Hüftschmerzen frühzeitig abklären, Ursache rechtzeitig behandeln9. Juni 2026 Foto: Nola Viglietti/peopleimages.com/stock.adobe.com Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik weist darauf hin, dass Hüftschmerzen frühzeitig abgeklärt werden sollten. Sie treten auch bei jüngeren, sportlich aktiven Menschen auf. Oft steckt ein femoroacetabuläres Impingement dahinter. Wenn die Hüfte in der Leiste schmerzt, schnappt oder bei bestimmten Bewegungen blockiert, steckt mitunter mehr dahinter als eine vorübergehende Überlastung. Gerade bei jüngeren Menschen weisen Hüftschmerzen manchmal auf angeborene oder durch Verletzungen erworbene Fehlformen der Hüfte hin. Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik weist im Vorfeld des 28. AE-Kongresses darauf hin: Hüftschmerzen sollten frühzeitig abgeklärt werden. Denn bei geeigneten Patientinnen und Patienten können moderne Verfahren Fehlbelastungen korrigieren, Knorpelschäden begrenzen und eine spätere Hüftprothese hinauszögern. Gleichzeitig ist nicht jeder Befund behandlungsbedürftig – aber auch nicht jede OP verhindert eine Arthrose. Hüftschmerzen auch bei jungen, sportlichen Menschen Hüftbeschwerden treten auch bei jüngeren und sportlich aktiven Menschen auf. Doch nicht jeder Hüftschmerz ist Arthrose. Gerade bei jüngeren Menschen kann ein femoroacetabuläres Impingement (FAI) dahinterstecken. Eine Metaanalyse zu Patientinnen und Patienten mit Hüftschmerzen, aber ohne fortgeschrittene Arthrose, fand bei rund 61 Prozent Hinweise auf ein FAI (1). „Unbehandelt kann es in eine Hüftgelenksarthrose münden“, sagt AE-Generalsekretär Prof. Georgi Wassilew, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rehabilitative Medizin der Universitätsmedizin Greifswald. Zu den angeborenen Gründen für eine Hüftarthrose zählt auch die Hüftgelenksdysplasie (HD). Davon sind laut einer aktuellen Studie, die Röntgenbilder auswertete, etwa 2,3 Prozent der Erwachsenen betroffen (2). Auf Deutschland übertragen entspräche das rechnerisch mehr als 1,5 Millionen Erwachsenen mit radiologischen Zeichen einer Hüftdysplasie. Fehlstellungen früh behandeln, bevor die Arthrose fortschreitet „Wenn solche Fehlstellungen rechtzeitig erkannt werden, lässt sich die Entwicklung einer Arthrose in ausgewählten Fällen deutlich bremsen“, erklärt Wassilew. „Wir können heute früher und individueller eingreifen als noch vor einigen Jahren.“ Im Mittelpunkt moderner Hüftchirurgie steht heute zunehmend der möglichst lange Gelenkerhalt. Ziel ist es, die Ursache der Fehlbelastung möglichst früh zu korrigieren und weitere Knorpelschäden zu vermeiden. „Nicht immer ist sofort eine Operation notwendig“, betont der Orthopäde und Unfallchirurg. Am Anfang stehen eine genaue klinische Untersuchung, bildgebende Diagnostik und – je nach Befund – konservative Maßnahmen wie Physiotherapie, Belastungsanpassung und Schmerztherapie. Entscheidend ist, die Ursache der Hüftschmerzen zu erkennen und das weitere Vorgehen individuell festzulegen. Je nach Befund kommen dafür unterschiedliche Verfahren infrage. Bei einer HD kann etwa eine periazetabuläre Osteotomie, kurz PAO, durchgeführt werden. Bei einem FAI können arthroskopische Eingriffe helfen, knöcherne Engstellen zu korrigieren und Schäden am Knorpel und Labrum zu behandeln. Biologische Knorpelverfahren: Welche Rolle spielen sie an der Hüfte? Auch biologische und knorpelregenerative Verfahren gewinnen an Bedeutung. Sie sollen lokale Knorpelschäden behandeln und die Funktion des natürlichen Gelenks möglichst lange erhalten. Dabei geht es nicht darum, eine fortgeschrittene Arthrose rückgängig zu machen, sondern begrenzte Schäden frühzeitig zu adressieren. Zu den möglichen Verfahren zählen etwa Mikrofrakturierung, AMIC, autologe Knorpelzelltransplantation/ACT oder matrixgestützte Verfahren. „Welche Methode infrage kommt, hängt unter anderem von Größe und Lage des Knorpelschadens, vom Zustand des übrigen Gelenks und vom Alter sowie Aktivitätsniveau der Patientinnen und Patienten ab“, erläutert Wassilew. Knorpelverfahren sind jedoch keine Verjüngungskur für ein zerstörtes Gelenk: „Sie kommen vor allem bei begrenzten Knorpelschäden infrage – häufig nur dann, wenn zugleich die mechanische Ursache der Fehlbelastung behandelt wird“. „Aktuelle Daten zeigen, dass geeignete gelenkerhaltende Eingriffe die Lebensdauer des eigenen Hüftgelenks in ausgewählten Fällen um 20 bis 30 Jahre verlängern können“ (3-12), sagt Wassilew. Gelenkerhalt: Nicht das Alter allein entscheidet Gelenkerhaltende Verfahren sind nicht ausschließlich jungen Patientinnen und Patienten vorbehalten. „Auch Menschen über 40 Jahre können profitieren – vorausgesetzt, die Gelenksituation ist geeignet und die Knorpelsubstanz noch ausreichend erhalten.