Indikationserweiterungen in der Arzneimittel-Zulassung: Oft ohne Zusatznutzen-Nachweis19. Juli 2023 Symbolbild.©Artinun-stock.adobe.com Beate Wieseler, die beim IQWiG das Ressort Arzneimittelbewertung leitet, plädiert in einem Kommentar im Journal “BMJ” für Zulassungsregularien, die Arzneimittel mit nachgewiesenem Zusatznutzen fördern anstelle von Me-too-Präparaten. Eine im BMJ veröffentlichte Studie eines Forschungsteams aus Harvard (doi:10.1136/bmj-2022-074166), so heißt es, habe anhand von Health Technology Assessments aus Deutschland und Frankreich einen Trend bestätigt, der sich schon länger abgezeichnet habe: Während zumindest jedes zweite neue Arzneimittel in seinem ersten Anwendungsgebiet den Betroffenen einen nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber der Standardbehandlung biete, sinke dieser Anteil mit jeder weiteren Indikation, für die anschließend ebenfalls eine Zulassung erteilt wird. Im dritten Anwendungsgebiet sei die Chance eines Zusatznutzens bereits um 45 Prozent kleiner als in der ersten Indikation. Dennoch bemühe sich die Pharmaindustrie häufig erfolgreich um solche Zulassungserweiterungen, um ihren Ressourceneinsatz zu optimieren und die Schutzfristen für ihre Wirkstoffe zu verlängern. Nachschärfung im Rahmen der Revision des EU-Arzneimittelrechts Anders, als viele Menschen glauben, ist eine Überlegenheit gegenüber den bisherigen Therapien keine Voraussetzung für eine Arzneimittel-Zulassung: Die gesetzlichen Vorschriften in Europa und den USA verlangen lediglich eine positive Nutzen-Risiko-Bilanz, also dass das Arzneimittel mehr nutzt als schadet. Wieseler, die im Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) das Ressort Arzneimittelbewertung leitet, spricht sich in ihrem BMJ-Kommentar zur Harvard-Studie für eine Nachschärfung dieser Vorschriften aus, etwa im Rahmen der geplanten Revision des EU-Arzneimittelrechts. Zwar sei es in gewissem Rahmen sinnvoll, in verschiedenen Indikationen zwischen mehreren Präparaten wählen zu können, etwa um Nebenwirkungen zu minimieren. Aber die Regelwerke sollten eigentlich Anreize für echte Verbesserungen gegenüber den bisherigen Therapien setzen, indem sie Fördermaßnahmen wie die Verlängerung der Marktexklusivität an den Nachweis eines Zusatznutzens gegenüber vorhandenen Therapieoptionen knüpfen. „Die Studie aus Harvard zeigt einmal mehr: Man muss die tatsächlichen Konsequenzen der Arzneimittelgesetzgebung im Detail analysieren, um Fehlentwicklungen zu erkennen. Dann kann man das Regelwerk evidenzbasiert weiterentwickeln, um Ressourcen bestmöglich einzusetzen, echte Innovationen zu fördern und damit die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern“, meint Wieseler. „So, wie das System derzeit aufgesetzt ist, wird es den Erwartungen von Patientinnen und Patienten, Öffentlichkeit, Ärzteschaft und Politik nicht gerecht.“
Mehr erfahren zu: "Ferroptose im Glaukom: Schwefelwasserstoff-basierte Strategien als potenziell neuer Ansatz" Ferroptose im Glaukom: Schwefelwasserstoff-basierte Strategien als potenziell neuer Ansatz Das Glaukom ist durch eine progressive Degeneration retinaler Ganglienzellen (RGCs) gekennzeichnet. Obwohl ein erhöhter intraokularer Druck (IOD) den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktor darstellt, schreitet die Neurodegeneration häufig trotz erfolgreicher Drucksenkung fort. […]
Mehr erfahren zu: "Milbenbefall: Oft übersehene Ursache für Lidrandentzündungen" Milbenbefall: Oft übersehene Ursache für Lidrandentzündungen Auf der Vorab-Pressekonferenz zum Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft e.V. (DOG) erläuterte eine Expertin wie man einen verstärkten Milbenbefall am Auge erkennt und welche Therapien helfen.
Mehr erfahren zu: "Dreidimensionale Organkulturen: Neue Optionen auch für die Ophthalmologie" Dreidimensionale Organkulturen: Neue Optionen auch für die Ophthalmologie Die biomedizinische Forschung erlebt einen grundlegenden Wandel. Immer häufiger werden humane Gewebemodelle entwickelt, die wesentliche Eigenschaften menschlicher Organe nachbilden. Dadurch lassen sich Krankheiten direkt an lebenden Geweben untersuchen.