Jeder zweite Geflüchtete ist psychisch belastet23. September 2019 Flüchtlinge vor der Leipziger Ernst-Grube-Halle 2016 (Foto: Universität Leipzig, Swen Reichhold) Rund 68,5 Millionen Menschen waren 2017 weltweit auf der Flucht vor Gefahren, Armut und Krieg in ihren Herkunftsregionen, 970.400 kamen nach Deutschland. Unmittelbar nach ihrer Ankunft befragten Wissenschaftler der Universität Leipzig einen Teil der Geflüchteten in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Die Studienergebnisse unterstreichen die hohe psychische Belastung Geflüchteter und liefern wichtige Informationen für die weitere Versorgung. Die Studie wurde in einer Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende von Mai 2017 bis Juni 2018 durchgeführt. Insgesamt nahmen 569 erwachsene Geflüchtete aus mehr als dreißig Ländern teil. Etwa die Hälfte wurde innerhalb der ersten Woche nach der Ankunft befragt. Die Studie von Wissenschaftlern um Prof. Heide Glaesmer und Dr. Yuriy Nesterko von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie ergab, dass rund 50 Prozent der befragten Geflüchteten deutliche Zeichen einer psychischen Störung zeigen. Ein Drittel der Befragten hat eine posttraumatische Belastungsstörung, ein Drittel berichtet von psychosomatischen Symptomen wie Herzrasen und Angstzuständen. Viele Betroffene wiesen außerdem Symptome einer Depression auf und leiden unter mehr als einer psychischen Störung. „Die Ergebnisse sind für uns grundsätzlich nicht überraschend. Die Geflüchteten hatten zum Zeitpunkt der Befragung fast immer eine lange Flucht hinter sich, viele hatten Krieg und Gewalt erfahren und waren von ihren Familien und Angehörigen getrennt“, fasst Glaesmer die Studienergebnisse zusammen. Durch die traumatischen Erfahrungen und die psychischen Störungen ist die Leistungsfähigkeit der Betroffenen oft in wichtigen Lebensbereichen eingeschränkt und das Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Erkrankungen beziehungsweise deren Chronifizierung steigt stark an. „Die Studienergebnisse weisen zum einen auf die Dringlichkeit einer professionellen Behandlung der Betroffenen hin. Zum anderen sind psychosoziale Entlastungs- und Beratungsangebote vor Ort von Nöten, insbesondere für kürzlich angekommene Geflüchtete, um Symptomverschlechterungen und der Entwicklung von psychischen Störungen vorzubeugen“, resümiert Co-Autor Nesterko. Die Studie sei eine Momentaufnahme kurz nach der Ankunft in der Erstaufnahmeeinrichtung, erklären die Forscher. Es sei zu erwarten, dass bei einigen Personen psychische Belastungen erst noch zum Tragen kommen, während andere möglicherweise in einer sicheren und ruhigen Umgebung diese überwinden können. Entscheidend sei, dass ohne eine zeitnahe und bedarfsorientierte Versorgung die Gefahr einer stetigen Verschlechterung der psychischen Gesundheit als sehr hoch einzustufen ist. Nach Einschätzung der Autoren liefert Studie wichtige Informationen für die Gesundheitsplanung und weitere Versorgung. Sie mache zudem deutlich, wie wichtig es ist, eine frühzeitige psychosoziale Unterstützung für Geflüchtete bereitzustellen. Die Roland Ernst Stiftung für Gesundheitswesen förderte die Studie mit 61.800 Euro.
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei" Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht. Daneben spielen aber auch bestimmte Genvarianten eine wichtige Rolle. Wie Forschende der Universität Zürich zeigen, führt erst das molekulare Zusammenspiel […]
Mehr erfahren zu: "Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet" Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet Verhaltensauffälligkeiten nehmen auch im Schulalltag zu. Nach langer Planung startet in Sachsen nun ein Projekt, das Lehrkräfte sowie Schulleitungen entlasten soll.
Mehr erfahren zu: "Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken" Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken Auch mehrere Jahre nach Ende der Corona-Pandemie prägt diese Zeit noch Tausende Teenager in Baden-Württemberg in Form psychischer Erkrankungen.