Hörverlust beeinflusst Schall-Lokalisierung bei blinden Erwachsenen – selbst mit Hörgerät

Erwachsene mit gleichzeitigem Hör- und Sehverlust berichten von besonderen Herausforderungen bei der Orientierung in komplexen Alltagsumgebungen (Symbolbild). Foto: © Diego Cervo – stock.adobe.com

Ein US-amerikanisches Forschungsteam hat herausgefunden, dass die Fähigkeit zur Schall-Lokalisierung bei Menschen mit vollständigem oder fast vollständigem Sehverlust stark durch den Hörverlust beeinflusst wird. Dieser Zusammenhang zeigte sich selbst bei speziellem Training und Hörgerätenutzung.

Laut einer aktuellen, von mehreren Instituten durchgeführten PLOS-One-Studie unter der Leitung des Multisensory Research Lab am Wilmer Eye Institute der Johns Hopkins Medicine, Baltimore, USA, ist der Zeitpunkt des Hörverlustes ein entscheidender Faktor für das Selbstvertrauen der Patienten. Ebenso beeinflusst der Zeitpunkt des Hörverlustes ihre selbst eingeschätzten Fähigkeiten zur Schall-Lokalisierung. Dieser Zusammenhang besteht auch bei Personen, die Hörgeräte nutzen oder eine Sehrehabilitation durchlaufen haben.

Selbstvertrauen und Fähigkeitsentwicklung sind bei kombiniertem Sinnesverlust entscheidend

Die von den National Institutes of Health unterstützte Studie beleuchtet Faktoren, die beeinflussen, wie Menschen mit kombiniertem Hör- und Sehverlust mit ihrer Umgebung interagieren. Zudem zeigt sie Möglichkeiten für medizinisches Fachpersonal auf, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Frühere Untersuchungen der CDC schätzen, dass etwa sieben Millionen Erwachsene in den Vereinigten Staaten mit Sehverlust oder Blindheit leben. Zusätzlich haben 30 Millionen Menschen ab zwölf Jahren einen Hörverlust in beiden Ohren. Während die Prävalenz des doppelten Sinnesverlustes mit zunehmendem Alter deutlich ansteigt, ist wenig darüber bekannt, wie er sich auf das Selbstvertrauen der Patienten und die Entwicklung ihrer Fähigkeiten auswirkt. Das sind zwei Eigenschaften, die für ein unabhängiges Leben unerlässlich sind.

„Es gibt kontrollierte Laborstudien, aber sie erfassen nicht vollständig, wie blinde Menschen mit Hörverlust sich in realen Umgebungen zurechtfinden. Oder warum sie trotz messbarer Fähigkeiten zur Schall-Lokalisierung zögern, bestimmte komplexe Räume zu betreten“, sagt Dr. Yingzi Xiong, Barbara Simerl Rising Professorin für Sehbehinderung am Wilmer Eye Institute. „Mit unserer Studie wollten wir die Einstellung der Patienten zu ihren eigenen Orientierungsfähigkeiten und den Kompensationsstrategien erfassen, die sie in ihrem Alltag anwenden.“ 

Einfluss von Blindheits- und Hörverlustbeginn und Hörgeräten auf wahrgenommene Schall-Lokalisation

In Zusammenarbeit mit dem Minnesota Laboratory for Low Vision Research und dem Envision Low Vision Rehabilitation Center rekrutierte Xiongs Forschungsteam 58 Erwachsene mit vollständiger oder fast vollständiger Erblindung für die Studie. Unter den Teilnehmern gaben 28 an, über ein normales Hörvermögen zu verfügen. 30 Teilnehmende teilten mit, unter Hörverlust zu leiden. Darüber hinaus erhielten 94 Prozent der Studienteilnehmer ein formelles Orientierungs- und Mobilitätstraining. Diese spezielle Form der Sehrehabilitation bringt blinden oder sehbehinderten Menschen bei, wie sie sich eine mentale Karte ihrer Umgebung erstellen und sich sicher fortbewegen können.

