KI-Agent soll Patientenerfahrungen für Versorgung und Gesundheitssysteme erfassen und auswerten

Foto: bixpicture/stock.adobe.com

Ein internationales Team will in den nächsten vier Jahren einen KI-Agenten entwickeln, der Patientenerfahrungen analysiert. Der interaktive Assistent soll helfen, individuelle Belastungen früh zu erkennen – zum Nutzen von Patienten und Behandlern.

Geleitet wird das internationale Konsortium von Forschenden der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg. Die Europäische Union fördert das Verbundprojekt „ResPECT. Generative AI Assistant – A Paradigm Shift in Burden Assessment for Cancer and Mental Health Care“ im Rahmen des Horizon-Europe-Programms mit rund 15,8 Millionen Euro.

Patienten mit schweren Erkrankungen erleben vielfältige Belastungen: Schmerzen nach einer Operation, Nebenwirkungen von Therapien, Ängste bezüglich des weiteren Krankheitsverlaufs. Dazu kommen Sorgen, ob etwa Angehörige gut versorgt sind oder Betroffene ihren Beruf weiter ausüben können. Viele dieser Erfahrungen bleiben im klinischen Alltag jedoch unvollständig erfasst oder erreichen Behandlungsteams erst spät.

Patienten sollen ihre Erfahrungen ortunabhängig schildern könnnen

ResPECT soll hier ansetzen. Patienten sollen ihr Befinden künftig jederzeit und ortsunabhängig schildern können – frei erzählt, in ihrer Muttersprache, aufgeschrieben oder per Spracheingabe. Dafür entwickeln die Forschenden aus elf europäischen Ländern gemeinsam ein auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierendes Tool, das die Patientenerfahrungen aufzeichnet, in Echtzeit auswertet und Belastungen identifiziert.

Verknüpft mit individuellen Patientendaten wie Diagnose, Therapieverlauf oder Medikation sowie Leitlinien soll der KI-Assistent den Patienten direkt ein laienverständliches Feedback mit klaren Handlungsempfehlungen geben. Parallel soll eine strukturierte Zusammenfassung in die Patientenakte übermittelt werden. Diese soll die relevanten Belastungen, Risiken und Versorgungsbedarfe für Behandlungsteams übersichtlich darstellen.

KI-Agent: Patientenerfahrungen strukturiert erfassen, Handlungsempfehlungen ableiten

„Unser Ziel ist es, Patientenerfahrungen strukturiert zu erfassen und sie unmittelbar handlungsrelevant zu machen. Wenn eine Patientin beispielsweise Nebenwirkungen, Erschöpfung oder soziale Sorgen beschreibt, soll daraus eine strukturierte Information entstehen, die Versorgung auslösen kann – medizinisch, pflegerisch, psychoonkologisch oder sozial“, erläutert Dr. André Pfob. Er koordiniert Forschungsprojekt.

Pfob forscht als wissenschaftlicher Leiter der Studienzentrale Senologie an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, am neu gegründeten Institute for Medical AI am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD) sowie am „Brustzentrum am Onkologischen Zentrum Heidelberg“ mit den Standorten UKHD und Klinik St. Elisabeth Heidelberg. „Für unsere Gesundheitssysteme wiederum liegen dank der gewonnenen strukturierten Daten künftig schnell und umfassend Informationen zu den zentralen Gesundheitsbelastungen der Bevölkerung vor“, so Pfob weiter.

Aus individuellen Erfahrungen lernende Versorgung machen

Neben der unmittelbaren Versorgung einzelner Patienten verfolgt ResPECT auch ein Ziel auf Gesundheitssystem-Ebene. Durch die strukturierte Auswertung von Patientenerfahrungen sollen künftig Informationen darüber entstehen, welche Belastungen in bestimmten Patientengruppen besonders häufig auftreten, wo Versorgungslücken bestehen und welche Unterstützungsangebote tatsächlich gebraucht werden.

