Hinweise auf analgetische Wirkung von Melatonin bei chronischen Schmerzen9. Juli 2026 Zur Nacht eingenommen könnte Melatonin bei chronischen Schmerzpatienten einen analgetischen und schlaffördernden Effekt haben. (Symbolfoto: ©Pixel-Shot/stock.adobe.com) Die Ergebnisse einer aktuellen Metaanalyse lassen vermuten, dass Melatonin chronische Schmerzen ähnlich effektiv wie klassische Analgetika lindern könnte. Bei akuten postoperativen Schmerzen zeichnet sich hingegen kein Effekt ab. von Dr. Aileen Hochhäuser Das Neurohormon Melatonin ist maßgeblich an der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. Melatonin-haltige Arzneimittel werden daher zur Kurzzeitbehandlung von Schlafstörungen angewendet. Neue Studienergebnisse im Fachmagazin „Pain“ lassen nun aber vermuten, dass das Schlafhormon auch chronische Schmerzen lindern kann. Die in der systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse ermittelte analgetische Wirkung könnte demnach ähnlich groß sein, wie sie auch unter klassischen Schmerzmitteln erzielt wird. Nach Ansicht der verantwortlichen Studienautoren von der Universität Sydney könnte Melatonin daher eine kostengünstige und sichere Zusatzoption zur Behandlung chronischer Schmerzen darstellen. Metaanalyse zu chronischen und postoperativen Schmerzen Die Metaanalyse wurde von Forschenden um Erstautor Kangchao Wu vom Musculoskeletal Research Hub am Charles Perkins Centre und der School of Health Sciences der Universität Sydney durchgeführt. Sie analysierten die Daten von 2028 Erwachsenen aus 23 randomisierten kontrollierten Studien, die in Ländern wie den Vereinigten Staaten, Russland, Brasilien, Ägypten und China durchgeführt wurden. Inkludierte Studien verglichen die Wirksamkeit von Melatonin gegen ein Placebo oder ein anderes Schmerzmittel bei Patientinnen und Patienten mit chronischen oder akuten postoperativen muskuloskelettalen Schmerzen. Dazu zählten beispielsweise Schmerzen im unteren Rücken, aufgrund von Arthrose oder Fibromyalgie sowie akute Schmerzen nach Operationen wie einem Gelenkersatz oder Wirbelsäuleneingriffen. In den verschiedenen Studien variierten die Dosierung und der Einnahmezeitpunkt von Melatonin je nach Erkrankung und Situation zwischen ein und zehn Milligramm. In der Regel wurde Melatonin vor dem Schlafengehen oder bis zu einer Stunde vor dem Einschlafen eingenommen. Die maximale Behandlungsdauer lag bei 90 Tagen. Melatonin bei chronischen Schmerzen möglicherweise effektiv Neun Studien untersuchten die Wirksamkeit von Melatonin zur Behandlung von chronischen muskuloskelettalen Schmerzen. Eine Sensitivitätsanalyse von vier Studien mit geringem Verzerrungsrisiko ergab unter Melatonin gegenüber den Vergleichsgruppen (Placebo; n=3; nicht analgetische Medikation: n=1) eine signifikante Senkung der Schmerzintensität um knapp elf Punkte auf einer Skala von null bis 100. Zwei Studien, in denen ein direkter Vergleich mit einer analgetischen Medikation vorgenommen worden war, wurden aufgrund mangelnder Qualität allerdings nicht in die Sensitivitätsanalyse aufgenommen. Die beobachtete Effektgröße sei jedoch mit der von anderen Analgetika wie nicht steroidalen Antirheumatika vergleichbar, merken die Studienautoren an. Evidenz von moderater Qualität deutet außerdem an, dass sich die Schlafqualität bei Patienten mit chronischen muskuloskelettalen Schmerzen unter Melatonin merklich verbessert. Laut den Studienautoren wird somit der seit Langem bekannte Zusammenhang zwischen Schmerzen und Schlaf untermauert. „Bei vielen Patienten treten Schmerzen nicht isoliert auf, sondern stehen in engem Zusammenhang mit schlechtem Schlaf“, erläutert Wu. „Melatonin scheint auf beides einzuwirken, was es besonders nützlich für Menschen mit chronischen Schmerzen macht.