Jeder Teilnehmer füllte den Dual Sensory Spatial Localization Questionnaire (DS-SLQ) aus. Das ist ein standardisiertes Instrument, das zuvor von Xiongs Team entwickelt wurde. Ziel dieses Fragebogens ist es, sowohl die wahrgenommenen als auch die tatsächlich ausgeübten räumlichen Lokalisierungsfähigkeiten von Menschen mit Seh- und Hörverlust bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben zu bewerten.

In dieser Studie wurden die Antworten genutzt, um zu untersuchen, wie der Beginn der Blindheit, der Beginn des Hörverlusts, das Restsehvermögen und Hörgeräte die wahrgenommenen Fähigkeiten zur Schall-Lokalisierung beeinflussten.

Kombinierter Sinnesverlust ist mit weniger Vertrauen in Fähigkeiten verbunden

Bei der Auswertung der DS-SLQ-Antworten stellten die Forscher fest, dass Erwachsene, bei denen die Blindheit früh einsetzte, ohne dass ein Hörverlust vorlag, das größte Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben. Bei Erwachsenen, die blind sind und einen Hörverlust angaben, war das Vertrauen hingegen geringer. Außerdem berichteten Personen, die ihr Gehör früh im Leben verloren hatten, von den geringsten Fähigkeiten zur Schall-Lokalisierung unter allen Teilnehmern.

„Menschen mit doppeltem Sinnesverlust fühlen sich möglicherweise weniger sicher oder weniger motiviert, neue Hörstrategien für alltägliche Aufgaben anzuwenden“, erklärt Dr. Prachi Agrawal, M.P.H., Erstautorin der Studie und Postdoktorandin im Xiong-Labor. „Durch das Erkennen dieser Hindernisse können Fachkräfte Rehabilitationsstrategien maßschneidern, um das Selbstvertrauen zu stärken und die gezielte Entwicklung von Fähigkeiten zu unterstützen.“ 

Hörstatus während Sehrehabilitationstrainings berücksichtigen

Obwohl Hörverlust mit Schwierigkeiten bei der Schall-Lokalisierung in Verbindung gebracht wurde, stellten die Forscher fest, dass Erwachsene, die Hörgeräte benutzten, kein höheres Selbstvertrauen oder bessere Orientierungsfähigkeiten angaben als die anderen Teilnehmer.

„Hörgeräte sind eine gängige Maßnahme für Patienten mit Hörverlust, aber derzeit verfügbare Geräte konzentrieren sich in erster Linie auf die Verbesserung der Sprachwahrnehmung“, so Xiong. „Hier haben wir festgestellt, dass Patienten angaben, handelsübliche Hörgeräte seien für die Orientierung in der Umgebung nicht hilfreich, ähnlich wie in unserer früheren Forschung.“

Aufgrund ihrer Studienergebnisse schlägt Xiongs Forschungsteam vor, dass Ärzte den Hörstatus während des Sehrehabilitationstrainings berücksichtigen sollte. Zudem empfiehlt das Team den Ärzten Bereiche, in denen Ängste oder Unsicherheiten bestehen, sorgfältig zu identifizieren, um diese durch eine individuelle Betreuung anzugehen.

„Etwa 40 Prozent der Patienten, die in den USA eine Sehrehabilitation in Anspruch nehmen, darunter auch im Lions Vision Research and Rehabilitation Center des Wilmer Eye Institute, leiden zudem an Hörverlust“, betont Xiong. „Wir glauben, dass das Verständnis dafür, wie Patienten ihre eigenen Fähigkeiten zur Schall-Lokalisierung wahrnehmen, den Anbietern helfen wird, auf ihre Bedürfnisse einzugehen und ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie für ihr Leben benötigen.“

(sas/BIERMANN)