Immundefekte rechtzeitig erkennen

Ayleen Sophie mit Ihren Eltern Anna und Johann H. (m.) sowie Prof. Schmidt und Prof. Baumann (v.l.) sowie Prof. Sauer und Dr. Janzen (v. r.). MHH/Kaiser

Experten der Medizinischen Hochschule Hannover stellen ein neuentwickeltes Neugeborenen-Screening vor. Krankenkassen übernehmen ab August 2019 die Kosten der Untersuchung.


SCID (severe combined immunodeficiency) ist eine Gruppe schwerer, seltener Immundefekte. Zwar erkrankt nur jeder 50.000 Säugling daran – in Niedersachsen betrifft die Erkrankung etwa zwei Kinder pro Jahr –, aber der jeweilige Immundefekt führt meist zu einer schweren Störung der Bildung weißer Blutkörperchen. Die betroffenen Kinder können keine funktionierende Immunabwehr entwickeln, Krankheitserreger wie Bakterien, Pilze oder Viren führen zu schweren Infektionen. Unbehandelt sterben die an SCID erkrankten Kinder in den ersten Lebensmonaten.

Die MHH hat deshalb ein neues Zentrum für zelluläre Immundefekte gegründet, das sich sowohl um Kinder wie auch Erwachsene kümmert. Darin haben sich Expertinnen und Experten der Kliniken für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie und Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, der Klinik für klinische Immunologie und Rheumatologie und des Instituts für Humangenetik zusammengeschlossen, um betroffene Kinder künftig schneller untersuchen und behandeln können. Darüber hinaus soll jugendlichen Patientinnen und Patienten der Übergang der Betreuung von der Kinderklinik in die Kliniken für Erwachsenenmedizin erleichtert werden. Die MHH gehört zu einem von einer Handvoll Zentren in Deutschland, die sich auf Immundefekte spezialisiert haben.

„Bei sehr schweren Formen eines angeborenen Immundefektes kann es lebenswichtig sein, dass die Diagnose bereits kurz nach der Geburt des Kindes gestellt wird, um eine adäquate Therapie so schnell wie möglich zu beginnen“, betont Prof. Ulrich Baumann, Oberarzt in der Klinik für Pädiatrische Pneumologie und Neonatologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Und Prof. Martin Sauer ergänzt: „Bei SCID müssen die Kinder möglichst schnell mit einer Knochenmarktransplantation behandelt werden. Das Neugeborenen-Screening gibt den betroffenen Kindern eine bessere Chance auf Heilung, bevor sie lebensbedrohliche Infektionen erleiden.“

Neues Neugeborenen-Screening entdeckt SCID

Zum Einsatz kommt dabei in Zusammenarbeit mit dem Screening-Labor Hannover ein neu entwickeltes Neugeborenen-Screening, das bereits bei Neugeborenen feststellen kann, ob sie von einem SCID betroffen sind. Die Bestimmung erfolgt über Trockenblutproben, dazu werden den Kindern im Rahmen des bereits bestehenden Neugeborenen-Screenings am dritten Lebenstag einige Tropfen Blut aus der Ferse entnommen und auf eine Filterpapierkarte getröpfelt.

„Die Besonderheit der hinzukommenden SCID-Untersuchung ist die Einführung eines molekulargenetischen Tests für alle Neugeborenen, bei dem, einfach gesagt, DNA extrahiert wird. Der Verdacht auf SCID ergibt sich aus dem Nicht-Vorhandensein bestimmter DNA-Abschnitte, die bei gesunden Kindern vorhanden wären. Bisher basierten die Tests auf immunologischen, enzymatischen und analytischen Methoden von Stoffwechselparametern und Hormonen“, erläutert Dr. Nils Janzen, der das Screening-Labor Hannover leitet.

In der MHH-Klinik für Immunologie und Rheumatologie unter der Leitung von Prof. Reinhild E. Schmidt schließlich wird die Analyse der Zellen vorgenommen, die erforderlich ist, um einen Verdacht auf SCID zu sichern oder auszuschließen. „Unsere Klinik spielt insbesondere mit der Labordiagnostik für die Neugeborenen eine wichtige Rolle. Zur weiteren Einordnung der Screening-Ergebnisse sowie der möglicherweise unklaren Befunde leistet die immunologische Spezialdiagnostik einen wichtigen Beitrag“, betont Schmidt.