Identifikation von Stoffwechselabhängigkeiten in Krebszellen liefert neue Therapieansätze

Erstautorin Dr. Tea Pemovska und Studienleiter Prof. Giulio Superti-Furga. Foto: © Klaus Pichler/CeMM

Wiener Wissenschaftler konnten anhand einer neuen Wirkstoffbibliothek mit 243 Substanzen, die auf verschiedene zentrale Stoffwechselprozesse der Zelle abzielen, die Sensitivität von 15 myeloischen Leukämie-Zelllinien ermitteln.

Um schnell wachsen und sich schnell reproduzieren zu können, verändern proliferierende Zellen ihren Stoffwechsel. Dieser veränderte Zellstoffwechsel gilt als Krebsmarker, denn Krebszellen brauchen diese Art von „Hochleistungs-Stoffwechsel“, um sowohl im Körper als auch in Zellkulturen überleben und wachsen zu können. Die Forschungsgruppe von Prof. Giulio Superti-Furga am CeMM und der MedUni Wien arbeitet seit einigen Jahren daran, die Abhängigkeit bestimmter Funktionen in menschlichen Zellen von Stoffwechselprodukten und Nährstoffen zu verstehen.

In einer aktuellen Studie in “Nature Communications” zeigen die Wissenschaftler nun, wie sie mittels einer neuen Substanzbibliothek mit dem Namen CLIMET – CeMM Library of Metabolic Drugs – testen, welche Akteure und Prozesse des veränderten Stoffwechsels in unterschiedlichen Krebszelllinien von zentraler Bedeutung sind. Die Wirkstoffbibliothek besteht aus 243 Substanzen, die den Zellmetabolismus beeinflussen, indem sie auf verschiedene Zweige des großen, komplexen und weit verzweigten Netzwerks einwirken, das dem zellulären Stoffwechsel zugrunde liegt. Die Ergebnisse der Studie bringen spezifische metabolische „Schwachstellen” bestimmter Leukämiezelltypen hervor, die wichtige Ansätze zur Entwicklung neuer Therapien liefern.

Wirkstoffsensitivität gibt wichtige Hinweise für Therapieansätze

Für die Wirkstoffbibliothek CLIMET griff Erstautorin Tea Pemovska im Rahmen ihres Postdocs in der Forschungsgruppe von Superti-Furga am CeMM auf Substanzen zurück, die auf acht zentrale Prozesse und Signalwege des Zellmetabolismus abzielen. Um ein besseres Verständnis der molekularen Prozesse zu erhalten, die am Zellstoffwechsel von Krebszellen zentral beteiligt sind, verwendete das Team CLIMET für eine Proof-of-concept Studie in verschiedenen Blutkrebs-Zelllinien sowie Patientenproben.

Die erhaltenen Profile der Wirkstoffsensitivität gliedern die Zelllinien bzw. Patientenproben der myeloischen Leukämie in fünf funktionelle Gruppen, die jeweils durch ihre Sensitivität gegenüber 18 verschiedenen Substanzen definiert wurden. Studienleiter Superti-Furga erklärt: „Die Sammlung chemischer Wirkstoffe, die verschiedene Aspekte des Krebszellstoffwechsels beeinflussen, stellt ein Instrumentarium dar, mit dem Zelllinien, Primärproben von Krebspatientinnen und -patienten sowie Tiermodelle auf vielseitige Weise und mit unterschiedlichen Dosierungen untersucht werden können, um metabolische Abhängigkeiten zu identifizieren und therapeutische Strategien abzuleiten. Damit zeigen wir exemplarisch einen praktischen und auch umsetzbaren Weg, wie diese Schwachstellen der Krebszellen therapeutisch genutzt werden können, typischerweise in Kombination mit anderen Medikamenten.”

„Antrieb“ und „Schwachstellen“ des Zellmetabolismus identifizieren

Pemovska, die derzeit Wissenschaftlerin in der Functional Precision Hematology Group an der MedUni Wien ist, und ihre Kollegen konnten im Rahmen der Studie zeigen, dass bestimmte menschliche Leukämie-Zelllinien besonders sensitiv auf den PI3K-Inhibitor Pictilisib, den Fettsäure-Synthase-Inhibitor GSK2194069 und den SLC16A1-Inhibitor AZD3965 reagierten.

Sie erklärt: „Bei einige Zelllinien der myeloiden Leukämie, vor allem bei zwei Zelllinien mit Chronischer Myeloischer Leukämie, zeigte sich eine hohe selektive Sensitivität auf den Inhibitor AZD3965, der den wichtigen Laktattransporter SLC16A1 hemmt. Dadurch lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, welche Zelllinien bzw. Patientinnen und Patienten am besten auf diesen Wirkstoff ansprechen könnten.“

Gleichzeitig bestätigt die Studie erneut den hohen Nutzen einer fokussierten metabolischen Wirkstoffbibliothek in phänotypischen Screening-Plattformen, die die Identifikation von Stoffwechselabhängigkeiten ermöglichen. „Unsere Studie belegt die Durchführbarkeit dieser Strategie und unterstreicht die Bedeutung des ‚Aufspürens‘ metabolischer Schwachstellen in Krebszellen mittels funktioneller Tests”, so Superti-Furga.

Förderung: Die Studie wurde mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrates (695214 und 677006), des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF (SFB F4711), des European Molecular Biology Organization (EMBO) Long Term Fellowship 733-2016, und des Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) im Rahmen des Projekts LS16-034 finanziert.