Keynote Lecture: Gamechanger Inkretine – Chancen und Risiken für das Auge

Frank G. Holz überreichte die Urkunde für die Keynote Lecture an Stefan Kopf (v. r). Bild:©Schulz/Biermann Medizin

Prof. Stefan Kopf, Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Endokrinologie und Diabetologie, erläuterte auf der Augenärztlichen Akademie Deutschland, warum Inkretin-basierte Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid als mögliche Gamechanger gelten – und welche Chancen, aber auch Risiken, insbesondere für das Auge, diskutiert werden.

Adipositas gilt als Pandemie des 20. und 21. Jahrhunderts und nimmt weltweit weiter zu. Knapp drei Milliarden Menschen leiden an Übergewicht, fast zwei Milliarden an Adipositas – Männer häufiger als Frauen. „Warum sind wir nicht alle gesund und schlank?“, fragte Kopf und griff damit ein Thema auf, das viele Menschen beschäftigt.

Keine Diät ist dauerhaft erfolgreich

Das Problem ist keineswegs neu. Seit über 50 Jahren gibt es Diäten – und dennoch steigt die Zahl der Menschen mit Adipositas kontinuierlich an. Liegt die Ursache in zu viel Zucker und zu wenig Bewegung? Eine kleine Studie von 2019 zeigte, dass Probanden, die stark verarbeitete Lebensmittel konsumierten, häufiger Heißhungerattacken hatten und mehr Snacks zu sich nahmen als Menschen mit unverarbeiteter Kost.

Kopf betonte, dass zahlreiche Studien zeigen: Es gibt keine Diät, die dauerhaft erfolgreich ist. Zwar nehmen Menschen zunächst ab, doch der bekannte Jo-Jo-Effekt sorgt häufig dafür, dass das Gewicht zurückkehrt. Nachhaltiger seien drastischere Maßnahmen wie bariatrische Operationen. Große skandinavische Studien zeigen zudem, dass deutliche Gewichtsreduktion viele gesundheitliche Vorteile bringt: Blutdruck sinkt, der Bewegungsapparat wird entlastet, und Erkrankungen wie Fettleber, Diabetes mellitus, Schlafapnoe oder kardiovaskuläre Erkrankungen bessern sich deutlich.

Der Gamechanger: Inkretine

Hier kommen die Inkretin-basierten Medikamente ins Spiel. Zu dieser Wirkstoffgruppe gehören GIP, GLP-1, Glucagon, Amylin und PYY. Sie greifen bereits zu Beginn der Nahrungsaufnahme in den Stoffwechsel ein. Präparate wie Semaglutid oder Tirzepatid können Gewichtsverluste von bis zu 17 Prozent bewirken – vergleichbar mit bariatrischen Eingriffen wie Magenband oder Schlauchmagen.

Semaglutid wirkt dabei vor allem im Gehirn: Patienten berichten über ein ausgeprägtes Sättigungsgefühl, und einige erleben weniger Verlangen nach Alkohol oder Nikotin. Studien zeigen außerdem positive Effekte wie eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und eine Verbesserung der Nierenfunktion. GIP wirkt vorrangig im Fettgewebe; in Kombination mit GLP-1, wie bei Tirzepatid, entsteht eine besonders starke metabolische Wirkung. Erste Studien deuten darauf hin, dass damit auch das Risiko für Herzinsuffizienz, Typ-2-Diabetes und Todesfälle nach kardiovaskulären Ereignissen reduziert werden könnte.

Semaglutid und mögliche Augenkomplikationen

Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Nebenwirkungen. Einige Studien legen nahe, dass Semaglutid mit retinalen Blutungen oder einer Verschlechterung der diabetischen Retinopathie in Verbindung stehen könnte. Kopf erklärte, dass dies möglicherweise am schnellen Abfall des Blutzuckerspiegels während der Therapie liege. Ergebnisse aus SUSTAIN-6 und PIONEER-2 zeigen jedoch kein einheitliches Bild. Als Endokrinologe rechnet Kopf eher mit einer schützenden Wirkung auf das Auge, vergleichbar mit den Effekten auf die Niere.

Adipositas als Risikofaktor für Augenerkrankungen

Adipositas wirkt sich auch direkt auf die Augen aus. Studien zeigen, dass metabolisch adipöse Menschen ein erhöhtes Risiko für altersbedingte Makuladegeneration (AMD), Glaukom, Katarakt und diabetische Retinopathie haben. Auch Patienten mit Fettleber zeigen ähnliche Zusammenhänge.

Inkretin-Medikamente als Alternative zu Operationen

Blickt man in die Zukunft, könnten neue Wirkstoffkombinationen, etwa Dual-Agonisten (GLP-1 + Amylin / GLP-1 + Glucagon) oder Triple-Agonisten (GLP-1 + GIP + Glucagon), sehr hohe Gewichtsreduktionen erzielen. Kopf hält es für möglich, dass solche Medikamente langfristig bariatrische Operationen teilweise ersetzen könnten.

Adipositas bleibt eine globale Herausforderung ohne einfache Lösungen. Inkretin-basierte Medikamente zählen zu den bedeutendsten Entwicklungen der metabolischen Medizin der letzten Jahre. Langfristig könnten sie nicht nur den Stoffwechsel verbessern, sondern möglicherweise auch protektive Effekte auf das Auge haben.

(sas/BIERMANN)