Damit kann ResPECT dazu beitragen, Gesundheitsversorgung nicht nur reaktiv, sondern vorausschauender, patientenzentrierter und evidenzbasierter zu gestalten. „Patientinnen und Patienten berichten uns sehr genau, was Krankheit und Behandlung in ihrem Alltag bedeuten. Bisher fehlen jedoch oft die digitalen Strukturen, um dieses Erfahrungswissen systematisch für bessere Versorgung und bessere Gesundheitssysteme zu nutzen“, erläutert Pfob. „ResPECT soll helfen, aus individuellen Erfahrungen lernende Versorgung zu machen.“

KI-Agent zunächst für Brustkrebspatientinnen und Menschen mit Depressionen

Die Forschenden werden den virtuellen Assistenten zunächst exemplarisch für zwei Patientengruppen entwickeln und in Studien überprüfen: Brustkrebspatientinnen sowie Patienten mit Depressionen. Für beide Erkrankungen gibt es umfangreiches medizinisches Fachwissen und etablierte Leitlinien. Vor diesem Hintergrund können die Forschenden den KI-Agenten besonders zuverlässig entwickeln und überprüfen. Später sollen die Ergebnisse auf andere Erkrankungen übertragen werden.

Schon jetzt kommen in der Patientenversorgung Fragebögen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität zum Einsatz. „Diese Fragebögen konzentrieren sich in der Regel auf einzelne Symptome oder Heilungsverläufe nach Operationen und können deshalb die Komplexität individueller Krankheitserfahrungen nur begrenzt abbilden“, führt Pfob aus. Der geplante KI-Agent soll im Vergleich zu bestehenden Instrumenten flexibler, umfassender und stärker nutzerorientiert sein. Auch Rückfragen und Aufforderungen an Patienten sollen möglich sein – insbesondere bei hochdringlichen Themen wie Suizidgedanken oder Fieber unter Chemotherapie.

Europäisches Open-Source-Sprachmodell als Basis

Der KI-Agent zur Erfassung und Auswertung von Patientenerfahrungen wird auf einem bestehenden europäischen Open-Source-Sprachmodell basieren. Die Forschenden wollen dieses entsprechend trainieren und anpassen. Da der KI-Agent sensible persönliche Daten erheben und auswerten wird, muss das System höchsten Anforderungen an Sicherheit und Verlässlichkeit genügen.

Neben der Koordination des Verbundprojekts sind Forschende der Medizinischen Fakultät Heidelberg und Medizinerinnen und Mediziner des UKHD daran beteiligt, die Nutzeroberfläche des virtuellen Assistenten zu entwickeln und diesen mit bisherigen Methoden zur Erfassung von Patientenerfahrungen zu vergleichen. Weitere Konsortiumsmitglieder aus Heidelberg sind die Klinik St. Elisabeth Heidelberg, die eine klinische Studie zum ResPECT-Assistenten durchführen wird, sowie der Verein Gemeinsam gegen Brustkrebs. Dieser wird die Systemarchitektur des KI-Agenten zur Erfassung von Patientenerfahrungen mitentwickeln.

ResPECT ist Teil des GenAI4Health-Clusters der Europäischen Kommission, in dem europäische Initiativen zur verantwortungsvollen Nutzung generativer KI in Medizin und Gesundheitsversorgung zusammenarbeiten. Der Cluster soll dazu beitragen, technische Entwicklungen, klinische Anwendung, Patientenzentrierung und regulatorische Anforderungen enger miteinander zu verbinden.

Konsortium startet mit umfangreicher Horizon-Europe-Förderung

Die Europäische Union fördert das ResPECT-Konsortium im Rahmen des Horizon-Europe-Programms über einen Zeitraum von vier Jahren mit insgesamt rund 15,8 Millionen Euro. Knapp ein Drittel der Fördersumme verbleibt bei den Heidelberger Projektbeteiligten. Die weiteren Konsortiumsmitglieder kommen aus Deutschland (München und Berlin), Großbritannien, Portugal, Litauen, Slowenien, Zypern, Belgien, Griechenland, Polen, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz.

Projektstart ist am 1. Oktober 2026. ResPECT baut auf den Analysen und Ergebnissen von zwei internationalen Expertengremien auf: In den zurückliegenden Jahren hatten sowohl die „Lancet Commission on Cancer and Health Systems“ als auch die „Lancet Commission on the mental health effects of the COVID-19 pandemic“ Handlungsbedarf bei der Erfassung von patientenberichteten Erfahrungen und Belastungen im Gesundheitswesen identifiziert.


Mehr zum Thema KI-Agenten in der Medizin:

KI-Agent MIRA stellt in Modellsimulation genauere Diagnosen als Ärzte

Potenzial agentischer KI für das Gesundheitssystem