Hirntumorzellen erobern das Gehirn als neuronale Trittbrettfahrer

Einblicke in die Ausbreitungsmechanismen eines Hirntumors: invasive Tumorzellen (bunt) imitieren Eigenschaften und Bewegungsmuster von Nervenzell-Vorläufern und dringen in das gesunde Hirngewebe (schwarz) ein. (Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg)

Wissenschaftler des Universitätsklinikums und der Universität Heidelberg sowie des Deutschen Krebsforschungszentrums haben bei Gioblastomen eine elementar neue Ausbreitungsstrategie entdeckt. Danach imitieren die Tumorzellen Eigenschaften und Bewegungsmuster von Neuronen.

Glioblastome durchziehen das Gehirn wie ein Pilzgeflecht. Daher lassen sie sich durch eine Operation nicht vollständig entfernen und überstehen dank der weiten Verzweigungen auch intensive Chemo- und Strahlentherapie. Wie es zu diesem charakteristischen Wachstum kommt, ist Forschungsgegenstand der Arbeitsgruppen von Prof. Frank Winkler in der Klinischen Kooperationseinheit Neuroonkologie an UKHD und DKFZ, Prof. Thomas Kuner, Leiter der Abteilung Funktionelle Neuroanatomie am Institut für Anatomie und Zellbiologie, sowie Dr. Varun Venkataramani. Das Team beschrieb bereits 2015 das Geflecht aus Zellfortsätzen der Glioblastomzellen als eine Ursache für die Therapieresistenz. Über diese Verschaltung können die Tumorzellen Schäden reparieren und überlebenswichtige Stoffe austauschen. 2019 entdeckten die Forschenden, dass die Tumorzellen direkte Signale von Neuronen empfangen und so zum Wachstum angeregt werden.

Zuletzt nahm das Team die verschiedenen Zelltypen innerhalb der Hirntumoren unter die Lupe beziehungsweise das Mikroskop: „Glioblastome bestehen aus sehr heterogenen Zellen. Wir wollten wissen, inwieweit sich die verschiedenen Zelltypen in ihren Eigenschaften unterscheiden“, erklärte Winkler. Dabei entdeckten sie eine sehr agile Untergruppe von Krebszellen, die in mehrfacher Hinsicht den Vorläufern von Nervenzellen ähneln: in ihren molekularen Merkmalen, in ihrer Fähigkeit zur Fortbewegung im Gehirn und in der Art und Weise, wie sie mit den Nervenzellen des Gehirns über Synapsen Verbindung aufnehmen und von diesen Signale empfangen.

„Mit hochauflösenden mikroskopischen Verfahren konnten wir an menschlichen Glioblastomen in Mausgehirnen beobachten, dass diese Krebszellen sich nach dem gleichen Muster durch das Gehirn bewegen wie Raubtiere auf der Suche nach Beute durch ihr Revier – ähnlich wie Nerven-Vorläuferzellen. Dabei scannen sie mit feinen Zellausläufern die Umgebung und erhalten über ihre Synapsen aktivierende Signale der Nervenzellen, die sie für die Invasion zu brauchen scheinen“, beschreibt Kuner. Sein Team nutzte eine Kombination moderner mikroskopischer und molekularbiologischer Methoden, die detaillierte und dreidimensionale Blicke auf das Verhalten der Zellen im Gewebe, ihre Zell-Zell-Kontakte sowie ihre molekularen Eigenschaften lieferten.

Unter dem Mikroskop zeigte sich: Nachdem die ausschwärmenden Zellen einen günstigen Platz gefunden haben, verändern sie ihre molekularen Eigenschaften und verwandeln sich in einen Zelltyp, der sich nicht mehr bewegt, sondern Netzwerke ausbildet. „Das Verhalten gleicht der Kolonisierung eines neuen Kontinents: Erst ziehen einzelne Siedler los in die Weite, nehmen Kontakt mit den Einheimischen auf und werden sesshaft” , beschreibt Erstautor Venkataramani.

Prof. Wolfgang Wick, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik am UKHD, sieht in den Ergebnissen einen Meilenstein im Bereich „Cancer Neuroscience“, der Wissenschaft vom komplexen Wechselspiel zwischen Nervensystem und Tumorzellen: „Erstmals verstehen wir, was die unterschiedlichen Zelltypen eines Glioblastoms tun, welche molekularen Eigenschaften mit welchem Verhalten einhergehen und welcher Zelltyp – nämlich die ausschwärmenden Zellen – für das invasive Tumorwachstum verantwortlich ist. Für die Resistenz ist dagegen der netzwerkbildende Zelltyp verantwortlich, der sich erst aus diesen entwickelt. Dieses Wissen könnte Ansatzpunkte für neue Therapien liefern.“ Im nächsten Schritt sollen die molekularen Mechanismen der Bewegung, der Kommunikation mit den Nervenzellen sowie der Vernetzung entschlüsselt werden.