IMPACC-Studie: Unsachgemäßer Azithromycin-Einsatz bei COVID-19 führt rasch zu Resistenzen

Abbildung/KI-generiert: © Giama22/stock.adobe.com

Laut einer Untersuchung zu Veränderungen des Mikrobioms hospitalisierter COVID-19-Patienten kann der Einsatz des Makrolid-Antibiotikums Azithromycin schon nach einem Tag zu Antibiotikaresistenzen in den Atemwegen führen.

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie, so schreiben die Autoren von der University of California (UC) in San Francisco (USA), sei Azithromycin weit verbreitet eingesetzt worden. Die Grundlage für dieses Vorgehen bildeten damals kleinere Studien, die einen therapeutischen Nutzen in diesen Fällen nahegelegt hatten. Randomisierte kontrollierte Studien zeigten jedoch später, dass Azithromycin keinen klinischen Nutzen bei der Behandlung von COVID-19 hatte. Diese Studien umfassten stationär behandelte Patienten (RECOVERY; n=7763), stationäre Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung (COALITION II; n=397), Patienten mit leichter bis mittelschwerer COVID-19-Erkrankung (ATOMIC II; n=298) sowie Patienten in ambulanter Behandlung (PRINCIPLE; n=1323). Dennoch sei es vielerorts bei COVID-19-Patienten eingesetzt worden.

Aktivierung von Resistenzgenen in den Atemwegen innerhalb eines Tages

„Wir wissen seit Jahren, dass Anbiotika bei Virusinfektionen nicht helfen, aber diese Ergebnisse waren verblüffend“, erklärt der UC-Infektiologe Prof. Chaz Langelier. „Dass wir innerhalb eines Tages die Aktivierung von Resistenzgenen in den Atemwegen beobachten konnten, zeigt uns, dass die Folgen eines unnötigen Antibiotkaeinsatzes nicht theoretisch sind oder nach längerer Zeit auftreten. Sie sind stattdessen unmittelbar, messbar und biologisch real.“

Die in „Nature Microbiology“ veröffentlichten Ergebnisse stammen aus einer multizentrischen Genomstudie (IMmuno Phenotyping Assessment in a COVID-19 Cohort [IMPACC]), die unter anderem vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) finanziert wurde. Die Forschenden untersuchten 1164 COVID-19-Patienten, die zwischen Mai 2020 und März 2021 in mehr als 20 US-amerikanischen Krankenhäusern stationär behandelt worden waren – also bevor COVID-19-Impfstoffe verfügbar waren.

Von diesen wurden 366 (31,4%) empirisch mit Azithromycin in Monotherapie oder zusammen mit anderen Antibiotika behandelt (Azithro-Gruppe), während 474 (40,7%) keine Antibiotika erhielten (Kein-Abx-Gruppe) und 324 (27,8%) andere Antibiotika als Azithromycin (Andere-Abx-Gruppe).

Am schwersten erkrankte COVID-19-Patienten erhielten am häufigsten Azithromycin

Die Wissenschaftler verglichen Patienten, die Azithromycin erhielten, mit solchen, die kein Antibiotikum oder ein anderes bekamen. Die empirische Gabe von Azithromycin erfolgte laut den Studienautoren am häufigsten bei Patienten mit dem schwersten COVID-19-Verlauf.

Im Vergleich zu der Gruppe von Patienten, die andere Antibiotika als Azithromycin erhielten zeigten die mit Azithromycin Behandelten jedoch einen weniger schweren Krankheitsverlauf. Die Patienten erhielten Azithromycin im Median für eine Dauer von zwei Tagen und in den meisten Fällen (98,2%) innerhalb einer Woche nach der Hospitalisierung. Patienten aus der Azithromycin-Gruppe wurden am häufigsten zusätzlich mit Ceftriaxon (77,2%) oder Vancomycin (19,4%) behandelt.

Gestörte Zusammensetzung des Atemwegsmikrobioms

Die Forschenden berichten von einer signifikanten Zunahme nachweisbarer Makrolid-Resistenzgene nach fünf (±1) Tagen unter Azithromycin. Dabei seien die Effekte in einigen Fällen bereits nach wenigen Tagen sichtbar gewesen. Beobachtet wurden auch Veränderungen in der Zusammensetzung der Mikrobiota der oberen Atemwege bei Azithromycin-Therapie: Es kam unter anderem zu einer Anreicherung potenziell pathogener Taxa wie Klebsiella– und Staphylococcus-Arten.

„Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, dass eine unangemessene Anwendung von Azithromycin bei Patienten mit viralen Atemwegsinfektionen die Ausbreitung von Makrolid-Resistenzgenen begünstigen und die Zusammensetzung des Atemwegsmikrobioms stören kann“, schreiben die Autoren in ihrer Arbeit.

Als nächstes wollen die Wissenschaftler untersuchen, ob andere Antibiotika wie Amoxicillin und Ceftriaxon ähnliche Effekte bei stationär behandelten Patienten haben.