“ Entscheidend sind nach Einschätzung der AE vor allem der Zustand des Knorpels, das Ausmaß der Fehlstellung, das Arthrosestadium, die Beweglichkeit, das Aktivitätsniveau und die Erwartungen der Patientinnen und Patienten. Ist die Arthrose bereits weit fortgeschritten, stößt der Gelenkerhalt jedoch an Grenzen. Wenn Gelenkerhalt nicht mehr sinnvoll ist, bietet moderne Hüftendoprothetik heute sehr gute Langzeitergebnisse. „Die Entscheidung sollte aber individuell fallen – besonders bei jüngeren und aktiven Patientinnen und Patienten.“ Internationale Registerdaten und aktuelle Analysen haben hochgerechnet, dass rund 92 Prozent der modernen Hüftprothesen 30 Jahre halten können (13). Behandlung bei Hüftschmerzen: Breites Spektrum statt Einheitslösung „Die moderne Hüftchirurgie ist heute hochindividualisiert“, so Wassilew. „Entscheidend sind Gelenkzustand, biologische Voraussetzungen, Aktivitätsniveau und die Wünsche unserer Patientinnen und Patienten.“ Die entscheidende Frage laute deshalb heute nicht mehr nur: „Wann braucht eine Patientin oder ein Patient ein künstliches Gelenk? Sondern: Wie lange können wir das natürliche Gelenk erhalten – und welche Therapie passt individuell am besten?“. Literatur Jauregui JJ et al. Prevalence of femoro-acetabular impingement in non-arthritic patients with hip pain: a meta-analysis. Internat Orth (SICOT) 2020;44:2559–2566. O’Connor KP et al. Prevalence of Radiographic Hip Dysplasia in the General Adult Population: A Systematic Review. Iowa orthop J 2024;44(1):145-149. Steppacher SD et al. Mean 20-year Followup of Bernese Periacetabular Osteotomy. Clin Orthop Relat Res 2008 466(7):1633-1644. Tan JHI et al. Hip survivorship following the Bernese periacetabular osteotomy for the treatment of acetabular dysplasia: A systematic review and meta-analysis. Orthop Traumatol Surg Res 2022 Jun;108(4):103283. Ziran N et al. Ten- and 20-year Survivorship of the Hip After Periacetabular Osteotomy for Acetabular Dysplasia. J Am Acad Orthop Surg 2019;27(7):247-255. Gómez-Verdejo F et al. Review of femoroacetabular impingement syndrome. J Hip Preserv Surg 2024;11(4):315-322. Huang HJ et al. Hip Arthroscopy for Femoroacetabular Impingement Syndrome Shows Good Outcomes and Low Revision Rates, With Young Age and Low Postoperative Pain Score Predicting Excellent 5-Year Outcomes Arthroscopy 2023;39(2):285-292. Freeman CR et al. Hip preservation surgery: surgical care for femoroacetabular impingement and the possibility of preventing hip osteoarthritis. J Hip Preserv Surg 2014;1(2):46–55. Wells J et al. Intermediate-term Hip Survivorship and Patient-Reported Outcomes of Periacetabular Osteotomy: The Washington University Experience. J Bone Joint Surg Am 2018;100(3):218–225. Wells J et al. Survivorship of the Bernese Periacetabular Osteotomy: What Factors Are Associated With Long-term Failure? Clin Orthop Relat Res 2017;475(2):396–405. Lerch TD et al. One-third of Hips After Periacetabular Osteotomy Survive 30 Years With Good Clinical Results, No Progression of Arthritis, or Conversion to THA. Clin Orthop Relat Res 2017;475(4):1154–1168. Kristiansen AR et al. Hip Survival After Periacetabular Osteotomy in Patients With Acetabular Dysplasia, Acetabular Retroversion, Congenital Dislocation of the Hip, or Legg-Calvé-Perthes Disease: A Cohort Study on 1,501 Hips. Acta Orthopaedica 2023; 94:250–256. Pentland V et al. Survivorship of modern total hip replacement to 30 years: systematic review, meta-analysis, and extrapolation of global joint registry data. Lancet 2026;407(10531):855-866.
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