Hörrehabilitation in der Virtuellen Realität

Im Projekt werden virtuelle Trainingsumgebungen in der Hörrehabilitation für Menschen mit Cochlea-Implantaten entwickelt. Foto: FernUniversität/Volker Wiciok

Im Rahmen des Projekts „Virtuelle Trainingsumgebungen in der Hörrehabilitation für Menschen mit Cochlea-Implantaten“ soll ein VR-Hörtraining für Cochlea-Implantat(CI)-Träger entwickelt und evaluiert werden.

Das Projekt „Virtuelle Trainingsumgebungen in der Hörrehabilitation für Menschen mit Cochlea-Implantaten“ (V-TRAIN-CI) hat ein Volumen in Höhe von 1,24 Millionen Euro. Davon werden 89 Prozent vom Bundesministerium für Technologie, Forschung und Raumfahrt gefördert. Zunächst werden die Anforderungen von Betroffenen, Angehörigen und medizinischen Fachkräften erhoben. Auf dieser Grundlage entsteht eine VR-gestützte Anwendung zum Hörtraining. In der finalen Phase wird die Wirksamkeit über einen Zeitraum von zwölf Monaten untersucht. Eine Kontrollgruppe erhält die etablierte Standardrehabilitation, während eine Interventionsgruppe mit der VR-Anwendung trainiert.

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit betroffen. Bislang können in der Rehabilitation jedoch nur einfache Hörsituationen nachgestellt und eingeübt werden. Genau Verbundprojekt. Gemeinsam entwickeln die FernUniversität in Hagen, die Universität Witten/Herdecke und das Technologieunternehmen brainjo GmbH ein VR-gestütztes Hörtraining. Ziel ist eine Anwendung, mit der CI-Trägern komplexe Alltagssituationen kontrolliert üben können – zunächst begleitet in Hörrehabilitationszentren und perspektivisch auch eigenständig zu Hause.#

Dreiklang Medizin, Technologie und Psychologie

Die FernUniversität begleitet den gesamten Prozess wissenschaftlich. „Die Verbindung von Medizin, Technologie und psychologischer Forschung ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Prozessen in der Mensch-Technik-Interaktion, die sich eng an den Nutzer:innen orientieren“, betont Prof. Jenny S. Wesche. Die Wissenschaftlerin leitet den Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie an der FernUniversität und ist zudem Sprecherin des neuen interdisziplinären Forschungsschwerpunkts Digital Health.

Aus medizinischer Sicht begleitet Prof. Jonas Park das Projekt. Park ist ärztlicher Direktor des Hagener St.-Josefs-Hospitals und der zugehörigen Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie sowie des angegliederten Hörzentrums Hagen-Südwestfalen und hat zudem an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für HNO-Heilkunde inne. „Die bisherigen Trainingsangebote der Hörrehabilitation stoßen an Grenzen. Der Bedarf für ein VR-gestütztes Hörtraining ist daher groß“, sagt der Mediziner. „Für komplexe Alltagssituationen mit vielen, sich überlagernden Schallquellen fehlen Trainingsmöglichkeiten. Dies kann zu Unsicherheiten, sozialem Rückzug und eingeschränkter Lebensqualität führen.“

Das Team um Park bringt seine medizinische Expertise in der Versorgung von CI-Trägerinnen und CI-Trägern ein und nutzt das breite Einzugsgebiet von Klinik und Hörzentrum vom Sauerland bis nach Ostwestfalen-Lippe. Die technologische Expertise steuert die brainjo GmbH aus Regensburg bei, die bereits mehrere VR-Produkte für Anwendungen im Gesundheitsbereich entwickelt hat. „Wir möchten unser Portfolio um Anwendungen für die Hörrehabilitation erweitern“, sagt Co-Founder und CEO Markus Wensauer. Zusätzlich bringt die Selbsthilfegruppe des Cochlea Implantat Verbands Nordrhein-Westfalen die Perspektive der Betroffenen ein.

VR-gestützte Hörrehabilitation soll langfristig in die reguläre Versorgung

Aktuell werden die meisten Cochlea-Implantate bei Personen eingesetzt, die im höheren Lebensalter eine Hörbeeinträchtigung entwickeln. Viele Patienten in der Hörrehabilitation sind daher 65 Jahre oder älter. Zur Hörbeeinträchtigung kommen daher oft weitere sensorische Einschränkungen hinzu, wie zum Beispiel nachlassende Sehkraft. Zudem sind viele Personen dieser Zielgruppe mit Smartphone, Tablet oder Virtual Reality weniger vertraut. „Bei einer an den Nutzer:innen orientierten Entwicklung muss man sehr genau hinschauen: Wer soll die Technik eigentlich nutzen und wie muss sie dafür gestaltet sein, damit die betroffenen Menschen sie auch wirklich nutzen können und wollen“, Wesche ein.

Langfristig soll die VR-gestützte Anwendung Eingang in die reguläre Versorgung der CI-Patient: innen finden. Künftig könnte das Hörtraining auch Teil einer Tele-Rehabilitation sein: Die Übungen könnten zu Hause gemacht werden und würden damit Fahrten zu Hörzentren reduzieren.

Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnten CI-Träger: innen künftig schwierige Hörsituationen zunächst dort trainieren, wo Fehler keine unangenehmen Folgen haben: in einer virtuellen Welt. Zum Beispiel mit Hilfe des VR-Headsets auf dem virtuellen Bahngleis – damit sie sich dann in der realen Welt wieder sicher fühlen, die Durchsage am Bahnhof verstehen und den richtigen Zug erreichen.