Juveniles Fibromyalgiesyndrom erhöht Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen

Kinder und Jugendliche mit juvenilem Fibromyalgiesyndrom reagieren stärker auf sensorische Reize. (Foto: ©photophonie/stock.adobe.com)

Ob Licht, Lärm oder Berührung: Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen mit juvenilem Fibromyalgiesyndrom reagiert stärker und empfindlicher auf diese Sinnesreize. Die Überreaktion hängt offenbar eng damit zusammen, wie stark die Beschwerden sind.

Das juvenile Fibromyalgiesyndrom ist eine chronische Schmerzerkrankung, von der Schätzungen zufolge etwa zwei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Sie betrifft hauptsächlich Mädchen im Jugendalter, und die Symptome können bis ins Erwachsenenalter anhalten und den Alltag erheblich beeinträchtigen. Die Erkrankung ist geprägt von diffusen Schmerzen im Bereich der Gelenke und Muskulatur. Obwohl diese das auffälligste Symptom sind, empfinden viele Patientinnen auch starke Beschwerden bei alltäglichen Sinnesreizen. Die neuronalen Mechanismen hinter diesen Symptomen und ihre klinische Relevanz sind jedoch noch nicht vollständig erforscht.

Dem nahm sich ein Team der Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften und des Instituts für Neurowissenschaften (UBneuro) der Universität Barcelona (Spanien) an. Die Ergebnisse ihrer in „Pain“ veröffentlichten Studie liefern neue Erkenntnisse über die Gehirnmechanismen, die dem juvenilen Fibromyalgiesyndrom zugrunde liegen. Durch die Kombination detaillierter Verhaltensanalysen mit moderner Bildgebung des Gehirns konnten die Autoren Patientensubtypen definieren, die erklären könnten, warum die Erkrankung in manchen Fällen stärkere Beeinträchtigungen verursacht als in anderen.

Die Studie eröffnet neue Wege zur Verbesserung der Diagnostik und zur Entwicklung personalisierter Therapieansätze für die Erkrankung, die nach wie vor schwer zu charakterisieren und zu behandeln ist.

Juvenile Fibromyalgiesyndrom: Wie reagiert das Gehirn auf sensorische Reize?

Das Forschungsteam inkludierte in seine Studie 90 weibliche Jugendliche, von denen 46 ein juveniles Fibromyalgiesyndrom aufwiesen und die übrigen 44 gesund waren. Bei den Studienteilnehmerinnen wurden die folgenden Untersuchungen vorgenommen:

  • Messung der multisensorischen Überempfindlichkeit im Alltag
  • auditive Aufgaben zur Beurteilung potenzieller Beeinträchtigungen des Gehörs und der Aufmerksamkeit
  • eine Multisensorikaufgabe während einer funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), bei der gleichzeitig visuelle, auditive und taktil-motorische Reize verarbeitet wurden.

Die Patientinnen mit juvenilem Fibromyalgiesyndrom berichteten über eine höhere multisensorische Überempfindlichkeit im Alltag und verstärkte unangenehme Empfindungen während der multisensorischen Aufgabe. Die Forschenden stellten bei ihnen jedoch keine Defizite beim Hörvermögen oder bei grundlegenden auditiven Aufmerksamkeitsprozessen fest. Die sensorische Überempfindlichkeit ist somit nicht auf eine periphere sensorische Beeinträchtigung zurückzuführen.

Im fMRT zeigte sich, dass eine erhöhte Aktivität in bestimmten Gehirnregionen in engem Zusammenhang mit der Schmerzintensität, der funktionellen Behinderung und der allgemeinen Symptombelastung stand. Die betreffenden Gehirnregionen – insbesondere in den präfrontalen Bereichen – sind an der sensorischen Integration und der kognitiv-emotionalen Regulation beteiligt. Zudem entdeckten die Forschenden, dass eine veränderte Verarbeitung nicht schmerzhafter sensorischer Reize im Gehirn eine zentrale Rolle bei der klinischen Ausprägung der Erkrankung spielt.

„Jugendliche mit Fibromyalgie nehmen selbst alltägliche Geräusche lauter wahr. Dies liegt nicht an einer Hörbeeinträchtigung, sondern an der Verstärkung und Koordination sensorischer Signale im Gehirn. Diese verstärkte neuronale Verarbeitung trägt dazu bei, zu erklären, warum die Erkrankung so stark beeinträchtigend sein kann und bereits in jungen Jahren Schmerzen und den Alltag beeinflusst“, so Doktorandin Laura Martín-Herrero, Erstautorin der Studie.

Individuellere Behandlungsansätze für chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen

In einem früheren Artikel im „Journal of Pediatric Psychology“ beschrieben die Autoren, dass sensorische Überempfindlichkeit nicht bei allen Patienten gleich ausgeprägt ist und identifizierten zwei Untergruppen von Jugendlichen mit juvenilem Fibromyalgiesyndrom: eine mit ausgeprägter multisensorischer Überempfindlichkeit und eine andere mit einem sensorischen Profil, das dem von Jugendlichen ohne diese Erkrankung ähnelt.

In der ersten Untergruppe zeigten die Patienten stärkere Kernsymptome, darunter eine größere funktionelle Beeinträchtigung und stärkere Erschöpfung. Überraschenderweise unterschied sich diese Gruppe jedoch nicht hinsichtlich Angstzuständen, Depressionen oder psychischen Bewältigungsstrategien. Dies deutet darauf hin, dass ihre sensorische Überempfindlichkeit primär mit sensorischen und weniger mit affektiven Symptomen zusammenhängt.

Auf Hirnebene wurde während multisensorischer Stimulation eine stärkere Aktivierung in Regionen wie dem primären motorischen Kortex und der Amygdala festgestellt. Dies deutet auf eine stärkere motorische und emotionale Reaktion auf Reize hin, die selbst nicht schmerzhaft sind.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass das Gehirn bei Jugendlichen mit Fibromyalgie alltägliche Sinneswahrnehmungen verstärkt. Dadurch kann der Alltag (soziales Umfeld, Schule, Sport usw.) für diese Jugendlichen überreizend und mitunter überwältigend sein. Daher ist es wichtig, die Bedeutung von Therapien hervorzuheben, die jungen Menschen helfen, mit sensorischer Überlastung und deren Auswirkungen auf alltägliche Aktivitäten und Erfahrungen umzugehen“, erklärt Studienleiterin Prof. Marina López-Solà.

„Das Verständnis dafür, wie das Gehirn alltägliche Sinnesinformationen bei juvenilem Fibromyalgiesyndrom verarbeitet, könnte letztendlich dazu beitragen, die Symptomlast zu verringern und die Lebensqualität der betroffenen jungen Menschen zu verbessern“, schließen die Forschenden.

(ah/BIERMANN)