“ Geringer klinischer Effekt bei akuten postoperativen Schmerzen Mit Blick auf die Behandlung von Patienten mit postoperativen Schmerzen konnte in der Gesamtschau hingegen kein signifikanter Effekt durch Melatonin festgestellt werden – weder hinsichtlich einer Verbesserung der Schmerzintensität noch der Schlafqualität. Eine Sensitivitätsanalyse von insgesamt sechs Studien mit geringem Verzerrungsrisiko (von 12 Studien insgesamt) ergab zwar eine statistisch signifikante, aber geringe Reduktion der Schmerzintensität um etwa 3,5 Punkte gegenüber Placebo (n=5). Gegenüber einer analgetischen (n=3) oder nicht analgetischen Vergleichsmedikation (n=2) kam es allerdings zu keiner Schmerzreduktion. Die Schlafqualität verbesserte sich unter Melatonin in dieser Indikation maximal geringfügig. Melatonin wurde im Allgemeinen gut vertragen, mit leichten, kurzzeitigen Nebenwirkungen und ohne Anzeichen einer Abhängigkeit. Die in den ausgewerteten Studien am häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen. Die Gesamtinzidenz war dabei ähnlich wie unter einem Placebo, und es wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse gemeldet. Melatonin gilt im Allgemeinen als sicher bei kurzfristiger Anwendung von weniger als drei Monaten. Mechanismus des analgetischen Effektes von Melatonin Neben einer Verbesserung des Schlafes führen Wu und Kollegen die beobachtete schmerzstillende Wirkung von Melatonin auf weitere Mechanismen zurück. Zusätzlich zu einer direkten Beeinflussung analgetischer Signalwege (Modulation der opioid- und GABAergen Neurotransmission sowie von MT2-Rezeptoren) entfaltet Melatonin auch antioxidative und antiinflammatorische Wirkungen. Dadurch werden oxidativer Stress und Entzündungsprozesse gehemmt, die zu anhaltenden Schmerzzuständen beitragen. Zusammen könnten diese Wirkungen die zentrale Sensibilisierung und die Entzündung, die chronischen Schmerzen zugrunde liegen, abschwächen. Melatonin als Ergänzung zu bestehender Schmerztherapie Die inkludierten Studien lassen weitere Fragen offen: Einerseits sind groß angelegte Studien nötig, um die Evidenzbasis zu erweitern. Andererseits braucht es weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Sicherheit und Wirksamkeit bei der Langzeitanwendung von Melatonin sowie zur optimalen Dosierung. In der aktuellen Metaanalyse fanden die Forschenden keine Hinweise auf eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung, weshalb sich anhand der derzeitigen Erkenntnisse keine einzelne „optimale“ Dosis empfehlen lässt. Aufgrund dessen, aber auch weil die meisten Schmerzreduktionen – obwohl statistisch signifikant – die Schwellenwerte für eine klinisch bedeutsame Differenz nicht erreichten, empfehlen die Forscher derzeit nicht, Melatonin anstelle etablierter Analgetika einzusetzen. Sie halten die bisherigen Erkenntnisse aber für aussagekräftig genug, um zumindest einen vorsichtigen Einsatz Melatonin-haltiger Arzneimittel in der Therapie chronischer muskuloskelettaler Schmerzen zu rechtfertigen. Diese könnten insbesondere bei Menschen, die auch unter Schlafproblemen leiden, als Ergänzung zu bestehenden Behandlungen eingesetzt werden. Hier könnte Melatonin „eine sicherere zusätzliche Option im Rahmen eines umfassenderen Schmerzmanagementplans darstellen“, so Wu.
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