„Ich bin ein Chirurgie-Sympathisant!“26. Oktober 2022 Karl Lauterbach redet vor großem Publikum auf dem DKOU 2022. (Foto: Biermann Medizin, hr) Gastredner auf der Eröffnungsveranstaltung des DKOU war Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der sich auch der Kritik der Kongresspräsidenten am Gesundheitssystem stellte. Der große Festsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Interesse der Orthopäden und Unfallchirurgen an dem, was der Gesundheitsminister dem Fach mitzuteilen hatte, schien groß. Mit einem kurzen Abriss seines eigenen medizinischen Werdegangs, der mit Stationen in der Unfallchirurgie einer Klinik in Jülich und später in Texas verbunden war, lockerte Lauterbach die Stimmung auf „Ich bin gerne Unfallchirurg“, so Lauterbach und korrigierte sofort wohlwissend als Hochstapler von der Presse zitiert zu werden in „ich bin Chirurgie-Sympathisant“. Sein Faible für die Unfallchirurgie, auch wenn er in Amerika dann einen anderen Weg eingeschlagen habe, bestehe aber fort. Und so lobte Lauterbauch auch seine Fast-Kollegen und ihre Fachgesellschaften für ihr beispielhaftes Engagement. Für die Versorgung im Krieg verletzter Ukrainer richtete er den ausdrücklichen Dank der Bundesregierung aus und auch für den Einsatz in der Pandemie wissend darum, wie die Notfallversorgung strapaziert und elektive Eingriffe zurückgestellt werden mussten. Für Lauterbach sogar ein Blick auf das „was wir zukünftig demographiebedingt erleben werden“. Den Fachgesellschaften des Faches schmierte er noch etwas mehr Honig um den Mund, denn diese hätten zu denjenigen gehört, die im Gegensatz zu anderen keinen Wiederstand geleistet hätten als die Mindestmengen eingeführt worden seien, wobei er selbst damals beteiligt war. Bei den geforderten mindestens 50 knieendoprothetischen Eingriffen je Klinik habe O & U nicht aufbegehrt, ganz anders als diejenigen Fachgesellschaften, die sich etwa bezüglich der „nur zwölf“ geforderten operativen Eingriffen beim Pankreaskarzenom äußerten, erinnerte er sich. Gleiches gelte auch für die gute Kooperation beim anstehenden Implantateregister. Dank der guten Vorarbeit von O & U „bin ich gespannt auf die Langzeitergebnisse der Register, das wird großartig“, freute sich Lauterbach. Geschickt nahm der Minister so den zuvor von den Kongresspräsidenten geäußerten Unmut bezüglich Finanzstabilisierungsgesetz, Personalmangel, Unterfinanzierung, neuer Medizinprodukteverordnung, überlaufener Notfallversorgung oder verschleppter Digitalisierung und DMP-Programme etwas Wind aus den Segeln, um dann auf die meisten Kritikpunkte direkt und später in gemeinsamer kurzer Diskussionsrunde mit den Kongresspräsidenten einzugehen. Kritik Medizinprodukteverordnung Lauterbach erklärte, dass der Dialogprozess mit Brüssel längst begonnen habe. „Wir nehmen ihren Input dabei sehr ernst“, betonte er. Man wolle etwa deutlich mehr benannte Stellen und man strebe eher eine große abgestimmte europäische Lösung an als eine kleine, weniger weitreichende. Dabei hob er die wohlwollende Haltung der pragmatischen und lösungsorientierten EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hervor, „die nicht gegen uns arbeitet“, bat aber um Nachsicht, nicht aus dem Nähkästchen über die Verhandlungen plaudern zu können. Kritik Unterfinanzierung und Personalmangel Der Minister kündigte an mit einer großen Krankenhausreform die Krankenhaustagesversorgung stärken zu wollen. Es gehe ihm keineswegs darum Aufgaben vom ambulanten auf den stationären Sektor verlagern zu wollen. Er wolle Übernachtungen in Kliniken reduzieren. Das bedeute in der Konsequenz weniger Nachtschichten für die Pflege und Ärzte, eine Reduzierung des Risikos der Infektion mit Krankenhauskeimen und weniger