kind unter einem inneren Konflikt, für den es keine Lösung wisse. „Es handelt sich gewissermaßen um einen Hilferuf der Seele, der unsere Reaktion erfordert, gemeinsam mit Kinderärzten und Kinderpsychiatern“, so der DOG-Experte. Untersuchungen zu den Ursachen nennen interfamiliäre Konflikte (30 %) sowie Schulprobleme (25 %) an erster und zweiter Stelle. In einigen Fällen wird auch ein vorangegangenes Schädel-Hirntrauma angegeben, das aber nicht Ursache, sondern allenfalls Auslöser sein kann. Oftmals bleiben die Gründe ungeklärt. Präzise Daten dazu, wie häufig psychisch bedingte Sehstörungen bei Heranwachsenden vorkommen, liegen derzeit nicht vor. Experten gehen aber davon aus, dass von allen Kindern, die sich in augenärztliche Behandlung begeben, etwa ein bis zwei Prozent betroffen sind – „Mädchen deutlich häufiger als Jungen“, berichtet Wilhelm. Grund zu der Besorgnis, dass dieser Zustand dauerhaft anhält, besteht in der Regel nicht: In etwa 90 Prozent der Fälle verschwinden die Beschwerden entweder relativ rasch von selbst oder nach einer kurzen Placebo-Therapie beispielsweise mittels einer schwachen, an sich nicht notwendigen Brille oder wirkstoffreien Augentropfen. Und: „Nach allem, was wir wissen, ist eine funktionelle Sehstörung kein Zeichen, das eine spätere psychiatrische oder psychosomatische Erkrankung ankündigt“, beruhigt Wilhelm.
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