Holocaust-Trauma der Mutter mit erhöhtem Schizophrenie-Risiko der Nachkommen assoziiert15. Juli 2026 Symbolbild © Renáta Sedmáková/stock.adobe.com Eine neue Studie liefert Hinweise darauf, dass ein Holocaust-Trauma der Mutter mit einem erhöhten Schizophrenie-Risiko der Nachkommen verbunden sein kann. Ausschlaggebend war das Alter der Mutter bei Beginn der NS-Verfolgung. Die Forschungsarbeit wurde von Prof. Hagit Hochner und Dr. Iaroslav Youssim von der Braun School of Public Health and Community Medicine der Hebräischen Universität Jerusalem sowie von Prof. Dolores Malaspina von der Mount Sinai School of Medicine in New York und deren Kollegen geleitet. Das Forschungsteam untersuchte die langfristigen, generationenübergreifenden Auswirkungen schwerer Traumata, die vor der Zeugung der Kinder auftraten, indem es analysierte, ob Kinder von Holocaust-Überlebenden ein erhöhtes Risiko für schwere psychiatrische Erkrankungen aufweisen. Auswertung von Gesundheitsdaten zweier Generationen Um diesen Zusammenhang zu verstehen, nutzten die Forschenden Daten der „Jerusalem Perinatal Study“, in der Geburten in West-Jerusalem zwischen 1964 und 1976 erfasst wurden. Sie verknüpften diese Aufzeichnungen mit dem israelischen nationalen Psychiatrie-Register (Daten bis Dezember 2004), um Krankenhausaufenthalte aufgrund von Schizophrenie und verwandten Störungen zu erfassen. Das Team analysierte zwei große Datensätze, die 14.759 Kinder der beobachteten Mütter und 18.085 Kinder der beobachteten Väter umfassten. Die Ergebnisse wurden im „American Journal of Psychiatry“ veröffentlicht. Eltern wurden als „exponiert“ eingestuft, wenn sie jüdischer Abstammung waren, in unter nationalsozialistischer Herrschaft stehenden europäischen Ländern geboren wurden und nach Beginn der antijüdischen Verfolgungen in ihren Heimatländern nach Israel eingewandert waren. Die Forschenden unterteilten diese Eltern zudem in Untergruppen, basierend auf ihrem Alter zu Beginn der Verfolgungen: bis fünf Jahre bzw. älter als fünf Jahre. Als „nicht exponiert“ galten Eltern europäischer Abstammung, die nicht unter nationalsozialistischer Herrschaft gelebt hatten. Der entscheidende Faktor: Alter und Zeitpunkt Die Ergebnisse zeigten einen deutlichen Unterschied in Abhängigkeit vom Alter des Elternteils zum Zeitpunkt des Traumas. Nachkommen von Müttern, die bei Beginn der NS-Verfolgungen älter als fünf Jahre waren, wiesen ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Schizophrenie auf. Dieses Risiko blieb auch dann stark ausgeprägt und statistisch signifikant, wenn die Forschenden sozioökonomische Faktoren, das Geburtsgewicht und die eigene psychiatrische Krankengeschichte der Mutter berücksichtigten. Im Gegensatz dazu wurde bei den Nachkommen von Eltern, die zum Zeitpunkt des Beginns der Verfolgung fünf Jahre oder jünger waren, kein erhöhtes Schizophrenierisiko festgestellt. Die Forscher vermuteten, dass sehr kleine Kinder von ihren primären Bezugspersonen möglicherweise besser vor ihrer unmittelbaren Umgebung abgeschirmt wurden oder dass ihre sich entwickelnden kognitiven Fähigkeiten die Wahrnehmung der sie umgebenden Gefahr veränderten. Mütterliche vs. väterliche Übertragungswege Die Studie beleuchtete zudem deutliche Unterschiede zwischen der mütterlichen und der väterlichen Traumaübertragung. Während die Kinder von Vätern, die zum Zeitpunkt der Exposition älter als fünf Jahre waren, zunächst ein erhöhtes Schizophrenierisiko aufwiesen, schwächte sich dieser Zusammenhang ab und verlor nach der Bereinigung um sozioökonomische Variablen seine statistische Signifikanz. Der anhaltend starke Zusammenhang bei der mütterlichen Linie deutet darauf hin, dass die generationsübergreifende Traumaübertragung über unterschiedliche biologische und umweltbedingte Wege erfolgen könnte. Die Forschenden merkten an, dass sich mütterliche Traumata auf künftige Generationen auswirken könnten – etwa durch die intrauterine Umgebung während der Schwangerschaft, eine intensivere mütterliche Betreuung in der frühen Kindheit oder epigenetische Veränderungen in der Keimbahn, die Stressinformationen über Generationen hinweg weitergeben. Obwohl die Studie Einschränkungen aufwies – etwa die Unmöglichkeit, subjektive persönliche Erfahrungen des Holocaust zu erfassen oder die Teilnehmenden über das Jahr 2005 hinaus zu beobachten (ein Zeitraum, in dem Fälle mit späterem Krankheitsbeginn auftreten könnten) –, liefert ihr populationsbasiertes Design wesentliche Belege dafür, wie historische Gräueltaten die psychische Gesundheit nachfolgender Generationen prägen. Hochner und ihr Team betonten, dass weitere Forschung in unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexten unerlässlich bleibt, um die tiefgreifenden Auswirkungen von Traumata vollständig zu verstehen. „Unsere Arbeit unterstreicht, dass Krieg nicht nur verheerende unmittelbare Folgen hat, sondern auch eine tiefgreifende generationsübergreifende Belastung für die Zukunft darstellt“, erklärt Hochner. „Angesichts der weltweiten Eskalation von Konflikten und Kriegen, die zur Vertreibung und Traumatisierung von Bevölkerungsgruppen führen, ist das Verständnis dieser Übertragungswege – noch vor der Empfängnis – entscheidend, um künftige Belastungen für die öffentliche Gesundheit abschätzen zu können.“ (lj/BIERMANN) Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Langfristige Folgen von Kindheitstraumata lassen sich verhindern Hoffnung auf bessere Behandlung kognitiver Einschränkungen bei Schizophrenie
Mehr erfahren zu: "Zufällig abgespielte Töne im Schlaf beeinträchtigen die Gedächtnisbildung" Zufällig abgespielte Töne im Schlaf beeinträchtigen die Gedächtnisbildung Ein Freiburger Forschungsteam zeigt: Zufällig eingespielte Töne während des Schlafs stören den Tiefschlaf und verschlechtern dadurch die Gedächtnisbildung.
Mehr erfahren zu: "Visueller Kortex: Gehirn blinder Menschen reorganisiert sich anders als bisher angenommen" Visueller Kortex: Gehirn blinder Menschen reorganisiert sich anders als bisher angenommen Wie entwickelt sich das Gehirn eines Menschen, der noch nie gesehen hat? Mithilfe moderner bildgebender Verfahren untersuchte ein polnisch-deutsches Forscherteam wie sich die fehlende visuelle Erfahrung auf die Entwicklung des […]
Mehr erfahren zu: "Hypothalamische Adipositas: Setmelanotid reduziert BMI nach Hirntumoren signifikant" Weiterlesen nach Anmeldung Hypothalamische Adipositas: Setmelanotid reduziert BMI nach Hirntumoren signifikant Eine neue Therapie bietet Hoffnung für Patienten, deren Gewichtskontrolle infolge eines Hirntumors oder dessen Behandlung entgleist ist. Eine im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte klinische Studie zeigt, dass der […]