Delire und kognitiver Abbau bei alten, chronisch kranken Patienten. Und dann kündigte er auch eine große DRG-Reform an. Zunächst sei ja eine Weiterentwicklung der DRG angedacht gewesen, berichtete er, aber durch die Kommissionsarbeit zeichne sich immer mehr ab, dass es auf eine Überwindung der DRG hinauslaufe, kündigte er unter Applaus des Publikums an. Dabei würden sicherlich die Vorhaltekosten eine größere Rolle spielen und auch Leistungskomplexe entwickelt, die den Therapieaufwand besser abbildeten. „Die Konturen für dies Reform zeichnen sich langsam ab, das werden sie bald sehen“, so der Gesundheitsminister. Das DRG-System werde überwunden. „Da können Sie sicher sein“, betonte er. Neben der Geburtshilfe und der Pädiatrie werde etwa auch die Notfallversorgung davon profitieren. Er erklärte zudem, dass man dieses Mal mit Absicht nicht alle möglichen Lobbygruppen bei diesem Reformansatz eingebunden, sondern lediglich eine Beratungskommission eingesetzt hat, um die Reform aufgrund von Bedenken nicht im Keim zu ersticken. „Wir haben es dieses Mal stärker wissenschaftlich aufgebaut, so wie ich gerne arbeite“, sagte Lauterbach. Zudem forderte Lauterbach, dass mit Blick auf die Zukunft weit mehr Medizinstudenten gewonnen werden müssten „für den Bedarf, der da auf uns zukommt“. Es sei ethisch nicht zu vertreten, dass man in Deutschland die Lücken mit gut ausgebildeten Mediziner aus ärmeren Ländern abdecke und diese der dortigen medizinischen Versorgung entziehe. Kritik fehlende Umsetzung bestehender Disease-Management-Programm (DMP) Ob DMP-Programme zur Rheumatoiden Arthritis, Osteoporose oder Rückenschmerz. Die Umsetzung ausgearbeiteter DMP-Programme geht Orthopäden und Unfallchirurgen entschieden zu langsam, die fehlende Bereitschaft der Kassen sie zu finanzieren stößt auf Unverständnis. Lauterbach folgte dieser Kritik vollumfänglich. Er sagte zu, hier präzise nachhaken zu wollen, um diese anzuschieben, dies gelte vor allem auch für das so wichtige DMP Rückenschmerz. Kritik verschleppte Digitalisierung Lauterbach konstatierte, „dass wir bei der Digitalisierung weit zurückgefallen sind“. Er selbst habe damals auf den Wunsch von Bundeskanzler Gehard Schröder, ein Modernisierungsprojekt im Gesundheitssystem zu entwerfen, die elektronische Akte vor 20 Jahren mitangestoßen. „Ich hätte mir damals zwar schon vorstellen können in 20 Jahren Gesundheitsminister zu sein, dass aber die eAkte immer noch nicht da ist, hätte ich mir nicht vorstellen können“, erklärte er unter dem Gelächter der Zuhörenden. Warum es bei der Digitalisierung so langsam vorangehe, veranschaulichte er in der Diskussion mit den Präsidenten am Beispiel des Datenschutzes. Der Maximalforderung den Missbrauch von Gesundheitsdaten unmöglich zu machen, stehe entgegen, dass damit immer mehr sinnvolle und wichtige Elemente der eAkte unmöglich werden, wie etwa der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Er versicherte pragmatisch an neuen Lösungen zu arbeiten, betonte aber auch, dass dieses Thema keine Kleinigkeit sei. „Wir müssen hier vom Ende her denken, um nun die richtigen Strukturentscheidungen zu treffen“, betonte Lauterbach und warb um Unterstützung durch die Fachgesellschaften von O & U. „Bei den hier sicher aufkommenden Diskussionen, benötige ich diese, sonst werde ich es politisch nicht umsetzen können“, gab er sich überzeugt. Fazit der Kongresspräsidenten Nachdem der Minister schon wieder den Kongresshallen enteilt war, zogen die Kongresspräsidenten das wohlwollende Fazit, dass ihre Anliegen von Lauterbach ernst genommen und gehört worden seien. Viele ihrer Kritikpunkte habe er aufgegriffen. „Nun müssen wir vorankommen.“ (hr)
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